„Ich war das nicht!“
In ihrem 29. Fall verschlägt es die Göttinger „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) nach Hamburg. Der von Uli Brée geschriebene und von Detlev Buck („Wir können auch anders“) inszenierte Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe wurde im Frühjahr 2021 vor Ort gedreht und am zweiten Weihnachtsfeiertag erstausgestrahlt. Die zuweilen komödiantische Ausrichtung dieser auch sonst aus der Art schlagenden Episode weckt Erinnerungen die humorigen Weimarer „Tatorte“, die oftmals an Feiertagen erstgesendet wurden, bis sie an Neujahr 2021 mit „Der feine Geist“ das Zeitliche segneten und somit leider nicht mehr zur Verfügung standen. Für Detlev Buck ist „Alles kommt zurück“ sein erster „Tatort“.
„Bei Mord ist nichts privat.“
Charlotte Lindholm hat eine Verabredung zu unverbindlichem Sex mit einem Mann, der sie im Hamburger Luxushotel Atlantic erwartet. Doch als sie sein Zimmer betritt und sich erwartungsvoll zu ihm ins Bett begibt, muss sie zu ihrem Entsetzen feststellen, dass er ermordet wurde – sie liegt neben einer blutüberströmten Leiche. Für die Hamburger Kripo-Kollegen Jana Zimmermann (Anne Ratte-Polle, „Ferdinand von Schirach: Feinde“) und Ruben Delfgau (Jens Harzer, „Nackt unter Wölfen“) ist Lindholm die Hauptverdächtige, wobei es insbesondere Zimmermann auf sie abgesehen zu haben scheint. Offenbar hat jemand Lindholm eine Falle gestellt, in die sie prompt getappt ist. Dass es im Hotel aufgrund eines Castings vor Udo-Lindenberg-Doppelgängern nur so wimmelt, macht die Tätersuche nicht einfacher. Nichtsdestotrotz sieht sich Lindholm gezwungen, auf eigene Faust zu ermitteln. Ihre Recherchen führen sie auf den Kiez in St. Pauli, und zumindest Delfgaus Vertrauen scheint sie zu gewinnen: Man kommt sich näher und Lindholm somit doch noch zu ihrem Schäferstündchen…
„Das ist nicht Ihr Fall, Frau Kollegin!“
Wenn der offizielle ARD-Text zur Episode „Ein Racheakt an der Kommissarin?“ fragt, nimmt er die Antwort bereits vorweg: Natürlich ist dem so, bleibt die Frage nach dem wer und warum. Klassische Krimispannung kommt dabei nicht auf. Am fesselndsten ist dieser „Tatort“ im ersten Akt, wenn Lindholms reichlich misslungener Abend in von der Gegenwart partiell unterbrochenen Rückblenden gezeigt wird. Die Kameraarbeit ist überaus dynamisch, die Ausleuchtungen fallen mitunter neo-noiresk artifiziell aus, der Schnitt ist originell und zusätzliche Bildeffekte machen „Alles kommt zurück“ neben der sexualisierten Lindholm zu einem Hingucker. Ein paar witzige Hamburger Schnacks, Buck persönlich in der Rolle des mehr wie ein Clown aussehenden Zuhälters Einstein und weitere skurrile Gestalten sorgen für darüber hinaus für Unterhaltung.
„Kommen Sie wieder, wenn Sie tot sind.“
Die Handlung mit ihren Ermittlungen nimmt dabei jedoch eine untergeordnete Rolle ein. Relativ unmotiviert steigt Lindholm mit Delfgau ins Bett, was mithilfe eines vom echten Udo Lindenberg gesungenen Songs nachträglich romantisiert wird. Dieser hat mit dem Mordfall jedoch letztlich genauso wenig zu tun wie seine zahlreichen Doubles und scheint in erster Linie hier zu sein, um seine Lieder sowie sich selbst zu promoten. Der übrige Soundtrack bildet mit seinen enervierenden, tickenden Klängen einen Kontrast und würde sicherlich gut zu einem echten Krimi passen, der seine Wirkung nicht permanent untergräbt. Rein gar nichts mit der Handlung zu tun hat auch die „Shining“-Hommage-Szene mit den Zwillingen, die man anscheinend – schließlich spielt sich ein Großteil der Handlung im Hotel ab – ebenso unterbringen musste wie Udo und den Kiez, wenn man schon mal in Hamburg ist… Ein bisschen wirkt „Alles kommt zurück“ wie ein Hamburg-Tourist, der die Episode gewissermaßen ja auch ist.
Unverständlich ist hingegen, dass man ausgerechnet diese Farce auserkor, um auf der horizontalen Erzählebene an den „Tatort: Der Fall Holdt“ anzuknüpfen, der im Jahre 2017 zu einer Zäsur innerhalb des Lindholm-Asts der Reihe führte. Plötzlich zaubert man eine weitere Leiche aus dem Hut. Dass die rothaarige Choleriker-Bullette Zimmermann Dreck am Stecken hat, wird dem Publikum recht früh vermittelt und ändert nichts daran, dass man es am Ende mit einem reichlich überkonstruierten Mumpitz zu tun hat, dessen Finale als Tanz inszeniert wird. Das war eher nix. Ich vermisse Weimar…