Review

„Nur wer alle Einzelheiten kennt, weiß, wie das Große und Ganze funktioniert!“

Vierzehn Episoden dieser öffentlich-rechtlichen deutsch-österreichischen Fernsehkrimiserie um die österreichische Kriminalinspektorin Hannah Zeiler (Nora Waldstätten) und den deutschen Kriminalhauptkommissar Micha Oberländer (Matthias Koeberlin) brauchte es, bis ich mir eine angesehen habe: „Das zweite Gesicht“ wurde Anfang 2022 erstausgestrahlt und entstand, nachdem Regisseur Michael Schneider die vorausgegangenen sechs Episoden inszeniert hatte, unter der Regie Christian Theedes („Allein gegen die Zeit – Der Film“) , der damit innerhalb der Reihe debütierte. Auch beim Drehbuch änderte sich die Personalie: Statt wie beim Großteil der Episoden von Timo Berndt wurde diese Episode von Jeanet Pfitzer, Frank Koopmann und Roland Heep geschrieben.

„Verdammt, das gibt’s doch gar nicht!“

Die siebzehnjährige Lisa Schwegelin (Anna Herrmann, „Tatort: Hetzjagd“) wird bei der Polizei vorstellig, um sich als Zeugin für einen Mord zu Verfügung zu stellen, der jedoch noch gar nicht stattgefunden hat. Kriminalinspektorin Hannah Zeiler eilt dennoch zum Bregenzer Naturgeisterfest, das Teil Lisas Vision war. Und tatsächlich wird dort kurz nach ihrer Ankunft exakt jener Mann von einem maskierten Täter erstochen, von dem Lisa gesprochen hatte. Wie konnte Lisa das voraussehen? Damit nicht genug: Auch ein zweiter Mord erscheint ihr und findet in der Realität statt. Hat Lisa das „zweite Gesicht“ oder gibt es eine rationale Erklärung? Als die Ermittlungen ein mögliches Tatmotiv Lisas ergeben, gerät sie unter Mordverdacht…

„Ich hab’ so was nicht, weißt du?“

Alles beginnt mit einem maskierten Tanzritual auf dem Bregenzer Naturgeistfest, wo einer der Tänzer erstochen wird. Dieser Einstand entpuppt sich als Lisas Vision. Zeiler schraubt derweil an ihrem Moped, offenbar möchte sie mit ihrem Freund ein schwedischen Ferienhaus bereisen. Dies reicht bereits aus, um die hagere Kommissarin mit dem kantigen Gesicht und den strenggeflochtenen Haaren als offenbar nicht fest gebundene, unabhängige, selbstbewusste, freiheitsliebende Frau zu charakterisieren, die zudem technisch versiert ist und am liebsten alles selbst macht. Dass der eingangs gezeigte Mord erst noch geschehen wird, erfährt das Publikum durch Lisas Besuch auf der Polizeistation. Der Täter wird mit Schatteneffekten und ähnlichem wie in einem Horrorfilm inszeniert; einen harschen Kontrast bilden dazu die wundervollen Naturpanoramen und Drohnenkameraflüge über die Region im deutsch-österreichisch-schweizerischen Grenzgebiet sowie die Alpakafarm, auf der die scheue und verunsichert wirkende Lisa zusammen mit ihrem älteren Bruder Marco (Christoph Luser, „Tatort: Wendehammer“) lebt. Dieser will Lisas offenbar besondere Fähigkeiten nicht wahrhaben und versucht, sie vor der Öffentlichkeit zu schützen.

„Wir können Ihnen helfen!“

Zeiler „ermittelt“ ganz nebenbei auch im Privatleben ihres Kollegen Oberländer bzw. dessen neuer Freundin Miriam (Martina Ebm, „Dennstein & Schwarz“), denn diese ist vorbestraft und Zeiler misstraut ihr. Hat sie möglicherweise selbst Interesse an Oberländer? Damit hätten wir wohl die horizontale Erzählebene, die sich über mehrere Episoden erstreckt. Aufgelöst wird diesbezüglich hier nichts. Verdächtig ist, dass die Ehefrau des ersten Opfers eine lesbische Affäre unterhält. Das zweite Mordopfer wiederum hatte es sich als Geschäftsmodell auserkoren, insolvente Hotels aufzukaufen, u.a. von jener lesbischen Affäre – also werden beide Frauen verhört. Ungefähr nach der Hälfte der Spielzeit wird eine Wendung installiert, durch die einiges klar wird. Nun stellt sich die Frage, ob die Handlung spannend weitergehen wird oder ihr Pulver bereits verschossen hat.

Es kann Entwarnung gegeben werden, denn es wird nicht bei dieser einen Wendung bleiben. Die stets schnell schaltende Inspektorin gräbt sich mit Kombinationsgabe und Empathie weiter in die mysteriösen Fälle hinein, watet durch einen immer unappetitlicher werdenden Morast aus sexualisierter Gewalt, Machtmissbrauch, psychischer Erkrankung und immer weiteren sich auftuenden menschlichen Abgründen. All dies scheint um Lisa als Bezugspunkt zu kreisen, deren visualisierte Hypnosesitzung Lust auf einen Waldspaziergang macht, während ihre über die Laufzeit verteilten Visionen und Erinnerungen mittels grafischer Effekte verfremdet werden und lange Zeit rätselhaft bleiben. Die wendungsreiche zweite Hälfte bietet immer neue Entwicklungen, hätte hier und da etwas mehr Pepp vertragen können, ist aber durchaus spannend und unterhaltsam geraten. Regisseur Theede lässt die fesseln zuweilen lockerer, um sie dann gerade rechtzeitig wieder anzuziehen.

Für eine TV-Serienproduktion ist das Niveau überraschend hoch und die Geschichte sehr ausgeklügelt, immer den Rand des etwas arg Unwahrscheinlichen streifend, ohne ihn jedoch in Richtung unglaubwürdig zu überschreiten – sieht man vom gezeichneten übertriebenen Idealbild der Polizei einmal ab. Anna Herrmann und Christoph Luser tun sich schauspielerisch expressiv hervor, während Waldstätten als Zeiler – vermutlich rollenimmanent – relativ distanziert bleibt und Koeberlin als Oberländer eindeutig die zweite Geige hinter ihr spielt. Alles in allem bin ich recht angetan von dieser Episode, die mit trutschiger Heimatverklärung nicht das Geringste zu tun hat, vielmehr die schöne landschaftliche Natur in Kontrast zur weniger schönen menschlichen Natur setzt – und als Warnung an Vergewaltiger verstanden werden darf. 7,5 von 10 Naturgeistmasken dafür!

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