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Italien zur Gegenwart: der in sich gekehrte Student Ludovico (Brando Pacitto) träumt sich den lieben langen Tag in die Welt seiner selbstgezeichneten Comics, vernachlässigt darüber jedoch sein Studium genauso wie seine sozialen Kontakte. Doch das merkt der schmächtige Endzwanziger mit dem Vollbart, der den ganzen Tag auch in der Wohnung seine rote Strickmütze aufhat, gar nicht mehr. Nur wenn ab und zu sein Vater vorbeikommt, ihm den Abwasch macht und seinen antriebslosen Sohn tadelt, doch endlich selbst dies und das in der Wohnung zu erledigen, wird Ludovico kurz bewußt, daß er kaum fähig ist, sein Leben aus eigener Kraft in geordnete Bahnen zu lenken.
Nicht weit von Ludovicos Wohnung in einer mehrstöckigen Mietskaserne im ehemaligen Arbeiterviertel Garbatella im Süden Roms residiert der örtliche Mafiaboss Caino. In einer seiner Bars, dem Flamingo, erwartet er gerade die Übergabe einer größeren Menge Bargeld. Doch als der Kurier Mario mit der Tasche eintrifft und sich an den Tresen setzen will, stößt ihn ein Unbekannter zur Seite, schnappt sich die Tasche und flieht auf seinem Motorrad. Trotz sofortiger Verfolgung kann der Dieb entkommen, wird jedoch angefahren und muß zu Fuß weiter durch die Nacht fliehen. Versteckt hinter einigen Mülltonnen in unmittelbarer Nähe gelingt es Jack (Andrea Lattanzi) zwar, unentdeckt zu bleiben, doch Mario postiert zwei Dutzend Leute rund um die angrenzenden Wohnblocks, da er sich anhand eines von Jack während seiner atemlosen Flucht verlorenen Bündels Scheine sicher ist, den Dieb samt der Beute dort zu finden.
Als Ludovico spätabends noch den Müll herunterbringt, zwingt ihn Jack mit vorgehaltener Waffe, ihn in seine Wohnung mitzunehmen, was der völlig überrumpelte Student dann auch tut. Dort stellt sich "Jack", wie sich der Eindringling nennt, dann kurz vor, gebietet Ludovico absolutes Schweigen, bietet ihm jedoch auch 5.000 € cash, wenn in der kurzen Zeit, die er zu bleiben gedenkt, alles glatt läuft...

Regisseur Riccardo Antonaroli nimmt sich nur kurz Zeit, das Publikum über seine Story von den beiden völlig verschiedenen, umständehalber zusammengekommenen Männern ins Bild zu setzen - obige Einleitung beschreibt gerade mal die ersten 10 Minuten von La Svolta. Dann aber entwickelt sich aus dem anfänglichen Kriminalfilm eine Art Buddy-Movie, denn der hellwache Jack nimmt lebhaft Anteil am Leben seines Gastgebers wider Willen. Innerhalb der nächsten Tage entwickelt sich so etwas wie eine Beziehung, die in manchen Momenten sogar freundschaftlich anmutende Züge annimmt, da der Dieb dem Nerd relativ frei von der Leber weg sagt, was dieser an seinem Leben verbessern könnte und ihn teilweise zu seinem Glück sogar zwingt.

Doch während sich die beiden altersmäßig nicht allzuweit auseinanderliegenden Männer näherkommen, unternimmt auch der geprellte Caino diverse Schritte, seinen Ruf wiederherzustellen. Nachdem der unglückliche Kurier für das ihm passierte Mißgeschick erschossen wird, versucht nun ein bewährtes Killerduo, den genauen Aufenthaltsort des Flüchtigen zu ermitteln: verkleidet als Männer vom Wasserwerk läuten sie auch bei Ludovico an, der all seinen Mut aufbringen muß, möglichst unbefangen zu erscheinen. Und tatsächlich ist es dann auch eine ganz andere Begebenheit, die ihren Standort schließlich doch noch verrät. Doch davon ahnt der Comiczeichner, der sich wie neu geboren fühlt, da er sich dank Jack erstmals traute, die fesche Nachbarin Rebecca anzusprechen, noch nichts...

Der Wendepunkt (so der deutsche Titel) glänzt vor allem durch seine vollkommen natürlich wirkenden Darsteller, an denen in punkto Optik, Auftreten und Dialogen nichts übertrieben oder gekünstelt erscheint - man kann sich als Zuseher vom ersten Moment an in die spannende Situation hineinversetzen. Keine Szene ist zu lang, keine Einstellung überflüssig, jeder Dialog sitzt. Spielend gelingt La Svolta der Spagat zwischen dem viel Menschlichkeit, Empathie und Wärme ausstrahlendem Geschehen in Ludovicos Wohnung einerseits und dem knallharten Vorgehen des eitlen Caino andererseits, eines Paten, der sich stets die Hände mit bereitstehendem Eau de Toilette wäscht, seine wohlgesetzten Worte nie wiederholt und dessen Concierge Buzzetti (mit den auffallenden schwarz-weißen Lederschuhen) kommentarlos in Ungnade gefallene Handlanger sekundenschnell ins Jenseits befördert.

In seiner nahezu perfekt wiedergegebenen Natürlichkeit einer Alltagsgeschichte, gepaart mit in ihren Rollen überzeugenden, meist unbekannten Darstellern erinnert La Svolta trotz völlig anderer Thematik an die ebenfalls italienische Produktion Für die Kämpfer, für die Verrückten und ist wie dieser der Kategorie most underrated zuzuordnen.
Es spricht auch für den Realitätssinn der Regie, daß der Film genau so endet, wie er endet, und nicht so, wie ich - und vermutlich die meisten Zuseher - sich dies eigentlich gewünscht hätten. Der Wendepunkt - eine kleine Perle aus Italien, sehr zu empfehlen: 8 Punkte.

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