Review

„Impfungen sind immer ein Stück weit Opfer ihrer eigenen Erfolge. Je effektiver Impfungen funktionieren, desto geringer sind Ängste vor Infektionskrankheiten. Umso stärker ist dann die Impfskepsis.“ (Historiker Malte Thiessen)

Der französische für den Fernsehsender Arte produzierte Dokumentarfilm „Impfgegner – Wer profitiert von der Angst?“ stammt von der Journalistin Lise Barnéoud, die für ihn mit Marc Garmirian, Colette Camden und Flora Bagenal zusammenarbeitete. Er wurde im Jahre 2021 auf dem Höhepunkt der Anti-Impf-Hysterie während der Covid-19-Pandemie ausgestrahlt.

Dieser rund eineinhalbstündige Film begnügt sich nicht damit, den damaligen Ist-Zustand zu dokumentieren, sondern geht bis in Jahr 1998 zurück und nennt ganz konkret Ross und Reiter, was ich in anderen Berichten, Reportagen und Dokus häufig vermisse. So dröselt er genau auf, wie sehr Impfskepsis, -angst und -gegnerschaft auf den karrieristischen, narzisstischen Scharlatan und ehemaligen britischen Arzt Andrew Wakefield zurückgehen. Dieser veröffentlichte 1998 im hochangesehen Fachjournal „The Lancet“ eine gefälschte Studie, in der er einen Zusammenhang zwischen der kombinierten Impfung gegen Mumps, Masern und Röteln und Autismus-Fällen bei Kindern behauptete. Aufgrund der guten Reputation jener Fachpostille griffen die Medien das Thema auf und trugen es in die Gesellschaft, die es dadurch verunsicherte und in der die Impfquote daraufhin deutlich abfiel – was leider tatsächlich Kinder das Leben kostete.

Die Studie war jedoch von einem Anwalt gekauft, der im Auftrag seiner Klienten den Hersteller des Kombinationsimpfstoffs verklagen wollte. Zugleich plante Wakefield davon zu profitieren, denn er wollte mit einem eigenen Patent auf einen nur gegen Masern gerichtete Impfstoff Millionen scheffeln. Als der Fehler des „Lancet“, eine manipulierte Studie ungeprüft veröffentlicht zu haben, aufflog, war das Kind längst in den Brunnen gefallen. Zwar wurde Wakefield die Zulassung als Arzt entzogen, doch dieser ging ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo er sich seither als eine Art Guru verehren lässt und das große Geld macht. Es ist das klassische Geschäft mit der Angst, das immer noch am besten funktioniert. In besonders verachtenswerter Weise schrieb er ein Problem herbei, das es nicht gab, verkauft vermeintliche Lösungen dafür und schafft damit weitreichende reale Probleme. Zahlreiche weitere Scharlatane ließen sich davon inspirieren, betreiben Desinformationskampagnen und empfehlen oder verkaufen wirkungslose bis gefährliche „alternative Lösungen“ bis hin zum Trinken von Chlorbleiche.

Der Film spannt den Bogen bis zu absurden Covid-19-Verschwörungstheorien wie per Impfung implantierten Mikrochips oder durch die Impfungen angestrebte Bevölkerungsreduzierung, lässt – neben Expertinnen und Experten und in die Aufdeckung der Machenschaften Wakefields und Konsorten Involvierter – aber auch Impfgegnerinnen und -gegner selbst zu Wort kommen, vom Biobauern mit nachvollziehbarer Pharmachemie-Skepsis über Impfpassfälscher bis hin zu einer durchgeknallten Homöo- und Soziopathin. Auf der anderen Seite finden sich beispielsweise der junge Ethan, Sohn einer radikalen Impfgegnerin, der sich impfen lassen möchte, sowie diejenigen, die aktiv gegen Desinformationen und Scharlatanerie vorgehen. Bei alldem leibt der Film stets besonnen, sachlich und verurteilt niemanden, sondern hält sich an nüchterne Fakten, zeigt gar empathisch Verständnis für die elterliche Angst vor autistischen Kindern oder sonstigen Schädigungen des Kindeswohls.

So vernünftig ein gewisses Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und Vorgaben nicht nur in autoritären, antidemokratischen, sondern auch in kapitalistischen Systemen auch ist – wird daraus blindes Vertrauen in vermeintliche Heilsbringer, ist das nicht Sinn der Übung. Kluge Menschen entwickeln gesunde Skepsis, Idioten laufen skrupellosen Scharlatanen hinterher. Besonders absurd wird’s, wenn diese ausgerechnet von jenen reichgemacht werden, die den Pharmaherstellern Profitmacherei vorwerfen.

Wäre man näher darauf eingegangen, weshalb die Pharmaindustrie (Big Pharma) dennoch in der Tat kritikwürdig ist, hätte verständliche und berechtigte Ängste aufgrund tatsächlich möglicher und ja auch erfolgter Impfnebenwirkungen bis hin zu Todesfällen aufgegriffen und vielleicht auch noch einmal ganz Grundlegendes zum Thema Impfen erklärt – ein Wissen, das in immer ungebildeter werdenden westlichen Gesellschaften nicht mehr vorausgesetzt werden kann –, hätte es diesen Dokumentarfilm ideal abgerundet.

In Zahlen: 8,5/10

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