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Wenn zwei Menschen nackt in einem Bett eines Hotelzimmers erwachen, kann man eigentlich von einem einvernehmlich erfolgten Liebesakt ausgehen - nicht so bei Sara (Marina Gatell) und David (Pablo Derqui), denn die beiden kannten sich zuvor überhaupt nicht und haben keine Ahnung, wo sie sind geschweige denn wie sie dorthin gekommen sind. Schlimmer noch: dem anfänglichen Schreck über das fremde Gegenüber folgt die noch viel alarmierendere Erkenntnis, daß sie jeweils an den Außenseiten des Bauchs zusammengenäht wurden, somit untrennbar vereinigt sind und keiner ohne Mithilfe des Anderen das Zimmer verlassen kann.
Den solchermaßen Aneinandergeketteten, besonders Sara, stellen sich nun natürlich tausend Fragen nach dem Wieso und Warum, doch trotz intensiven Nachdenkens können beide die letzten Stunden ihres bewußten Erlebens nicht rekonstruieren, sie scheinen einen Filmriß zu haben. Während man weiter alle möglichen Spekulationen und Theorien aufstellt und sich dabei auch mit Name, Alter und Beruf vorstellt, gelingt es immerhin, zwecks Wasserlassens ins benachbarte Badezimmer zu gelangen. Doch aus dem versperrten Zimmer (das, wie sich herausstellt, gar kein Hotelzimmer ist) mit seinen heruntergelassenen Rollos gibt es kein Entrinnen, auch der Versuch, die Fäden der verbindenden Naht einfach aufzutrennen, scheitert. Da klingelt plötzlich das alte Wählscheibentelefon...

Fremde Menschen in böswilliger Absicht zusammenzunähen ist dem geneigten Horrorfreund seit den Human Centipede-Streifen kein unbekanntes Thema mehr, doch diese Ausgangslage ist es gar nicht, die die spanische Produktion Zwei, die noch dazu nicht unter Horror, sondern unter Thriller einzuordnen ist, am Ende scheitern läßt. Im Gegenteil, gerade aus dieser Zwangslage ergeben sich die interessantesten Aspekte des Films, die den Zuschauer in der ersten Hälfte durchaus interessiert miträtseln lassen. Leider kommt das Paar ab diesem Zeitpunkt dann zu schnell auf die Lösung der Frage, wer hinter all dem steckt, und da sich bis zum völlig mißlungenen Ende nicht mehr allzuviel tut, dümpelt das Geschehen ab diesem Zeitpunkt eher langweilig vor sich hin. Wer sich einen finalen Plot Twist oder einen besonders pfiffigen Schlußgag erwartet hat, bekommt dann allerdings einen Tritt in den Allerwertesten, der für weiteren Punktabzug sorgt.

Obgleich es an der Darbietung der beiden Hauptdarsteller nicht allzuviel auszusetzen gibt (David ist im Film 38, vom Typ her eher ein Womanizer, was sich bei seinem später erwähnten Beruf auch bestätigt, Sara dagegen lügt sich auf 33, gibt später 38 zu und sieht im Übrigen wie Ende 40 aus), muß die bildtechnische Umsetzung der operativ bedingten Zwangslage als ungenügend bezeichnet werden: zum einen wird die etwa 30 cm lange vernähte Hautpartie nur sehr kurz und unzureichend graphisch dargestellt (für das Cover wählte man dann wohl sicherheitshalber gleich nur zwei ineinander verschränkte Hände), zum anderen haben die beiden Zwangsvereinten im Laufe des Films einfach viel zu viel Bewegungsspielraum: besonders nachdem sie aufgestanden sind (man achte auf den Winkel und die Höhe der zueinander stehenden Oberkörper) wirken ihre Bewegungen bezüglich aneinandergenähter Flanken schlicht unglaubwürdig.

Das an den Haaren herbeigezogene Ende mit seiner wenig hilfreichen, kaum logischen und in wenigen Sekunden deutlich zu schnell abgespulten "Erklärung", sowie die äußerst kitschige, einen vermeintlich künstlerischen Anspruch vortäuschende Schlußeinstellung geben dem Streifen dann den Rest. Das ist insofern schade, als die erste Hälfte der mit 71 Minuten relativ kurzen Netflix-Produktion einigermaßen vielversprechend gestartet war, ihr durchaus vorhandenes Potential aber danach völlig verschenkt hat. 3 Punkte.

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