Blaulicht, Blech und Bayhem
Manchmal braucht Kino keine tiefschürfende Philosophie, keine komplizierten Twists und schon gar keine verquasten Diskurse über die Kondition des modernen Menschen. Manchmal reicht ein Bankraub, ein Fluchtfahrzeug und ein Regisseur, der Explosionen so sehr liebt, dass man fast meint, er sei mit einem Feuerball auf die Welt gekommen. Mit Ambulance serviert Michael Bay erneut ein Menü aus explosiver Action, dröhnenden Bildern und dieser unverkennbaren Handschrift, die irgendwo zwischen Kunst und Krach balanciert. Und auch wenn nicht jeder Bissen perfekt gewürzt ist, muss man ihm lassen: Der Mann weiß, wie man Action auf Zelluloid bannt. Und ja, es ist wieder typisch Bay: groß, laut, überstilisiert, ein Adrenalinschub auf vier Rädern, der mit flackernden Blaulichtern und röhrenden Sirenen durch die Großstadt rast.
Drehbuch auf Speed
Die Geschichte ist im Grunde simpel gestrickt: Zwei Brüder, so unterschiedlich wie Tag und Nacht, geraten in einen Bankraub, der schneller eskaliert, als man „FBI“ sagen kann. Danny (Jake Gyllenhaal), der impulsive, charismatische Draufgänger, zieht seinen Adoptivbruder Will (Yahya Abdul-Mateen II), einen Ex-Soldaten in Geldnot, in den Strudel eines Überfalls. Und ehe man sich versieht, sitzen beide mit einem schwerverletzten Polizisten und einer überforderten Notfallsanitäterin im titelgebenden Rettungswagen fest, während die halbe Polizei von Los Angeles hinter ihnen her ist. Von da an: Blaulicht, Vollgas, Dauerstress.
Das klingt nach einem Kammerspiel auf vier Rädern, doch bei Michael Bay wird selbst eine Rettungsfahrt zum Action-Inferno. Er gönnt seinen Helden kaum Verschnaufpausen, die Handlung ist ständig in Bewegung und rast wie der Rettungswagen selbst durch Los Angeles. Allerdings kann der Film seinen Drive nicht konstant halten, gerade der Mittelteil verheddert sich im Kreisverkehr. Das Szenario ist etabliert, der Fluchtwagen fährt, die Cops sind dran – und plötzlich wirkt es, als hätte man eine Endlosschleife aus Sirenengeheul und Panikdialogen eingelegt. Hier hätte Ambulance gut und gern 15 Minuten abspecken dürfen, ohne an Intensität zu verlieren. Ansonsten ist das Drehbuch überaus funktional. Der Plot ist übersichtlich, die Dialoge pendeln zwischen kernig und grotesk, manchmal sogar unfreiwillig komisch – doch gerade das verleiht dem Film eine gewisse Selbstironie. Man merkt, dass die Figuren archetypisch angelegt sind: der ehrenwerte Veteran, der skrupellose Bruder, die toughe Sanitäterin. Überraschungen gibt es wenige, aber das war auch nie Bays Anspruch. Ambulance will unterhalten, nicht intellektuell verführen.
Explosionen, die knallen – Bilder, die ballern
Der Film schafft es, ein Gefühl von permanenter Anspannung zu erzeugen. Los Angeles wird zur glitzernden, schwitzenden, atemlosen Kulisse eines Überlebenskampfes. Alles wirkt wie ein Werbespot auf Testosteron: knallige Farben, grelle Kontraste, die Sonne brennt gnadenlos auf Asphalt und Blech. Es hat zwar etwas Artifizielles, ja, aber in diesem Fall passt es. Und damit sind wir bei Bays Heimspiel: der Action. Ambulance liefert das, wofür er seit Bad Boys steht. Der Bankraub am Anfang ist ein echtes Highlight – dynamisch, stylish, präzise inszeniert. Ab da wird geschossen, gecrasht, gesprengt, was das Budget hergibt. Wenn die Schüsse fallen, das Adrenalin pumpt und die Flucht beginnt, fühlt man sich wie auf der Beifahrerseite im Wagen. Die Stunts und Schießereien knallen ordentlich rein. Man spürt die Energie, die Handarbeit, den Schweiß der Stuntleute. Da wackelt kein Greenscreen künstlich, sondern da knallen echte Karossen in Echtzeit ineinander. Explosionen wirken hier nicht wie sterile Computereffekte, sondern wie echtes Feuer, das den Sitz vibrieren lässt. Es ist roh, es ist intensiv, und es ist diese Old-School-Handwerklichkeit, die den Film aus der Masse moderner CGI-Überproduktionen heraushebt.
Michael Bay wäre nicht Michael Bay, wenn er nicht wieder all seine Signature Moves auspacken würde: die überhöhten Kontraste, das stylische Gegenlicht, die Kamera, die in endlosen 360-Grad-Schwenks um die Protagonisten kreist, als wolle sie selbst Teil der Action werden. Ein besonderes Schmankerl, ist diesmal der Einsatz von Drohnen. Bay lässt die Kamera wie ein hyperaktiver Kolibri durch die Straßenschluchten sausen, kippt sie in halsbrecherische Sturzflüge und jagt sie im nächsten Moment senkrecht an Hochhäusern hoch. Diese Shots verleihen Ambulance eine visuelle Dynamik, die man so im Actionkino selten sieht. Das Bild wirkt dadurch wie ein lebendiger Organismus, ständig in Bewegung, ständig am Puls. Der Score schwankt zwischen heroischem Pathos und treibendem Elektrobeat, und auch wenn das Rad nicht neu erfunden wird, unterstützt er die Raserei auf der Leinwand perfekt.
Im Zentrum des Chaos stehen zwei Männer: Jake Gyllenhaal und Yahya Abdul-Mateen II. Gyllenhaal spielt seinen Danny so überdreht, dass man manchmal denkt, er sei auf Koffein-Infusion – und das ist großartig. Sein Charisma trägt den Film, seine Mischung aus Wahnsinn und Bruderliebe verleiht der Figur mehr Tiefe, als das Drehbuch hergegeben hätte. Abdul-Mateen dagegen erdet das Ganze: Er ist der ruhige, moralisch zerrissene Part, der versucht, das Ruder nicht völlig zu verlieren.
Fazit
Ambulance ist kein Film für jeden. Wer Bay nicht mag, wird hier keine Bekehrung erleben. Doch wer sich auf das Spektakel einlässt, bekommt ein adrenalingeladenes, visuelles Dauerfeuer, das – trotz Längen im Mittelteil – unterhält und beeindruckt. Bay serviert hier all seine typischen Zutaten: die wuchtige Action, die überhöhten Kontraste, die rasenden Kamerafahrten. Hier ist ein Regisseur am Werk, der sein Handwerk kennt und es kompromisslos auslebt. Ambulance ist pures Bay-Kino: überladen, überdreht, überlebensgroß – und genau deswegen sehenswert.