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Wer sein Regiedebüt mit einem Kammerspiel feiert, muss schon eine gesunde Portion Selbstbewusstsein mitbringen und der Gewinn eines Oscars für das beste Drehbuch („The Imitation Game“) für Autor und Regisseur Graham Moore war gewiss nicht unberechtigt. Sein Werk wirkt ein wenig so, als hätten Hitchcock und Tarantino gemeinsam an einem Bühnenstück gearbeitet.

Chicago 1956: Meisterschneider Leonard (Mark Rylance) hat in London bei den besten seiner Zunft gelernt und betreibt eine Maßschneiderei für betuchte Herren. Auch die Chicagoer Unterwelt geht bei ihm ein und aus und kommuniziert über einen Briefkasten in Leonards Atelier. Als schließlich ein verletzter Mafiasohn bei ihm aufkreuzt und die Suche nach einem Maulwurf die Nacht beherrscht, muss sich Leonard rasch eine Strategie überlegen, um nicht zwischen die Fronten zu geraten…

Der doppeldeutige Titel bezieht sich einerseits natürlich auf die Schneiderei und andererseits auf ein Mafianetzwerk, dem einst sogar Al Capone angehört haben soll. Doch zunächst gibt es einen detaillierten Einblick in ein vergessenes Handwerk, welches viel Präzision und Geschick benötigt. Und gleichermaßen ist eine gute Menschenkenntnis förderlich, denn schließlich wird die Kleidung für den anspruchsvollen Kunden angefertigt.

Rasch hat man eine Ahnung davon, wie der äußerlich zurückhaltende und nur selten verschmitzt reagierende ältere Herr tickt und sich im Beisein einiger Krimineller stets neue Taktiken ausdenken muss, um diese zur Not gegeneinander auszuspielen.
Es gibt Finten, Betrug, Täuschungen und einige falsche Fährten, wobei stets das Wissen der entsprechenden Anwesenden zu berücksichtigen ist. Diesbezüglich schaut Kommissar Zufall ein wenig zu häufig in der Schneiderei vorbei und gegen Ende wirken einige Wendungen beinahe zu überladen, doch eine grundlegende Cleverness ist dem Drehbuch nicht abzusprechen.

Für die gelungene Umsetzung sorgt allen voran Mark Rylance, der mit viel Präsenz und gleichermaßen zurückhaltend nuanciertem Spiel sogleich die volle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Als einzig relevante Dame ist Zoey Deutch von der Partie, welche ebenfalls grundsolide performt, was quasi für alle übrigen Mimen gilt. Der angenehm zurückhaltend eingesetzte Score von Alexandre Desplat untermalt die jeweilige Stimmung in der Schneiderei auf den Punkt und nicht zuletzt sorgt eine versierte Kamera in den zwei, drei Räumen für das richtige Maß, wobei auch dies doppeldeutig zu verstehen ist.

Ein Faible für minimalistisch aufgezogene Kriminalstücke ist eine Grundvoraussetzung, sich in den Stoff einzufinden und bei einer Nacht mitzufiebern, die sich wie Echtzeit anfühlt.
Hier und da schlägt der Fintenhase zwar ein paar Haken zuviel, doch letztlich laufen alle Fäden in einer zufrieden stellenden Pointe zusammen, während einige spitzfindige Dialoge kleine Längen im Mittelteil kaschieren.
7 von 10

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