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„Ich habe nie von einem Verbrechen gehört, das ich nicht selbst hätte begehen können.“

Am Pfingstmontag des Jahres 2021 feierte das neue Bremer „Tatort“-Ermittlungstrio aus Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Mads Andersen (Dar Salim) sowie BKA-Beamtin Linda Selb (Luise Wolfram) seinen Einstand, wobei Selb bereits aus dem vorausgegangenen Bremer „Tatort“-Strang bekannt ist und im neuen Team mehr Präsenz erhält. Der zweite Fall „Und immer gewinnt die Nacht“ wurde am 12. Dezember 2021 erstausgestrahlt und entstand im Frühjahr desselben Jahres unter der Regie Oliver Hirschbiegels („Das Experiment“), der mit dieser Verfilmung eines Drehbuchs Christian Jeltschs nach zwei Beiträgen aus den 1990ern erstmals wieder für die öffentlich-rechtliche TV-Krimireihe verpflichtet wurde.

„Und was ist der dunkle Punkt auf seiner Seele?“

Dr. Björn Kehrer (Markus Knüfken, „Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding“) ist ein guter Mensch: Der Arzt behandelt Arme und andere Menschen vom Rande der Gesellschaft ohne Honorar in seiner daher hochfrequentierten Praxis. Dennoch wird er eines Abends im Bremer Hafen überfahren und anschließend totgeschlagen. Wer tut so etwas und warum? Liv Moormann und Linda Selb ermitteln, dass das Tatfahrzeug jenes von der Zigarrenfabrikantentochter Vicky Aufhoven (Franziska von Harsdorf, „Égalité“) als gestohlen gemeldete sein könnte. Diese ist zum Entsetzen ihrer Mutter Charlotte (Karoline Eichhorn, „Der Felsen“) mit Ann Gelsen (Anna Bachmann, „Wolfsland“) aus der Unterschicht liiert, die bereits eine Haftstrafe verbüßte, nachdem sie jenen Mann erschlagen hatte, der betrunken ihren Bruder Hendrik (Ole Bramstedt) angefahren hatte. Hendrik ist seither behindert – und liegt jetzt im Koma, weil er, nachdem er an Kehrers Praxis abgewiesen wurde, auf der Straße mit einer Hirnblutung zusammengebrochen war… Mads Andersen hält sich derweil in Kopenhagen auf, wo er vom jungen arabischstämmigen Adil Helveg (Issa Khattab, „Shorta – Das Gesetz der Straße“) verfolgt wird. Dieser will sich dafür rächen, dass Andersen einst seinen Vater erschoss.

„Was ist Kopenhagen gegen Bremen?“

Die Exposition lässt Selb Goethe zitieren und zeigt ein Panoptikum beinahe aller Figuren, die in den folgenden knapp 90 Minuten eine Rolle spielen werden, ohne diese bereits in größerem Umfang vorzustellen. Wenn der junge Mann, der sich später als Hendrik herausstellen wird, zunächst nicht zuzuordnende Satzfetzen vor sich hin rufend durch Bremens Straßen geht, Vicky und Ann containern und zusammen auf ihrem Fahrrad davonbrausen, Charlotte Aufhoven mit gleichsam nachdenklichem und entschlossenem Blick eine Tasche packt, ein Mann (Ernst Stötzner, „Tatort: Der wüste Gobi“) – ihr Ehemann – blutig in ein Taschentuch hustet und sich genüsslich eine dicke Zigarre ansteckt, Dr. Kehrer jemandem auf der Straße erste Hilfe leistet und eine andere Frau (Lisa Jopt, „Tanze Tango mit mir“) weinend in ihrer Küche sitzt, mutet das wie der neugierig machende Auftakt einer Kettenreaktion an, die jedoch ausbleibt. Stattdessen setzt dieser „Tatort“ all diese Puzzleteile im weiteren Verlauf zu einem großen Ganzen zusammen – und all diese interessanten Figuren in Beziehung zueinander.

Der Nebenhandlungsstrang um Andersens Besuch in Kopenhagen, wo er einen Vortrag über Integration hält und seinen jungen Verfolger wahrnimmt, wird mit den Bremer Ermittlungen zusammengeführt, als Andersen einen Bürojob in der dänischen Metropole ablehnt und in die deutsche Hansestadt zurückkehrt. Da die raubeinige Besatzung der gerade im Hafen liegenden „Always Lucky“ etwas mit dem Tötungsdelikt zu tun haben könnte, man sich dort aber bedeckt hält, schleicht er sich kurzerhand ein, was in eine actionreiche Kampfchoreographie an Bord mündet und das Profil dieser Figur ebenso schärft wie sein nachsichtiger, regelrecht pädagogischer (und Informationen über Andersens geheimnisumwitterte Vergangenheit preisgebender) Umgang mit Avil, den er auf den Pfad der Tugend zurückzuführen hilft. Andersen ist hart im Nehmen, kann auch gut austeilen, unter der rauen Schale aber steckt ein Kern voller Menschlichkeit.

Dualismus und Ambivalenz ziehen sich hier durch viele Figuren: Dr. Kehrer war depressiv, hatte mit Schuldgefühlen zu kämpfen und fügte sich selbst Brandwunden zu. Seine Sprechstundenhilfe Kirsten Beck, jene alleinerziehende Mutter, die zu Beginn weinend in der Küche saß, hat es alles andere als leicht, ist – dadurch bedingt? – jedoch charakterlich auch nicht zu 100 Prozent integer. Ann gibt eine selbstbewusste, rebellische „Kampflesbe“, neigt jedoch dazu, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und hat bereits ein Menschenleben auf dem Gewissen. Für Vicky scheint sie ungeachtet dessen die große Liebe zu sein. Und Familienpatriarch Claas-Heinrich Aufhoven träumt realitätsvergessen vom großen Comeback seiner Tabakdynastie und fabuliert über die Besonderheit seiner Zigarren, doch wer will es ihm angesichts seiner Diagnose verdenken? Laut seinen Ärzten dürfte er eigentlich schon gar nicht mehr am Leben sein.

Die junge Kommissarin Moormann hingegen kommt – ebenso wie Ann – von recht weit unten und hat sich hochgekämpft. Ihre Herkunft und damit einhergehende Selbstzweifel scheint sie überzukompensieren, indem sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Kombinationsgabe hervorkehrt, was die ihre Gegenüber nervende Macke zur Folge hat, deren angefangene Sätze selbst zu beenden. Derartigen Dialogen mit der autistisch anmutenden Selb wohnt immer mal wieder etwas Humor inne, es überwiegt jedoch eine gereizte Grundstimmung, die überall vorzuherrschen scheint und zum einen frösteln lassenden Nordic-noir-Touch dieses „Tatorts“ beiträgt. In ihm geht es um Schuld(-gefühle), Emanzipation und Kompensation, um Sühne und Selbstkasteiung, um glückliche und, mehr noch, unglückliche Liebe.

Beim die Lösung vorantreibenden, plötzlich auftauchenden Video spielt leider Kommissar Zufall eine etwas übertriebene Rolle und die Täterschaft ist relativ vorhersehbar (was indes andere anders zu empfinden scheinen und von einer unvorhersehbaren, überkonstruierten Auflösung sprechen), deutsch (und zum Teil mit Interpunktionsfehlern) untertitelte dänische Dialoge sind zudem an einem sonntäglichen Fernsehabend sicherlich nicht jedermanns Sache. Dafür ist es Hirschbiegel und Jeltsch jedoch gelungen, trotz des großen Ensembles kein Übermaß an Konzentration einzufordern, damit das Publikum nicht den Überblick verliert, und Bremen ein urban-tristes Erscheinungsbild angedeihen zu lassen, in das die Stadt nicht allzu häufig getaucht wird. Bauer ist in ihrer Rolle noch etwas gewöhnungsbedürftig, doch zwischen Moormann und Selb scheint sich eine interessante Chemie zu entwickeln. Großartig spielt Bachmann als Ann, die dem Fall zu ein wenig Ghettoromantik verhilft, und nach der alles aufdröselnden Rückblende gegen Ende stand für mich fest: 7,5 von 10 kubanischen Tabakmischungen gehen diesmal nach Bremen.

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