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Mit im Grunde vielen unbekannten (in Shenzhen ansässigen) Produktionsfirmen im Hintergrund 'gestärkter' Gerichtsthriller, welcher ursprünglich zusammen mit den unabhängig voneinander hergestellten 'Kollegen' um Remain Silent und Guilt by Design bereits 2019 erscheinen sollte; richtig pünktlich war eigentlich nur der letzte Titel, der mittlere hatte drei Jahre Wartezeit, The Attorney selber ist sowohl in China zuerst als auch zwei Wochen später in HK schließlich und endlich Oktober 2021 erschienen. Gemunkelt wurde wie oft bis immer um Probleme mit der lokalen, sprich der mutterländischen Zensur, ist der (eher isoliert wirkende) Film zwar rein mit kantonesischen, eher semiprominenten (Neben)Darstellern besetzt, braucht aber für die Veröffentlichung die Freigabe durch die entsprechende Kommission der VRC; wobei ein weiteres Hinauszögern des Releases wahrscheinlich einige Wunder bewirkt hätte: Gerade jüngst sind weitere in den hohen Hallen der Justiz spielende Thriller/Dramen wie The Sparring Partner (2022) oder A Guilty Conscience (2023) beim Publikum reichlich mit Interesse bestückt gewesen und haben sich zu teils unerwartet hohen Einnahmen aufgeschwungen. The Attorney lief unter dem Radar, hat zwar auch eine Auswertung auf Heimmedien erhalten, wird seitens des Videoportals Youku aber auch kostenlos (in Kantonesisch sowie in Mandarin, plus Untertitel) angeboten und so für umsonst konsumiert:

Aus persönlichen Gründen nimmt der sonst eigentlich wenig involvierte Rechtsanwalt Frankie Lui [ Alex Fong ] den von vornherein aussichtslos scheinenden Fall um den jungen Dicky Lee [ Wong Ting-Him ] an, der schwer alkoholisiert einen Sexualmord an Angie Kwok [ Yan Kei ], der Tochter des Schwerreichen Kwok Sai-Wing [ Liu Kai-Chi ] begangen haben soll und quasi auch mit der Waffe in der Hand am Tatort vom Polizisten Chiu Kwok-Fai [ Deon Cheung ] vorgefunden wurde. Lui, der den Fall seinem jüngeren Kollegen Kelvin Ho [ Carlos Chan ] quasi aus der Hand nimmt, was die einzige Angehörige des Angeklagten und seine einzige Fürsprecherin Chu [ Pau Hei-Ching ] auch alles andere als gut findet, findet sich vor Gericht dem gleichwertigen Kollegen Joe Chan [ Patrick Tam ] als Ankläger gegenüber, zudem wird die Gegenseite auch vom Baumagnaten Tsang Kwok-Shan [ Kenneth Tsang Kong ], einem Verbündeten des trauernden Vaters, und seinem gerade in die Politik gehenden Sohn Tsang Chi-Wai [ Justin Cheung ] nicht bloß finanziell unterstützt.

Was auch immer in den Monaten der Revision stattgefunden und eventuell sich geändert hat am fertigen Produkt, lässt sich natürlich nur mutmaßen und rein auf Verdacht analysieren. Begonnen wird mit einem Tatort in Ngau Tau Kok, einer Rückblende, eine Leiche, viele Spuren, ein halbnackter, zitternder, in sich verschlossener und nicht wirklich ansprechbarer Mann hockend neben einer Toten, viel Blut. Begonnen wird zusätzlich mit der Parallelgestaltung zweier justizieller Sitzungen, den Arbeitsmethoden der jeweiligen Anwälte dort, ihren Plädoyers, bezüglich anderer (alltäglicher) Fälle; die Vorstellung zweier Hauptpersonen – einer hat die letzten Dutzend Verfahren gewonnen, der andere verloren – , die später noch öfters im Gerichtssaal und dies gegenüber oder doch nebeneinander stehen.

Gedreht von Wong Kwok-Fai, welcher vom Fernsehen kommend mit den Kinofilmen The Moment (2016) und Ghost Net (2017) den Weg auf die große Leinwand genommen hat, lässt sich die eher kleinere Herkunft von Anbeginn an nicht verleugnen. Die Inszenierung ist solide einfach gehalten, sich von Szeneaufbau wiederholende Einstellungen (im Büro, auf einer Yacht, im Krankenhaus) sind spürbar deutlich, die Farben recht blass, fast eine schwarz-weiß Gestaltung, aber durchaus Tempo und Überzeugung darin. Eine berufliche Überschneidung, ein privater Bezug, ein Krimi, eine polizeiliche Untersuchung, ein merkwürdiges Verhör. Hinten die Aktenberge, vorne die arbeitende Bevölkerung. Vermehrt Wert wird auf die Bebilderung der Gespräche gelegt, die Kommunikation das A und O, Fakten und Kausalität, Verdrehungen, Lügen und Intimität. Unterschiedliche Ansichten, sich widersprechende Herangehensweisen, der Glaube an Recht und Gerechtigkeit; Finten und Tricks. Schnell kommen weitere Zutaten hinzu, die Handlung behält ihre Tätersuche bei, es gibt Details zur gesellschaftlichen Frage, zur sozialen Situation, zur Unterschiedlichkeit der Klassen, dem Riß zwischen Arm und Reich, zur Verstrickung von Finanz und Politik.

Ähnlich wie auch Guilt by Design ist man dabei eher Kolportage, mit (begründeter) Paranoia, mit weitreichender Verschwörung, mit versuchter und/oder tatsächlicher Zeugenbeseitigung, mit einem 'Auffahrunfall', Aktionszenen in einem Parkhaus und einer Vergeltung mit einem Golfschläger; die Anwälte – wobei Darsteller Fong die Hauptlast auf den Schultern trägt, in Szenen unabhängig davon sein Law dis-order (2016) Partner Liu Kai-chi aber regelmäßig die Schau stiehlt – hier müssen selber ermitteln und selber auch in Gefahrensituationen aktiv werden, was das Ganze zu einem (Justiz)thriller (auch abseits der ursprünglich angedachten Zielgruppe der 'Paragrafenreiter' und 'Legal Mavericks') werden lässt und immerhin viele zwielichtige Figuren und diverse spannungsfördernde Konfrontationen aufwirft. Zum Prozess selber kommt es circa in der Hälfte der veranschlagten Laufzeit (von etwa 100 Minuten), aber selbst dann nur phasenweise, mit weiteren Überraschungen, mit einigen Hebeln und Kniffs.

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