„Ich KANN lachen! Ich bin nicht kaputt.“
Die von Christian Ulmen und Carsten Kelber für den Streaming-Dienst Amazon Prime produzierte und von den Nachwuchstalenten Emil und Oskar Belton sowie Bruno Alexander geschriebene und inszenierte deutsche Mockumentary-Serie „Die Discounter“ ging im Jahre 2024 mit zehn frischen knapp halbstündigen Episoden in die vierte – und voraussichtlich letzte – Staffel.
„Reduzier mich mal!“
„Die Discounter“ basiert auf der niederländischen Serie „Vakkenvullers“ und dreht sich um den Alltag in der Billstedter Filiale der fiktionalen Hamburgischen Supermarktkette „Feinkost Kolinski“. Es handelt sich um eine komödiantische Persiflage, die im Stile einer Art Mischung aus „jerks.“ und „Stromberg“ zu großen Teilen auf Fremdschammomente ausgerichtet ist.
Filialleiter Torsten (Marc Hosemann, „Der goldene Handschuh“) legt sich plötzlich tierisch ins Zeug, wodurch seine Filiale mittlerweile den ersten Platz innerhalb der Rangfolge der offenbar lediglich drei Dependancen umfassenden Kette belegt. Er bekommt dadurch die Chance, zum Regionalleiter aufzusteigen, weshalb sich die strebsame Pina (Klara Lange, „Tatort: Made in China“) Hoffnung auf die zukünftige Marktleitung macht. Titus (Bruno Alexander, „Der Rebell – Von Leimen nach Wimbledon“), der in seine Kollegin Lia (Marie Bloching, „Lügen haben schöne Beine“) verliebt ist, aber zur Filiale ins feine Hamburg-Eppendorf gewechselt war, hofft, wieder mit ihr zusammenzukommen und nach Billstedt zurückkehren zu können. Dieses durchs Schreiben von Kurznotizen initiierte Vorhaben torpediert der von Titus als Kurier eingesetzte trottelige Kaufhausdetektiv Jonas (Merlin Sandmeyer, „Unsere wunderbaren Jahre“) jedoch, indem er die Nachrichten manipuliert und sie Torsten anstelle Lias zustellt. Entsprechend fällt Titus aus allen Wolken, als er damit konfrontiert wird, dass Lia mittlerweile mit einem Polizisten liiert ist. Flora (Nura Habib Omer, „Der Nachtmahr“) wiederum beendet ihre Beziehung mit Machoproll Peter (Ludger Bökelmann, „Dark“).
Dies sind nur ein paar der vielen kleinen und größeren Geschichten, die diese Staffel erzählt oder zumindest anreißt. Axel Milberg (Kieler „Tatort“) beteiligt sich als Eppendorfer Filialleiter – nur einer von zahlreichen Gastauftritten, mit denen man es diesmal übertrieb. Nachdem der Billstedter Markt überfallen wurde, gibt Gisa Flake eine Schulung für das richtige Verhalten in solchen Situationen. Die nervtötende Unternehmerin und Trash-TV-Semiberühmtheit Claudia Obert spielt sich als Arschlochkundin in Eppendorf selbst, Anke Engelke knutscht warum auch immer mit Jonas – eine völlig verzichtbare, unmotivierte Szene – und Jan Böhmermann und Oliver Schulz spielen sich nicht weniger überflüssig als Billstedter Kunden ebenfalls selbst. Die Gastauftritte Fahri Yardims („jerks.“) und Luisa Neubauers ergeben wesentlich mehr Sinn, dazu später mehr.
Die Stärken dieser Staffel liegen – neben den wie immer herausragenden schauspielerischen Leistungen und den improvisierten Dialogen sowie Handlungen – zu Beginn in der Thematisierung der Klassenunterschiede zwischen Billstedt und Eppendorf, die Titus mal mehr, mal weniger subtil zu spüren bekommt. Dennoch verknallt sich dort eine schnepfige Kollegin (Milena Tscharntke, „Alles Isy“) in ihn, der gegenüber er sich völlig daneben verhält, was (positiv) überraschend in einer der letzten Episoden noch einmal aufgegriffen wird. Weitere memorable Momente sind das Aufeinandertreffen Pinas (in dieser Staffel dankenswerterweise zwar nach wie vor schräg, aber nicht mehr als hässliches Mauerblümchen charakterisiert) und Nuras mit zwei Studentinnen aus Wokistan, die Nura zu erzählen versuchen, wie sie sich als Person of colour zu fühlen habe (womit das Phänomen hyperwoker, also weit übers Ziel hinausschießender Gutmenschen karikiert wird) und – vor allem – die grandiose Abschiedsparty, die Torsten in seinen eigenen vier Wänden bzw. auf seiner Terrasse gibt. Ja! So! Genau SO!
Ambivalent fällt die Episode aus, die anhand einer Begegnung Peters mit Fahri den Klimawandel thematisiert. Peter fällt aus allen Wolken, da er erstmals davon Notiz nimmt, und wandelt sich mir nichts, dir nichts zum radikalen Klimaaktivisten, der sich auf der Parkplatzausfahrt festklebt. Einerseits wird in dieser Episode durchaus gelungen und gewiss nicht dumm der inkonsequente und widersprüchliche Umgang der Gesellschaft mit dieser Gefahr anhand des Kolinski-Mikrokosmos aufgezeigt, andererseits geschieht Peters Wandlung mit der Brechstange und damit eher unglaubwürdig. Mit seiner Reaktion wirkt er ähnlich out of character wie Jonas, wenn dieser dafür herhalten muss, die dümmlichen Flacherdler und deren „Beweisführung“ vorzuführen, kurze Zeit später aber zum Böhmermann-Fan erklärt wird. Das passt alles nicht so recht zusammen und wirkt wie gewaltsam ins Staffel- und Figurenmuster gepresst. Ein weiteres Problem ist, wie in den vorausgegangenen Staffeln, die mangelnde Kontinuität des einen oder anderen Handlungsstrangs, der im Nichts zu verlaufen scheint.
Etwas besser in den Griff bekommen hat man diesmal den Mockumentary-Aspekt; zumindest scheinen mir jene Situationen weniger geworden zu sein, in denen es völlig absurd wäre, dass ein Doku-Kamerateam anwesend ist. Nicht nur die eingestreuten Statements der Kolinski-Belegschaft, die direkt zur Kamera sprechen, stecken wieder voller Stilblüten, mehr Viertel- denn Halbbildung oder auch Versuchen, die eigene Lebenssituation einzuordnen, auch das Sozialgefüge und die Hackordnung untereinander, scheinbar beiläufig vom Dokuteam eingefangen, vermitteln nicht immer, aber doch immer mal wieder recht deutlich einen gut beobachteten Eindruck von Arbeit und Gesellschaft. Zumindest lässt sich neben schmunzeln, lachen, fremdschämen und kopfschütteln wieder einiges abstrahieren – und vielleicht gar an sich selbst wiedererkennen. Der entfesselte anarchische Witz der Anfangsstaffeln ist insgesamt aber leiser geworden. Dafür scheint sich in der schönen Schlusseinstellung der jahrelang angesammelte, aufgestaute Wahnsinn bahnzubrechen…