Review

Von müden Helden und frischen Ansätzen


Die Superhelden werden langsam müde, oder sind es die Zuschauer, die der immer gleichen Heroen- Potpourris zunehmend überdrüssig werden? Eine sich gegenseitig bedingende Abwärtsspirale, so zumindest der Eindruck. Jedenfalls baumelt das Etikett „Auserzählt“ inzwischen auch schon längst an den Premiumprodukten von Marvel und DC. Da kommt ein für viele ebenfalls auserzählter Heldenveteran genau richtig, zumal er sich mit angezählten Figuren besonders gut auskennt. Seine alter Egos Rocky und Rambo hat er auf jeden Fall brummig, stimmig und würdig in den Ruhestand verabschiedet und genau diese Expertise ist dann auch das große Plus von „Samaritan“.

Sylvester „Sly“ Stallone spielt darin den einstigen Superhelden „Samaritan“ als grummeligen Einzelgänger und Eigenbrötler. Dieser Ansatz - auch wenn ein Hauch von „The Dark Knight Rises“ und „Hancock“ durch die düsteren Kulissen weht - sorgt zumindest mal für etwas Abwechslung im Genre-Konformismus. So schlurft ein Hoodie-behelmter Stallone durch ein schmuddeliges Atlanta (das den fiktivem Moloch Granite City recht überzeugend doubelt), immer auf der Suche nach dem nächsten Stück Schrott, das er reparieren und beim Pfandleiher verhökern kann. Das hat durchaus Atmosphäre, zumal ich Regisseur Julius Avery mit finster-bedrohlichen Looks auskennt (u.a. „Operation Overlord“). Im Verbund mit Stallones Präsenz und Gravitas sieht man da gern eine Weile zum, auch wenn zunächst nicht allzu viel passiert.

Denn so gelungen Setting, Look und Protagonist auch sind, das Storytelling verhindert immer wieder Größeres. Die Idee, den gefallenen Superhelden durch Kinderaugen - TV-Star Javon Walton als 13-jähriger Comicfan Sam Cleary - aufspüren und neu entdecken zu lassen ist zwar ebenfalls keine schlechte, arbeitet aber viel zu sehr mit erwartbaren und oft gesehenen Versatzstücken. Die Mutter allein erziehend, mit Geldproblemen, aber dem Herz auf dem rechten Fleck. Letzteres gilt auch für den Jungen, aber mangels Alternativen und der Abwesenheit von Heldenmut und Gerechtigkeit gerät in die falschen Kreise. Als ihm der Schlägertrupp des selbst ernannten Anarchisten Cyrus („Game of Thrones“-Schurke Pilou Asbaek) auflauert, taucht urplötzlich sein betagter Nachbar Joe Smith (Stallone) auf und offenbart ganz erstaunliche Kämpferqualitäten. Ab da glaubt Sam den seit dem Kampf mit seinem bösen Zwillingsbruder „Nemesis“ verschwundenen „Samaritan“ aufgespürt zu haben, auch wenn der dies (zunächst) vehement abstreitet ...

Eigentlich war der Film für die Lichtspielhäuser vorgesehen gewesen, aber Pandemie-bedingte Verzögerungen haben auch hier wieder mal für einen verspäteten Streaming-Release gesorgt. Am Ende kommt das „Samaritan“ sogar zugute, denn das vornehmlich juvenile und Marvel-getriggerte Publikum dürfte im Kino lediglich mit den Achseln gezuckt haben. Weder kommt alle zwei Minuten ein flapsiger Witz um die Ecke, noch überbieten sich frisch vom College weg gecastete Computer-Freaks mit immer hohler drehenden CGI-Volten. In „Samaritan“ ist alles eine Spur gemütlicher und unaufgeregter als bei den vergleichsweise hibbeligen Genre-Granden von Marvel und DC. So kommen auch die in der zweiten Hälfte zunehmenden Action-Anteile angenehm bodenständig daher, wobei die Jugendfreigabe eine ruppigere Ausrichtung deutlich ausbremst. Aufgrund des Szenarios und Stallones Mitwirkung mag man das bedauern, aber ein gewisser Unterhaltungswert bleibt dennoch und immerhin erhalten. Im Schlussdrittel bekommt man dann sogar noch einen netten - aber erahnbaren - Twist serviert.

Wer also dem Superhelden Genre noch nicht gänzlich überdrüssig ist und auch mit einer intimeren Auslegung und Darbietung etwas anfangen kann, der darf bei „Samaritan“ ruhig einen Blick riskieren. Für Fans von Sylvester Stallone, die auch seinen dritten Karriere-Frühling mitgefeiert haben, gilt eine noch deutlichere Empfehlung. Der alte Recke hat durchaus noch was zu erzählen  (auch wenn wir dem zurück getretenen Thomas Danneberg noch lieber zugehört hätten als „Kaleun“ Jürgen Prochnov) und verfügt noch immer über genügend Präsenz, um einen Film allein zu tragen. Im Superheldenfilm ist die Figur der Held, die Darsteller sind austauschbar. Stallone zeigt, dass es auch anders herum funktioniert. Das ist dann fast schon wieder innovativ..

Details
Ähnliche Filme