Review

iHaveCNit: Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (2022) – Andreas Dresen – Pandora Film
Deutscher Kinostart: 28.04.2022
gesehen am 06.04.2022 in der Spotlight-Sneak
Arthouse-Kinos Frankfurt – Große Harmonie – Parkett - Reihe 4, Sitz 9 – 21:00 Uhr
gesehen am 02.05.2022
Kinopolis Main-Taunus-Zentrum – Kino 11 – Reihe 16, Platz 15 – 20:15 Uhr

Anfang des letzten Monats habe ich „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ bereits in er Spotlight-Sneak gesehen und mir die folgenden Zeilen für die Zweitsichtung direkt beim Kinostart aufgehoben. Auch wenn es durchaus bereits einige Spiel- und Dokumentarfilme gibt, die sich mit dem Thema Guantanamo, den dort inhaftierten Unschuldigen und auch der Personalie Murat Kurnaz auseinandergesetzt haben, ist ja immer die Frage wichtig, aus welcher Perspektive die Geschichte erzählt wird. 5 Jahre nach seinem letzten Film, dem erfolgreichen und sehr guten „Gundermann“ hat sich Regisseur Andreas Dresen dem politischen Thema Murat Kurnaz angenommen und sich für einen Ansatz entschieden die Geschichte aus der Perspektive von dessen Mutter Rabiye und dessen Anwalt Bernhard Docke zu erzählen. Schon jetzt ist „Rabiye Kurnaz“ ein Film, der vor allem wenn es um die Sparte des deutschen Films 2022 geht eines der ganz großen Highlights.

Am Tag der deutschen Einheit im Jahre 2001 ist eigentlich in Bremen, im Hause Kurnaz gerade Zeit fürs Mittagessen. Die Mutter Rabiye macht sich Sorgen, weil sich ihr Sohn Murat den gesamten bisherigen Tag nicht hat blicken lassen. Zur Verwunderung muss sie feststellen, dass sich dieser gerade in Frankfurt auf dem Flug nach Pakistan ist. Mit Folgen für Murat, denn er wird abgefangen und in Guantanamo inhaftiert. Rabiye nimmt in Folge dieser für sie ungerechtfertigten Inhaftierung den Kampf um die Freilassung ihres Sohnes auf und sie sucht sich auch die Hilfe des Menschenrechtsanwalts Bernhard Docke.

Auch wenn der Film auf den ersten Blick sehr nüchtern rüberkommt und sich doch durchaus an einer chronologischen Struktur seiner Erzählung der Ereignisse festhält, hat mir Dresens Ansatz richtig gut gefallen. Eigentlich wäre für so ein Thema ein klassisches, durchaus nüchternes und trockenes Justiz- und Politdrama das Mittel der Wahl, Dresen hat dieses jedoch um einen ganz interessanten Faktor ergänzt – den Faktor einer Tragikomödie mit viel passender Situationskomik. Da kommt ihm die Besetzung der Comedienne Meltem Kaptan gerade recht, die die Achterbahnfahrt der Emotionen spielend meistert und deren Rabiye eine sehr vielschichtige und glaubwürdige Figur ist. Die Darstellung einer einfachen türkischen Frau und Mutter, damit einhergehend natürlich auch die gewisse Spur Naivität und der im Sinne der Handlung vorhandene Idealismus macht aus Meltem Kaptans sehr dynamisch, einnehmend und warmherzig gespielte Rabiye Kurnaz einen sehr sympathischen Hauptcharakter, mit der man mitfühlt, die einen mitreißt und die man ins Herz schließt. Genauso wie man auch den trockenen, ebenfalls idealistischen Bremer Anwalt für Menschenrechte Bernhard Docke, gespielt von Alexander Scheer, ins Herz schließen wird. Ein Kompliment geht hier neben der Besetzung von Scheer auch an den Bereich, der für Make-Up und Haare zuständig ist, weil Scheer auch optisch perfekt in die Rolle eingetaucht ist. Mit dem Duo aus der einfachen türkischen Frau und dem deutschen, prinzipientreuen Anwalt gibt sich der Film auch einer leichten kulturellen Annäherung und der daraus entstehenden Freundschaft hin und präsentiert uns auch ein sehr authentisches Innenleben einer türkischen Familie. Der Film liefert eine Achterbahnfahrt aus Erfolgen und Rückschlägen und immer mit dem notwendigen Funken Hoffnung. Die Entwicklung aus dieser Achterbahnfahrt auf Rabiye und Bernhard ist zu jedem Zeitpunkt glaubhaft. Mit einem doch sehr dezenten Musikeinsatz lässt Dresen die Gefühle auch einfach mal für sich selbst stehen. Und gerade die politischen Entwicklungen zu dieser Zeit und die Verantwortlichkeit von diversen politischen Entscheidungsträgern ist rückwirkend betrachtet schon sehr interessant. Gerade wenn man sich ansieht, wie es nach der Freilassung von Murat weiter gegangen ist. Insgesamt hat mir diese feinfühlige und politische Tragikomödie sehr gut gefallen.

„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ – My Second Look – 9/10 Punkte

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