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Dass man mit einem kleinen Budget großartige Filme drehen kann, ist spätestens seit Kurt Wimmers „Equilibrium“ bekannt. Und obwohl „Underworld“ in eine ganz andere Richtung geht, gelingt Regiedebütant Len Wiseman, mit gerade mal 20 Millionen und einer knappen Drehzeit von zwei Monaten, ein qualitativ ähnlich hochwertiges Produkt, dass aussieht, als ob es vier Mal so viel gekostet hätte.

Die Idee zwei Horrormythen in einem Film zu verarbeiten stimmt skeptisch, erwartet man doch eine unausgegorene Actionorgie. Dennoch gelingt es Wisemann zusammen mit Kevin Grevioux und Danny McBride (beide Stuntman und in Nebenrollen zu sehen) mit dem von Menschen unbeobachteten Krieg zwischen Vampiren und Werwölfen eine interessante, abwechslungsreiche Geschichte zu erzählen, die bis zum Beginn dieses Konflikts zurückreicht und reifer als die „Blade“-Plots daherkommt. Der besondere Reiz ist, während zunehmender Filmdauer, das Verschwimmen der Grenze zwischen Gut und Böse, so das es schwer fällt Sympathien für eine Seite zu hegen. Um der heutigen Zeit gerecht zu werden, sind neben moderner Waffentechnik und schnellen Autos auch Laptops zu sehen, die beiden angestaubten Legenden (sieht man mal von „Blade“ ab) neues Leben einhaucht.

Im Mittelpunkt des Films steht die Vampirin und elitäre Werwolfjägerin Selene (Kate Beckinsale, sexy), welche, wie es der Trailer schon ankündigte, den weiblichen Part zu „Blade“ abgibt, ein wesentlich kühleres Wesen besitzt, aber eine ähnlich schicksalhafte Vergangenheit vorzuweisen hat. In engen Leder- und Latexklamotten unter einem wehenden Mantel zieht sie durch die Nacht, um die Rivalen gnadenlos auszuschalten und auszurotten.

So beginnt der Film auch mit genau dem, was der Zuschauer sehen will. Zusammen mit einem Partner durchstreift sie die Nacht, um Werwölfe auszuschalten und stößt in einer U-Bahn-Haltestelle schon bald auf zwei Exemplare. Ohne überstrapazierten Einsatz von Stilmitteln bekriegen sich die beiden Rassen fast 10 Minuten lang mit allerlei Schusswaffen. Während Selene meist beidhändig Silber verschießt, überraschen die Werwölfe mit neuartigen Kugeln, die mit ultravioletter Strahlung gefüllt sind. Der Munitionsverbrauch ist hoch, es wird in Deckung gegangen, ausgewichen, nachgeladen und geschossen als gäbe es kein Morgen. Und das, obwohl sich gerade mal vier Charaktere bekämpfen. Im Verlauf des Kampfes sind auf beiden Seiten Opfer zu beklagen. Nebenher entdeckt die Jägerin, dass die Anzahl der Werwölfe sich in der Kanalisation beträchtlich vergrößert hat.

Der Look „Underworld“s ist stark gothicgeprägt. Die Bilder sind fast ausschließlich mit einem schwarz/weiß – Filter ausgestattet, es herrscht ewige Nacht und der Regen scheint nie zu enden. Während die Werwölfe als Wesen der Straße dargestellt werden, die in der Kanalisation leben, sind die Vampire reiche Aristokraten, die ihr luxuriöses, dekadentes Leben in einer Villa im Stil des 19. Jahrhunderts genießen. Sie leben inzwischen „humaner“ von künstlich hergestellten Blutkonserven und trachten den Menschen kaum noch nach dem Leben, ziehen ihre Fäden jedoch nach wie vor im Hintergrund und schließen sich untereinander zusammen.
Während die Werwölfe (teils Kostüm, teil CGI) sich mehrmals im Film optisch überzeugend verwandeln (beliebig und nicht nur zu Vollmond) bleiben die Vampire stets in ihrer menschlichen Hülle und nehmen nicht die Gestalt einer Fledermaus an.

Etwas exzentrisch wirkt dazwischen Selene, die für diese materiellen Vorzüge nichts übrig hat und sich auf den Krieg konzentriert, vor der Population und neuen Waffen warnt, dabei aber auf taube Ohren stößt. Kraven, der derzeitige Anführer, hat nur sein Vergnügen / eigene Ziele im Sinn und hält eine Organisierung der Werwölfe für unmöglich. Ihre weiteren Recherchen bringen den Grund zum Vorschein, was und wen die Werwölfe in der U-Bahn-Station gesucht haben: den jungen Mann Michael Corvin (Scott Speedman). Als sie ihn trotz Verbot aufsucht und befragt ist schon eine Truppe Werwölfe hinter ihm her. Der Meute gelingt es zwar Corvin zu beißen, der nicht weiß, was beide Parteien von ihm wollen, doch kann Selene ihn in letzter Sekunde retten. Diese befindet sich schon bald in einem Gewissenskonflikt: Soll sie den baldigen Werwolf töten oder ihn beschützen, um sein Geheimnis in Erfahrung zu bringen?

Über ein Verbot hinwegsetzend erweckt sie einen seit Jahrhunderten schlafenden, mächtigen Vampir und gleichzeitig Vaterfigur, um ihn über ihre Sorge aufzuklären. Doch dieser schenkt ihr wenig glauben und stellt sie unter Arrest, lies sie sich doch mit einem baldigen Werwolf ein und verletzte uralte Vampirregeln.

Um dem Film nicht die Spannung zu nehmen werde ich zu dem weiteren Verlauf keine weiteren detaillierten Angaben machen, aber innerhalb des Vampirclans konspirieren Figuren, die sich mit dem Feind verbünden und ihre eigenen Ziele verfolgen. Wie sich herausstellt verbindet beide Wesen ein uraltes Vorkommnis, das den Idealismus Selenes in den Grundfesten erschüttert. Doch was hat es mit dem für tot gehaltenen Werwolfanführer Lucian auf sich, der Corvin dringend für seine Experimente benötigt?

Ohne der Story den Platz wegzunehmen sind die ausufernden Fights stets ein Highlight. Im Gegensatz zu den „Blade“-Filmen oder „Matrix“ wird hier aber gänzlich auf Martial Arts verzichtet und zu Pistolen und Gewehren (mit interessanter Munition) gegriffen. Begleitet werden diese Kämpfen dann oft von Hardrockklänge.
Nur selten nutzt Selene unkonventionelle Waffen wie entfremdete Ninjasterne. In Bezug auf Kleidung und Style lies man sich deutlich von „Blade“ und „Matrix“ inspirieren, so dass wehende Mäntel in Zeitlupe auch hier keine Seltenheit sind.
In den stets sehr düster gehaltenen Schießereien, oft in der Kanalisation, bleibt der Härtegrad auf einem gesunden Niveau. Hier und da ein paar Spritzer Blut verdeutlichen, dass „Underworld“ kein Fantasy- sondern nach wie vor ein Horrorfilm ist, lassen den Film aber nie zu einem Gorefest verkommen. Auch von hektischer Schnitttechnik und Aneinanderreihungen von unübersichtlichen Close Ups hält man sich fern.
Wiseman setzte auf eine traditionelle Inszenierung, die aber nie altbacken wirkt, da die Effekte wie durch ultraviolette Strahlung verbrennende Vampire, Körperinnenansichten bei Verwandlungen, sowie nette optische Ideen wie das Brechen von Glasscheiben eines Autos, dass in einen Fluss rast, durchaus auf der Höhe der Zeit sind. Wer übrigens eine „Romeo & Julia“ – Komponente zwischen Selene und Michael erwartet, wird enttäuscht sein, wird diese doch nur oberflächlich angerissen (Wofür ich dankbar bin).

Während Scott Speedman als Gejagter und Gebissener sich im Verlauf des Films immer besser zurechtfindend und zum Ende hin eine überraschende Verwandlung vollzieht, gefällt neben der attraktiven Kate Beckinsale, Bill Nighy als Vampiroberhaupt Victor. Besonders dieser hat final so einige Überraschungen zu bieten.

Fazit:
„Underworld“ ist ein überzeugender, zweistündiger, dankbar ernster Horroractioner im Stil von „Blade“, aber ohne dessen Coolness, was der Unterhaltung aber keinen Abbruch tut. Auch wenn der Film nie so spektakuläre Szene wie „Blade 2“ oder „Matrix“ anzubieten hat, sieht er nach wesentlich mehr als 20 Millionen aus. Das ein paar Subplots nicht wieder aufgenommen werden, das dass Verhalten einiger Charaktere nicht erklärt und die Vertiefung der Hauptfiguren zur Nebensache wird, verzeihe ich da. Wofür sind schließlich Fortsetzungen da? Die Action ist bleihaltig und nie übertrieben hart, die Optik schön düster und feucht, die Charaktere undurchschaubar und sexy (jedenfalls Kate Beckinsale). Der Plot ist wesentlich mehr als eine zusammengeschusterte Geschichte aus alten Mythen, sondern fügt den Legenden neue Ideen hinzu. Da der Film in sich zwar geschlossen ist, dass Ende eine Fortsetzung aber anbietet, darf man auf eine weitere, erfolgreiche Vampirtrilogie hoffen. Da der Deal angeblich schon vor dem Kinostart beschlossene Sache war (aufgrund der vielen positiven Stimmen auf dem Filmfest in Toronto), Kate Beckinsale weiteren Abenteuern offen gegenübersteht und nach dem erfolgreichen Start (spielte schon am ersten Wochenende sein Budget wieder ein) auch die Produzenten überzeugt sein dürften, wird man die Fans hoffentlich nicht lange warten lassen.

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