"Wenn du nicht der Beste sein kannst, dann sei der Schlechteste" so lautet der Leitspruch von B-Movie und Trashlieferant Frank Henenlotter. Ihm wurde schnell klar, dass man Schrott erst zu schätzen weiß, wenn man auch Qualität in ähnlicher Weise huldigt. Seine skurrilen Werke bestechen vor allem durch splattrige Gewalt, trashige Effekte, niedrige Budgets, schwarzen Humor, morbide, paranormale Inhalte und eine versteckt unterschwellige Gesellschaftskritik. Dabei lotst er bewusst die Grenzen des schlechten Geschmacks aus, was ihm zwar einen gewissen Kultstatus, aber auch genügend säbelschwingende Kritiker eingebracht hat. Entweder Du liebst ihn, oder Du hasst ihn. Henenlotters auf 16 mm gedrehtes Spielfilmdebüt Basket Case (1982) kostete knapp 35.000 Dollar und floppte einst an den weltweiten Kinokassen, durch konstant hohe Umsätze aus dem Video und späteren DVD Sektor avancierte er allerdings zum Geheimtipp und gilt mittlerweile als wahrer B-Horror Klassiker, welcher gerade wegen der oben genannten Eigenschaften auch heute noch eine große Fangemeinde begeistert.
In Henenlotters Ausführungen besteht eigentlich immer eine enge Beziehung zwischen einer in Anführungszeichen normalen Hauptfigur und einem grässlichen, abartigen Monster. Die Idee für Basket Case kam ihm bei einer Brainstorming Session für bisher noch nicht verwendete Filmtitel und erzählt die Geschichte von den siamesischen Zwillingen Duane Bradley (Kevin Van Hentenryck) und der deformierten Klumpgestalt Belial, welche sich mit seinem Bruder gemeinsam an den Ärzten rächen möchte, die beide einst in ihrer Jugend gegen ihren Willen operativ voneinander getrennt haben. Nach dem die Verantwortlichen blutigst zur Rechenschaft gezogen wurden, entdeckt die in einem Wäschekorb hausende Kreatur ungeahnte Eifersuchtsgefühle, als sich Duane für die junge Arzthelferin Sharon (Terri Susan Smith) interessiert. Ein verhängnisvoller Fehler, welcher erneut Belials unbändige bestialische Mordlust weckt....
Wer optisch aalglatte Hochglanzproduktionen bevorzugt, sollte am besten einen meilenweiten Bogen um Basket Case machen, denn die begrenzten finanziellen Mittel sieht man Henenlotters erstem Streich mehr als jedem anderen seiner nachfolgenden Filme an. Billige, dreckige, verruchte Kulissen machen die Szenerie aus und die Handlung spielt sich zu 90 % in einem dunklen, heruntergekommenen Motel an der 42 Straße in Manhattan ab. Die Darsteller sind grauenhaft hässlich und die Bezeichnung Schauspieler würde ihr nicht vorhandenes Talent in ungerechtfertigte Sphären heben. Die Special Effekts werden von unbeschreiblicher Schlichtheit und Einfältigkeit getragen und wenn Belials "Pracht" in der Ganzkörpertotalen zur Geltung kommt, sehen die Bewegungen der Marionette wie das berühmt berüchtigte Daumenkino aus, denn die Einstellungen wurden im Stop-Motion Verfahren realisiert. In den Mordsequenzen setzt Henenlotter auf literweise Kunstblut, welches wohl von den ultra cheapen Verletzungsanimationen der Opfer ablenken soll und der grauenhafte Synthi-Sound im Hintergrund gibt dem Zuschauer den qualitativen Rest.
Das hört sich alles recht negativ, ja fast schon vernichtend an, doch in Basket Case tragen diese vermeintlich misslungenen Attribute zum unvergleichlichen Trash Charme bei und erzeugen eine angenehm morbide, düster-beklemmende Atmosphäre. Henenlotter macht keinen Hehl daraus, in den Exploitation und Sexplotationfilme der 70er Jahre Inspiration gefunden zu haben und versorgt den Zuschauer mit übertriebener Gewalt, Blut, Sex und seltsamen Figuren, dass der Betrachter hin und her gerissen ist zwischen Ekel und Gefallen sowie Ablehnung und heimlicher Begeisterung. Obwohl der Streifen phasenweise so mies ist, dass abschalten angebracht wäre, sieht man sich den Film doch bis zum Schluss an und fühlt sich am Ende des Tages auch noch gut unterhalten. Dieser einzigartige Zwiespalt ist für mich die ganz große Stärke von Basket Case, als Paradebeispiel hierfür sei Belials perfide Monstersex Szene auf der bedauernswerten Sharon genannt.
Der Umgang der Allgemeinheit mit Behinderten wird latent angeprangert und Belial darf Emotionen wie Wut, Hass, Eifersucht, Geborgenheit und Lust empfinden. Egal wie stark eine naturgegebene Benachteiligung auch ausfallen mag, es ändert nichts an den Bedürfnissen eines jeden Lebewesens, wie das merkwürdige aber gleichzeitig auch bewegende gute Nacht Geschichte vorlesen vom Kindermädchen der beiden Zwillinge treffend beweist. Auch wenn der Freak in Basket Case irreal und überspitzt wirkt, legt Henenlotter den Finger tief in die Wunde von gesellschaftlichen Normen und Missständen und ruft verdeckt zu Akzeptanz und Toleranz auf, von der Animation zu falschem Mitgefühl nimmt er mit seiner trockenen und schonungslosen Darstellung weitgehendst Abstand.
Abschließend betrachtet dürfte es kein Geheimnis sein, dass Basket Case alles andere als Mainstream ist und dem Zuschauer auch wegen seiner Schwerverdaulichkeit einiges abverlangt, weswegen die Resonanz bei den Kritikern wohl dementsprechend kontrovers ausfiel. Während Dread Central ein "verrücktes Meisterwerk" mit dem Abfeiern des Schmuddelkinos sieht, entrüstet sich das Lexikon des internationalen Films, wie es nicht anders zu erwarten war, über den "haarsträubenden Unfug, der nur auf den Brechreiz des Publikums zählt". Die Wahrheit liegt für mich persönlich in der Mitte. Basket Case hat erinnerungswürdige Kultmomente und liefert auf alternative Art und Weise besondere Unterhaltung, doch diese Stärken beinhalten nun mal auch der Fairness halber erwähnt unverkennbare Schwächen. MovieStar Wertung: 7 von 10 Punkte.