Nicht nur in den Märchen der Gebrüder Grimm steht die Hexe für das grundlegend Böse. In anderen Volksmärchen vermag sie gar als Gestaltwandlerin umherwandeln und ihre Macht ein wenig subtiler auszuüben. Auch das Debüt von Autor und Regisseur Goran Stolevski beschäftigt sich mit dem Einfluss einer Hexe, was in einem Selbstfindungsprozess mündet, der das Publikum definitiv spalten dürfte.
Mazedonien im 19. Jahrhundert: Hexe Maria verlangt von einer Mutter das Neugeborene, doch dieser gelingt es, einen Handel auszumachen: Erst nach 16 Jahren soll das Mädchen Nevena der Hexe gehören, bis dahin lebt es in einer abgeschirmten Höhlengrotte. Danach führt die Hexe das Mädchen in die Kunst des Gestaltwandelns ein und so wird Nevena, zunächst eher unbeabsichtigt, Teil eines einfachen Bergvolkes…
Einige Kritiker vergleichen das Werk mit Robert Eggers „The VVitch“, was bis auf die Hexenthematik jedoch reichlich hinkt. Obgleich auch hier eine Menge Interpretationsfreude gefragt ist, schüren eine schlüssige Geschichte, eine stimmige Atmosphäre und genügend Spannung ein durchweg gegebenes Interesse, was hier nur einem Nischenpublikum vorbehalten sein dürfte. Stolevski lässt primär die Bilder sprechen, gesprochen wird kaum und auch das spärlich eingesetzte Voice-over liefert nur kryptisches Geschwafel, was teils sehr an „Der Wolf. Das Lamm. Auf der grünen Wiese, - Hurz!“ erinnert.
Horrorelemente sind überdies rar gesät, mal abgesehen von der verbrannten Haut der Hexe, einigen blutigen Striemen als Markierung und angedeuteten Gekrösemomenten mit Fleisch und Glibber. Stattdessen wird ab und an Beischlaf ausgeübt, was im Zuge des Selbstfindungsprozesses aus verschiedenen Perspektiven vollzogen wird. Es gibt vorsichtige, zuweilen auch unbedachte Annäherungen, ein latent hartes Schuften der Dorfbewohner und natürlich ein knallhartes Patriarchat, welches jedes leise Aufmucken konsequent mit Züchtigung ahndet.
Die netten Kostüme, die urigen Sets und die passend gecasteten Darsteller täuschen jedoch nicht über die allgemeine Ereignislosigkeit hinweg, bei der zahlreiche, leicht verwackelte Nahaufnahmen von den (körperlichen) Facetten des Lebens zeugen möchten, während die haarlose Hexe in unregelmäßigen Abständen aufkreuzt und diverse Gestaltwandlungen mit stillen Blicken oder Gesten quittiert.
Dramaturgisch ist das ein Rohrkrepierer, obgleich es in den letzten Minuten noch so etwas wie eine Konsequenz gibt, - nach rund 109 Minuten Meditation in erdigen Farben und spärlich eingesetzten Tranquilizer-Sounds geht so etwas schlafwandlerisch an einem vorbei.
Eine wie immer verlässliche Noomi Rapace geht mit ihrem Zehn-Minuten-Auftritt leider fast genauso unter wie Alice Englert, welche erst spät zum Geschehen beitragen darf.
Geschehen trifft es ohnehin nicht, eher eine Ansammlung von Momentaufnahmen, bei denen Feingeister womöglich in jeder Pore eine poetische Aussage herausfiltern können.
Insofern sind einmal mehr Kunstliebhaber und ausgewiesene Arthausfreunde gefragt, denn es benötigt eine Menge Geduld und Wohlwollen, aus dem Gedöns über Liebe, Reue und Wiedergutmachung etwas Gehaltvolles herauszufiltern.
3 von 10