Review
von Leimbacher-Mario
Folk (ohne) Horror
„You Won't Be Alone“ schlägt in die „Hagazussa“-Kerbe und ist ein wortkarger, widerspenstiger, (zumindest optisch) wunderschöner Okkultgrusler angesiedelt im ursprünglichen Mazedonien des späten 19. Jahrhundert. Wir folgen einer vagen und sprunghaften Handlungen zwischen Teufeln, Katzen und gestohlenen Babies, zwischen Seelensprüngen und Menschenlernern, zwischen Voiceover und Valium. „Tree of Hexenlife“ sozusagen. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht, man verliert seine Wachheit in schattigen Höhlen.
Typischer Fall von: respektiere und bewundere ich - feiere und fühle ich aber nicht!
Sphärisch und atmosphärisch, über Gesichter, Landschaften wie fast Seelen gleitend. Ich traue „You Won't Be Alone“ zu, bei manchen Leuten durchaus eine Sogwirkung zu entfalten und einige (eher historische, intellektuelle) Druckpunkte zu betätigen. Dafür ist er einfach anbetungswürdig schön und delikat, sodass wohl selbst Ingmar Bergman den Hut ziehen würde. Selbst wenn es heutzutage natürlich ganz einfachere, wesentlich günstigere Methoden gibt eine solche Vision umzusetzen als zu Zeiten von „Das siebte Siegel“. Aber trotz allem wollte es bei mir leider nie richtig Klick machen und die Reise wurde anstrengend. Noch nicht zur selbstverliebten Tortur - aber nah dran teilweise. Egal wie gerne ich ihn gemocht hätte. Manchmal hat man bei sowas auch das Gefühl, dass viele Kritiker ihn nur loben, weil man dadurch als gebildet und anspruchsvoll gelten könnte, egal ob man das Ding jetzt wirklich verstanden hat oder eben eine Verbindung gefunden hat. Aber das ist nur meine Vermutung, mein Eindruck, ein Thema für einen anderen Abend. Ich jedenfalls kann „You Won't Be Alone“ viel abkaufen - hätte jedoch am liebsten dennoch fast alles direkt wieder zum Händler zurückgebracht. Nicht weil es kaputt ist, sondern weil ich damit einfach zu wenig anfangen kann. Zu viel Esoterik, zu wenig Horror. Zu viel Geschwafel, zu wenig Gemache. Zu viel Einst, zu wenig Jetzt. Zu viel Seelennebel, zu wenig Hexenschauer.
Fazit: für alle denen „The VVitch“ zu flott war… Künstlerisch und audiovisuell ist das wohl eines der besten und hübschesten Regiedebüts aller Zeiten. Elevated Horror mit brechend viel Anspruch und gänzlich ohne Stress. Erzählerisch und spannungstechnisch ist das aber gelinde gesagt zäh. Oder deutlicher gesagt: ein Flop und Thema oder zumindest Genre verfehlt. Zudem in vielerlei Hinsicht eher Derivat als eigenständig. Gäb's eine Criterion Collection nur für's Genre wäre das ohne Frage ein heisser Kandidat zwischen Von Trier, Bergman, Malick und Eggers. Für mich waren's jedoch eher Hausaufgaben als rundes Gesamtpaket.