Diabolik
Kühl-elegante Comic-Adaption um eine italienischen Popkulturikone, die trotz ihres betagten Alters einen erfrischenden Gegenentwurf zu den US-amerikanischen Jumpsuithelden der Gegenwart bietet.
Wenn maskierte Männer Verbrechen begehen und dabei auch noch die heillos überforderten Gesetzeshüter genüßlich an der Nase herum führen, dann landet man sehr schnell in der Popkultur. Das Spektrum dieser meist gebrochenen Helden reicht von aufrichtig und ehrenhaft (wie Sagengestalt Robin Hood, oder Roman-Vigilant Zorro) bis zu abgrundtief böse und psychopathisch (wie Batman-Nemesis Joker). Außerhalb des angloamerikanischen Kosmos haben sich nur wenige dieser Antihelden durchsetzen können und wenn, dann meist nur national. Die französische Ausprägung "Fantomas" erlangte durch die gleichnamige Filmtrilogie (1964-1957) mit Komiker-Legende Louis de Funès immerhin in Europa einen gewissen Bekanntheitsgrad. Dass Vergleichbares auch seinem italienischen Pendant „Diabolik“ gelingen wird, ist eher zweifelhaft, was schade ist, denn qualitative Gründe sprechen kaum dagegen.
Schurkisches Popkulturgut Made in Italy
Die Comics um den Jet-Set-Gangster Diabolik gehören seit den frühen 1960er Jahren zum italienischen Popkulturgut und werden auch heute noch in hoher Auflage verlegt. Die von Angela Giussani erfundene Figur wirkt dabei wie ein Destillat verschiedenster Schurken-Helden. Selbst Teil der High-Society, bestiehlt er nur seinesgleichen, vornehmlich jene, die selbst Dreck am Stecken haben. Anders als der grüne Bogenschütze aus dem Sherwood Forest verteilt er seine Beute allerdings nicht unter den Bedürftigen, sondern mehrt damit seinen eigenen Reichtum. Zudem ist er auch wenig zimperlich bis hin zu Mord, wenn sich ihm das Gesetz in den Weg stellt. In den Diabolik-Comics ist der Böse der Held, daran ändern auch die Parallelen zu James Bond (Vorliebe für schelle Autos und allerlei technische Gimmicks) nichts. Der vor allem die amerikanischen Comics prägende Heldenmythos, im Verbund mit einem entsprechenden Moralkodex, wird hier gewissermaßen ins Gegenteil. verkehrt.
Diese moralische Ambivalenz ist einer der Gründe warum die beiden Brüder Marco und Luca Manetti die Comic-Vorlage seit ihrer Kindheit lieben und seither den Traum hegten, eine möglichst werkgetreue Fassung auf der großen Leinwand zu sehen. Die erste Verfilmung eines Diabolik-Comics (Gefahr: Diabolik, 1968) datiert noch von vor ihrer Geburt und ist eine überdrehte B-Sauße und Teil der Eurospy-Welle, die in den 1960er Jahren im Kielwasser der Bond-Filme den europäischen Markt flutete. Der seinerzeit von der Kritik verrissene und vom Publikum verschmähte Reißer genießt inzwischen Kultstatus, taugt aber dennoch in keiner Weise zum seriösen Ansatz der Manetti-Brüder. Dass die beiden ehemaligen Video-Clip-Regisseure ihre prominentesten Langfilm-Sporen mit Komödien (Song´e Napole, 2013 und Love and Bullets, 2017) verdienten, ist dazu kein Widerspruch, spielen doch in beiden Verbrecher und ihre Untaten eine wesentliche Rolle. Darüber hinaus haben sie sich in so unterschiedlichen Genres wie Science Fiction, Horror und Thriller ausprobiert, womit sie für dem Genre-Mashup Diabolik bestens gerüstet waren. Zwar sind die Comic-Vorlagen am ehesten dem Neo-Noir zuzuordnen, aber Brutalität, Technikverliebtheit und Planungsgenie des Protagonisten sorgen immer wieder für schauerliche, futuristische und spannungsgeladene Abzweigungen. Und da sich die Manettis an den stilprägenden ersten Ausgaben orientierten und die Filmhandlung somit in den 1960ern verorteten, landen auch noch Period-Movie und Retro-Chic im bunten Genre-Topf.
Elegante Stilübung in Moll mit Maske und Bond-Bezügen
Dass Diabolik angesichts dieser Vielzahl an Zutaten dennoch wie aus einem Guss wirkt, liegt vor allem am unbedingten Stilwillen der Regisseure. Für die fiktiven Handlungsorte Clerville und Ghenf doubelten u.a. die Straßenzüge und Viertel von Mailand, Bologna und Triest, die sich seit 60 Jahren kaum verändert haben und lediglich mit zeitgenössischen Fahrzeugen ausgestattet werden mussten. Die aufwendigen Interieurs, v.a. Diaboliks unterirdische, an die Batcave erinnernde Operationsbasis, wurden mit viel Liebe zum Detail und im Stil der frühen Bondfilme ausgestattet. Ken Adam hätte sicher seine Freude an den ungewöhnlichen Raumdesigns und stilisierten Gimmicks gehabt. 007 stand auch bei der Auftaktverfolgungsjagd mit einem schwarz glänzenden Jaguar E-Type Pate, bei der nicht nur diverse Geheimwaffen, sondern auch präpariertes Gelände zum Einsatz kommen.
Von einem Bond-Plagiat kann dennoch nicht die Rede sein. Nicht nur sind die jeweiligen Helden viel zu unterschiedlich, maskierter Verbrecher versus regierungstreuer Agent, auch liegt der Fokus deutlich stärker auf den Thriller-Elementen und weniger auf spektakulärer Action. Zwar ist auch Diabolik ein Womanizer, aber nicht in der hedonistischen und dem puren Zeitvertreib dienenden Ausprägung eines James Bond. Die leidenschaftliche Anziehung zwischen Diabolik und der High-Society-Schönheit Lady Kant hat nichts Spielerisches, auch nichts Opportunistisches, sie entsteht vielmehr aus dem Wissen (und der Faszination) beider um die geheimnisvollen Abgründe des jeweils Anderen.
Überhaupt lauern in der Welt des Diabolik überall Geheimnisse und Mysterien. Es geht um falsche Juwelen, falsche Identitäten und falsche Fährten. Ob die familiäre Vergangenheit oder die aktuelle Lebenswelt, überall wird getrickst, getäuscht, gelogen. Dass man in dieser Welt aus Lug und Trug nicht einmal einem offenen Gesicht trauen kann, ist da nur konsequent. Sinnbildlich dafür stehen die von Diabolik benutzten Gesichtsmasken, mit denen er jedwede gewünschte Identität annehmen. Kann. Ähnlich wie in der Mission: Impossible-Reihe ist dies ein phantastisches Element, dass es zu schlucken gilt, will man die ansonsten dominierende Ernsthaftigkeit nicht in Frage stellen. Denn abseits dieses vermeintlichen Karnevalstricks herrscht eiskalte Finsternis in und um Diabolik.
Optische wie narrative Inszenierung der Manetti-Brüder lassen keinen Zweifel an dieser Düsternis. Gedeckte Farben, klare Formen und ein schlicht-elegantes Design sorgen für unterkühlte Mondänität. Ein eher unaufgeregtes Erzähltempo bei dem mal Blicke und Gesten dominieren, mal pointierte Dialoge, sorgt für eine entspannte Eleganz, die sehr gut zur Vorlage und dem 60s-Setting passt. Wer moderne Sehgewohnheiten mit ihrer in vielen Bereichen deutlich kürzeren Taktung präferiert, sei hiermit gewarnt. Diabolik ist kein Comic-Spektakel im Stil aktueller Superheldenabenteuer. Viel eher lässt sich eine Nähe zum Film Noir der 40er Jahre feststellen, die ja auch schon die Comicvorlage suchte.
Kalte Blicke und heiße Frauen
Den Manetti-Brüdern war klar, dass ein solch in vielerlei Hinsicht altmodischer Film auch und besonders über seine Darsteller funktionieren muss. Da Diabolik meist hinter einer Maske versteckt bleibt, gehörten ausdrucksstarke Augen gewissermaßen zum Pflichtprogramm. Luca Marinelli wurde vermutlich nicht nur deshalb gecastet, aber sein Blick ist von einer geheimnisvollen Kälte, die der Figur die nötige Schauer-Aura verleiht. Fast noch wichtiger war die Besetzung von Lady Kant, schließlich ist sie die eigentliche Hauptfigur, die den Meisterdieb nicht nur dazu verleitet erstmals seine Maske zu lüften, sondern ihn auch noch von der Notwendigkeit einer gewieften Komplizin überzeugt. Schließlich sorgt sie auch noch für seine Befreiung aus dem Gefängnis, in dem er nach seiner zwischenzeitlichen Verhaftung auf seine Hinrichtung wartete. Die ehemalige Schönheitskönigin Miriam Leone ist ein Glücksgriff für diese Rolle. Hinter der Fassade von Schönheit und Eleganz lauert eine durchtriebene und abenteuerlustige Taktikerin, die sämtliche Männer vor Kamera und Leinwand sekundenschnell um den Finger wickelt. Leone gibt dabei sowohl optisch wie mimisch so überzeugend die klassische Femme Fatale, dass man beinahe vergisst einen aktuellen Film zu sehen.
Für ihren ersten Diabolik-Film (geplant war von Beginn an eine Trilogie) wählten die Manettis ganz bewusst den dritten Band der Comicreihe (Die Verhaftung von Diabolik), weil hier der Titelheld erstmals auf seine spätere Partnerin Lady Kant trifft. Nach Miriam Leones Vorstellung dürfte diese Entscheidung selbst den größten Comic-Puristen zufrieden stellen. Inwieweit der normale Kinogänger bzw. Filmliebhaber dieses mit viel Liebe zur Neo-Noir-Comicvorlage gedrehte Antihelden-Abenteuer zu würdigen weiß, bleibt abzuwarten. Zumal der maskierte Meisterdieb außerhalb Italiens eher als Geheimtipp unter Comicnerds gehandelt wird. Als Gegenentwurf zu den US-amerikanischen Jumpsuitheroen ist der fiese Diabolik aber mindestens eine wohltuende Abwechslung. Und wer mit "Fantomas", Humphrey Bogart und den Connery-Bonds etwas anzufangen weiß, der darf ruhig auch hier mal einen Blick riskieren.