Review

Inhalt:
Der blinde Franco Arnó (Karl Malden) geht mit seiner Nichte Lori (Cinzia de Carolis) spazieren und wird Zeuge eines Gespräches zwischen zwei Personen in einem Auto, wobei der eine den anderen erpresst. Lori merkt sich das Gesicht des Erpressers; den Erpressten kann sie nicht erkennen.
Kurz darauf wird in einem Forschungsinstitut eingebrochen und der Wissenschaftler Dr. Calabresi (Carlo Alighiero) bekommt auf dem Bahnhof scheinbar durch einen Unfall etwas zu viel Zug. Lori erkennt in der Zeitung, dass es sich bei dem Toten um den Erpresser handelt und Franco geht der Sache auf den Grund. Er lernt den Reporter Carlo Giordani (James Franciscus) kennen und gemeinsam versuchen sie Licht ins Dunkel zu bringen. Nachdem der Fotograf, der die letzte Sekunde im Leben des Wissenschaftlers auf einem Foto festgehalten hat, entdeckt hat, dass der Wissenschaftler nicht verunglückte, sondern ermordet wurde, wird auch er getötet. Weitere Personen, die den Mörder entlarven können, sterben und schließlich wird Lori entführt und Franco und Carlo geraten in Lebensgefahr.


Kritik:
Nach seinem (zumindest in Italien) erfolgreichen "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" ließ Dario Argento mit seinem zweiten Film nicht lange auf sich warten.
"Die neunschwänzige Katze" ("The cat o' nine tails"), der bei uns unsinnigerweise wieder unter dem Namen Edgar Wallace vermarktet wurde, stellt erneut einen lupenreinen Giallo dar, der von Argento zwar gewohnt gekonnt inszeniert wurde, aber für meinen Geschmack im Vergleich zu seinen weiteren Meisterwerken erstaunlich konventionell ist.

Wie schon bei den schwarzen Handschuhen gerät wieder eine Person durch Zufall in einen Kriminalfall. Diesmal ist es der blinde Franco Arno, der Zeuge eines Erpressungsgespräches wird und schließlich eine sich entwickelnde Mordserie aufzuklären versucht. Die Tatsache, dass er blind ist, gibt der Sache hierbei einen besonderen Reiz, wobei das vorhandene Potenzial dieser Besonderheit nicht vollkommen ausgeschöpft wurde. Aber besser so, als zuviel des guten...
Besonders rührend finde ich das Verhältnis zwischen Franco und seiner Nichte Lori, die beide von der restlichen Welt im Stich gelassen wurden und sich wunderbar ergänzen. Die Szenen mit den beiden sind einfach nur herzergreifend schön.

Die Story ist recht spannend, wobei die interessante Tätersuche dann teilweise von unnötigen Handlungssträngen unterbrochen wird und dem ganzen etwas den Wind aus den Segeln nimmt. So finde ich die sich anbahnende Liebelei zwischen dem Reporter Carlo (James Franciscus) und Anna Terzi (Catherine Spaak), der Tochter des Institutleiters, zu sehr in die Länge gezogen. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Die Morde sind nach dem harmlosen Erstlingswerk dann eine Spur herber, wobei der rote Lebenssaft auch hier weniger zu Tage tritt, da der Mörder seine Opfer lieber stranguliert. Nichtsdestotrotz sind diese Szenen nicht von schlechten Eltern, da man beim Todeskampf der Auserwählten dabei ist und diese ziemlich lange nach Luft ringen.

Naja, auf jeden Fall ist es für den Zuschauer wohl unmöglich, den Täter frühzeitig zu entlarven, auch wenn das Motiv relativ früh erkenntlich ist. In dem Institut wurde nämlich erstaunliches entdeckt: Personen, die eine bestimmte Chromosomenanordnung besitzen (die sogenannte XYY-Kombination), neigen nachweislich zu kriminellen Tätigkeiten. Wer 1 und 1 zusammenzählen kann, sollte das Motiv für die Taten somit gelüftet haben ;-).
Das Motiv ist dann auch einer der größten Unterschiede zu Argentos anderen Hasch-mich-wer-ist-der-Mörder-Filmen, denn der Grund für die Morde liegt in diesem Film in der genetischen Beschaffenheit des Täters und nicht wie in seinen anderen Werken in der Psyche.

Apropos Mörder: Der Zuschauer erlebt in diesem Streifen ungewöhnlich viele Szenen direkt aus der Sicht desselbigen. Die Kameraführung hierbei ist wieder mal ein wahrer Genuss.
Das Highlight ist mit Sicherheit der Anfangsmord an dem Wissenschaftler und Erpresser, da diese Szene aus dem Rahmen fällt und genial abgedreht wurde: Das ganze spielt auf einem Bahnsteig und die Kamera nimmt die subjektive Sicht des Killers ein. Dieser hat mit dem Erpresser dort ein Treffen vereinbart und zwar zum Zeitpunkt des Eintreffens eines bestimmten Zuges. Man sieht also aus der Sicht des Mörders den Bahnhof, man guckt sich um und beobachtet den Wissenschaftler. Als der Zug einfährt, geht man in die Richtung des Erpressers, der einen erkennt und mit ausgestreckter Hand auf einen zukommt. Als dieser dann in unserer Nähe ist. schupsen wir ihn in Richtung Gleise und es folgen schnelle Schnitte, die zeigen, wie der Geschupste frontal gegen den Zug prallt und unter dessen Räder gerät. Eine filmische Glanzleistung!

Athmosphärisch sehr gelungen ist die Szene, in der Arno und Giordani in eine Grabkammer steigen, um ein Beweisstück aus einem Sarg zu holen. Der Bösewicht ist in der Nähe und sperrt den Reporter in der Kammer ein und der Zuschauer bleibt mit ihm gefangen, während man nicht weiß, was sich draussen zwischen dem Killer und dem Blinden abspielt. Als die Kammer geöffnet wird und der Blinde mit einer blutverschmierten Waffe eintritt, weiß man nicht, was passiert ist und was passieren wird. Hier wird einem Spannung und Athmosphäre pur serviert.

Am Ende dann, ohne zuviel zu verraten, trifft den Täter dann, wie auch in den meisten späteren Argentofilmen, die gerechte, harte Strafe. Er fällt in einen Fahrstuhlschacht, kann sich an den Trägerseilen festhalten, stürzt aber weiterhin in die Tiefe, bekommt heisse Hände (wie an dem entstehenden Qualm ersichtlich ist) und schlägt schließlich auf dem Fahrstuhldach auf, was seinen Schmerzenschrei abrupt enden lässt und auch mein festes auf die Zähne Beissen beendete.

Was bleibt noch zu diesem Film zu sagen? Die Musik stammt wie auch bei DGDSH (keine Angst, das ist keine neue Castingshow) von Ennio Morricone und überzeugt in gewohnter Manier. Besonders der Haupttitel gefällt und an den entscheidenden Stellen wird durch Morricones Musik eine wahre Spannung erzeugt.

Auf schauspielerischer Seite gibt es auch nichts zu meckern. Besonders Karl Malden und Cinzia de Carolis haben einen extra Schulterklopfer verdient.
Interessanterweise wird eine homosexuelle Person mal wieder, wie schon in DGDSH, von einem deutschen Mimen verkörpert. In diesem Fall ist es Horst Frank.

Trotz einiger Längen spannend und durchaus sehenswert.

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