Es war ein Schock für die schwedische Gesellschaft, als ihr Ministerpräsident Olof Palme im Februar 1986 auf offener Straße mitten in der Hauptstadt Stockholm erschossen wurde. Doch trotz großer, auch internationaler Anteilnahme konnte der Mörder nicht gefasst werden; zahlreiche Ermittlungspannen inklusive unterlassener Spurensicherung am Tatort führten schließlich erst 3 Jahre danach unter großem politischen Druck zur Verurteilung eines Drogenabhängigen, welcher sich später jedoch als unschuldig herausstellte. Nach dem zwischenzeitlich ungeklärt gebliebenen Mordfall wurde der cold case erst 31 Jahre später, 2017, wieder aufgerollt und endete 2020 mit dem Ergebnis, daß der höchstwahrscheinliche Mörder ein gewisser Stig Engström sei, welcher zu diesem Zeitpunkt jedoch schon längst verstorben war: Fall endgültig geschlossen.
Die Recherchen dieser 2017 ins Leben gerufenen neuen Kommission haben sich nun das schwedische Regisseurs-Duo Charlotte Brändström und Simon Kaijser im Auftrag von Netflix vorgenommen und unter dem vielsagenden Titel Der unwahrscheinliche Mörder eine mehrteilige Reihe über das Leben des mutmaßlichen Attentäters Stig Engström produziert, welche mit dem Tatabend beginnt und in langen Rückblenden dessen (mehr oder weniger verpfuschtes) Leben zeigt. Herausgekommen ist weniger ein spannender Kriminalfall als vielmehr ein halbdokumentarisches Sozialdrama um einen zunächst abstoßenden, später nurmehr Mitleid erregenden Totalversager, der den Mord keineswegs aus politischen Motiven, sondern ausschließlich aus persönlichem Geltungsbedürfnis und gekränkter Eitelkeit heraus begangen hat.
Die 5-teilige Serie beginnt mit den tödlichen Schüssen auf Palme, der ohne Begleitschutz mit seiner Frau gerade aus einer Kinovorstellung kommt und im leicht verschneiten Stockholm zu Fuß nach Hause gehen will. Engström nähert sich von hinten, feuert zweimal und rennt dann davon. Sich unterwegs immer wieder umblickend, ob ihm niemand folgt, schmeisst er unterwegs die Tatwaffe zwischen zwei Autos (sie wird seltsamerweise nie gefunden werden) und kehrt überhastet in seine in Tatortnähe befindliche Arbeitsstätte (eine Versicherung) zurück, wo er noch einmal einstempelt, um ein - wackeliges - Alibi zu haben. Von Anfang an verfolgt er eine undurchschaubar merkwürdige Strategie, stellt sich einerseits den Ermittlern als Zeuge zur Verfügung (und lügt dabei unwidersprochen und nicht überprüft über einen angeblichen Fehler der Firmenstempeluhr, welche ihm somit ein Alibi verschafft), verwickelt sich andererseits in - ebenso niemandem auffallende - Widersprüche wie jener Behauptung, er sei den ausschwärmenden Polizisten gefolgt, um bei der Mördersuche zu helfen und dergleichen mehr.
Während Engströms Verhalten keinerlei Plan oder besondere Absicht erkennen und den Zuseher über den eigentlichen Sinn rätseln lässt, kristallisiert sich immer mehr das Porträt eines im Leben stets zu kurz Gekommenen heraus, der von niemandem gemocht oder wenigstens respektiert wird, diesen Zustand jedoch nicht etwa einem böswilligen sozialen Umfeld, sondern ausschließlich der eigenen Antriebslosigkeit zu verdanken hat. Als langsam Gras über den ungeklärten Mordfall zu wachsen beginnt, ruft der geltungssüchtige Engström in Zeitungsredaktionen an und bietet sich als angeblich wichtiger Zeuge an, womit er im Lauf der Zeit jedoch allseits nur noch als Wichtigmacher abgestempelt wird.
Als Zuseher kann man zu diesem Engström zu keiner Zeit einen Draht aufbauen, man kann ihn aber nicht einmal hassen, da sein unbeholfenes Vorgehen schon bald nur noch Mitleid erzeugt. Dazu kommt, daß Engström-Darsteller Robert Gustafsson frappierende Ähnlichkeit mit diversen von Diether Krebs in seiner in den 1980ern weithin bekannten TV-Comedy Sketchup dargestellten, völlig übertriebenen Spießerfiguren aufweist, sodaß man den dicklichen Mann mit dem fürchterlichen Haarkranz um die Spiegelglatze in seinen farblich scheußlichen Klamotten überhaupt nicht ernst nehmen kann, wirkt er doch von Anfang an wie eine Karikatur.
Ein weiteres Problem sind die in der Serie kaum angesprochenen zahlreichen Mutmaßungen und Verschwörungstheorien, die sich schon bald um den Tod Palmes gebildet hatten: Der Linksliberale bekannte sich seinerzeit zu Frieden und Abrüstung - war er eventuell rechtskonservativen Kreisen ein Dorn im Auge? Wurde er von der damals sehr aktiven PKK beseitigt oder waren es am Ende doch die Russen, die damals heimlich ihre U-Boote in schwedischen Gewässern kreuzen ließen? Oder wurde er von einem konspirativen Zirkel in der schwedischen Polizei eliminiert, also quasi von den eigenen Leuten? Doch nichts davon wird in der Serie wirklich beleuchtet, was sehr schade ist, da dies den Fall für die Zuschauer deutlich interessanter gemacht hätte. Stattdessen ein dröger Langweiler, der mit fortschreitender Filmdauer immer mehr einsehen muß, daß das Leben an ihm vorbeigezogen ist, ohne von ihm Notiz zu nehmen.
So endet die Netflix-Produktion dann auch völlig unspektakulär mit einem kurzen Einblick in das Fazit der 2017er Kommission, daß Engström wohl der Mörder gewesen sein muß. Trotz der beeindruckenden darstellerischen Leistung von Robert Gustafsson als fast schon bedauernswerter Tropf bleibt ein Gefühl der Langeweile, vermischt mit Tristesse: keinerlei neue oder gar spektakuläre Fakten, nichts für Krimi-Freunde, bestenfalls etwas für politisch interessierte Zuseher, die den Ost-West-Konflikt vielleicht noch miterlebt haben und dieses Porträt eines unwahrscheinlichen Mörders einzuordnen wissen. Neutrale 5 Punkte.