Review
von Alex Kiensch
Der Meister des italienischen Horrorfilms und Thrillers lieferte mit „Die neunschwänzige Katze" geradezu einen Musterbeitrag des 70er-Giallo: eine eher banale Geschichte, diesmal über mörderische Vorgänge in einem biogenetischen Forschungsinstitut, grelle Mordsequenzen, eine stilistisch wilde Inszenierung und bestenfalls mäßige Darsteller mit recht steifen Dialogen für den gewissen Trash-Charme.
Wie so üblich bei Dario Argento startet auch dieser Film mit einer wahrhaft spektakulär in Szene gesetzten Sequenz: Ein blinder Mann und seine kleine Nichte werden beim nächtlichen Nachhauseweg Zeugen eines Erpressungsgesprächs. Kurz darauf wird der Wachmann des benachbarten Forschungslabors brutal niedergeschlagen und der Täter bricht ins Labor ein, um in den Unterlagen zu wühlen. Klingt nicht sehr aufregend? Ist aber dank des psychedelischen Soundtracks von niemand Geringerem als Ennio Morricone und der fantastischen Kameraarbeit, die eine minutenlange, konsequente Subjektive des Täters einnimmt, ein hochspannendes und enorm atmosphärisches Stück Film.
Diese Elemente bleiben die gesamte Laufzeit über konstant: Der Soundtrack bietet ein erstaunlich abwechslungsreiches Repertoire von mystischer Choralmusik bis zu schrillem Hochspannungsscore. Und die Kamera ergreift immer wieder unvorhergesehen radikale Perspektiven und Bildausschnitte - mehrfach wiederholte Mörder-Subjektiven, Detailaufnahmen auf aufgerissene Augen, wilde Schnittmontagen, die in eigentlich ruhige Szenen erschreckende Bildschnipsel einstreuen. Durch diese formale Inszenierung, unterstützt durch herrlichst schräges 70er-Set-Design, entwickelt „Die neunschwänzige Katze" ein ganz eigenes Format an Spannung und Unterhaltung, das trotz der üblichen Trash-Schwächen durchgehend zu unterhalten weiß.
Diese Schwächen sind mindestens so augenfällig wie die formalen Stärken: Der mittelmäßige Cast, der seine teils banalen, teils hölzernen Dialoge recht monoton zum Besten gibt und auch durch die billige deutsche Synchronisation nicht besser wird, trägt ebenso zum Trash-Charakter des Films bei wie einige unelegante Szenenwechsel und die austauschbare, weil kaum interessante Story. Solcherlei Aspekte trugen wesentlich dazu bei, dem gesamten Giallo-Genre und besonders den Filmen von Dario Argento einen verruchten Trash-Ruf einzufangen - nicht unberechtigt, dabei aber die wilden, krassen und teilweise tabubrechenden Elemente außer Acht lassend, die solche Genre-Werke auch heute noch zu kleinen Klassikern machen.
In diesem Falle etwa die überraschend drastischen Mordsequenzen: Allein die Szene, in der ein ahnungsloser Wissenschaftler vor einen einfahrenden Zug gestoßen wird, sucht in der Filmszene ihrer Zeit ihresgleichen. So krass, spektakulär und dabei hauptsächlich durch die rasante Schnittmontage erzeugt, war noch kaum eine Gewaltszene gezeigt worden. Auch die weiteren Morde glänzen nicht unbedingt mit Realismus, aber mit schockierender Brutalität, weitab damals üblicher Hollywood-Hochglanz-Gewalt. Gerade hier lassen sich schon einige Andeutungen auf Argentos spätere, weit heftigere Klassiker „Suspiria" oder „Inferno" erahnen.
Wer auf schrill-trashige, brutale und durchgehend spannende Thriller steht, ist mit „Die neunschwänzige Katze" bestens bedient. Und Fans des Giallo wissen sowieso, dass sie mit den Werken Argentos echte, schmutzige Klassiker vor sich haben. Ein Fest für jeden Freund derber Thriller-Kost.