An der englischen Südküste steht eine Hochzeit an: Megan Pierce (Cush Jumbo), zweifache stolze Mama, möchte ihren Dave (Daniel Francis) nun doch endlich heiraten, nachdem das Paar 17 Jahre zusammen ist und die Kinder der afrobritischen Musterfamilie langsam selbstständig werden. Doch just zu diesem Zeitpunkt tauchen Leute aus Megans Vergangenheit auf, mit denen sie nie mehr gerechnet hätte - einer Vergangenheit, die sie viele Jahre lang unterdrückt hatte.
Tatsächlich nämlich arbeitete Megan in jungen Jahren als Striptänzerin Cassie in einer Bar - ein Job, der ihr viel Freude bereit hatte, gehörte sie doch zu einem eingespielten Team. Als eines Tages jedoch ein lästiger Stammgast tot aufgefunden wurde, stieg sie Hals über Kopf aus und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Den Vorsatz, mit neuem Namen und anderer Frisur ein neues Leben zu beginnen, setzte sie dann auch konsequent durch, doch nun taucht mit Clubbesitzerin Lorraine (Sarah Parish) jemand aus ihrem Vorleben auf, und Megan muss sich mit unbequemen Tatsachen auseinandersetzen: der seinerzeitige Mord wurde nie aufgeklärt, doch Inspektor Michael Broome (James Nesbitt), derzeit mit einem aktuellen Vermisstenfall beschäftigt, ermittelt in diesem Zusammenhang wieder zu den Geschehnissen jener Nacht vor 17 Jahren, wobei er einen damaligen Türsteher, Ray Levine (Richard Armitage), inzwischen Fotograf, auf dem Kieker hat. Levine war seinerzeit völlig in Cassie/Megan vernarrt und hat nie verwunden, daß seine damalige Verlobte so spurlos verschwand; als er sie zufällig wiedertrifft, gibt es natürlich reichlich Erklärungsbedarf - und all diese Troubles kurz vor der geplanten Hochzeit, was den ahnungslosen Bräutigam Dave natürlich stutzig macht...
Wer einmal lügt ist ein weiterer Roman von Harlan Coben, der wie so oft durch Netflix produziert wurde, diesmal an der malerischen englischen Küste angesiedelt muss sich eine Braut in spe mit ihrer dunklen Vergangenheit auseinandersetzen.
Nach zähem Beginn (der Umgangston in der glattpolierten Musterfamilie ist eher schwer verdaulich) kommt die Story Ende der ersten Episode dann so langsam ins Rollen, wobei sich dann mehrere Erzählstränge ergeben, die nach bewährtem Muster dem Publikum wieder reichlich Gelegenheit zum Mitraten bieten.
Während Megan/Cassie überlegt, wer aus welchem Grund in ihrer Vita herumschnüffelt, ist sich Fotograf Ray nicht sicher, ob er in jener Nacht unter Drogeneinfluß nicht etwas Schreckliches getan hat. Inspektor Broome dagegen kommt lange Zeit überhaupt nicht in die Gänge und turtelt stattdessen mit der ebenfalls alleinstehenden Clubbesitzerin Lorraine, die an Krebs erkrankt ist. Währenddessen beauftragt der reiche Vater des aktuell vermissten jungen Mannes ein extrovertiertes Killerpärchen, ihm Informationen über den Verbleib seines Filius zu beschaffen. Genug Stoff also, um 8 Episoden zu je 45 - 50 Minuten mit einer Gesmtlänge von über 6 Stunden Laufzeit zu füllen.
Wer einmal lügt funktioniert dabei wie ein TV-Mehrteiler mit Cliffhangern am Ende jeder Folge, läßt sich auch ohne größere Aufmerksamkeit mitverfolgen, baut trotz zahlreicher neuer Wendungen und seltsamer Zufälle mit zunehmender Dauer jedoch immer größere Logiklöcher ein und kann deshalb nur eine mittelmäßige Spannung aufbauen.
Der größte Hammer ist natürlich daß Megan/Cassie ihr "neues Leben" keine 10 Minuten Autofahrt entfernt von ihrer alten Wirkungsstätte beginnt (boing!) und der seinerzeit beliebten Tänzerin 17 Jahre lang kein Mensch aus ihrer Vergangenheit begegnet sein soll. Nun aber tauchen in kurzer Zeit immer mehr Leute auf, die in jener Nacht vor 17 Jahren schon dabei waren. Und deren Erinnerungsvermögen ist geradezu phantastisch...
Seltsam auch der verliebte Türsteher, der 17 Jahre lang einer Verflossenen nachtrauert statt sich nach anderen schönen Töchtern umzusehen; andererseits spricht Megans sehr kurzfristige Wahl des Vaters ihrer Kinder (ein schleimscheißender Frauenversteher mit dicken Oberarmen) auch Bände über ihren Charakter. So nebenbei stellt sie sich dann auch als nahkampferprobte Karate-Kämpferin (Überraschung!) heraus. Die Angewohnheit des schnarchnasigen Inspektors, bei keinem einzigen wichtigen Anruf ans Handy zu gehen, sondern immer im Bett rumzuliegen wenns klingelt (daraus aber auch nichts zu lernen, da er sein Verhalten bis zum Schluß nicht ändert) scheint dagegen eher ein Running Gag der Serie zu sein.
Gleichwohl die Roman-Adaption auch von schrägen Charaktären lebt (hier besonders Eddie Izzard als schwerst drogensüchtiger Anwalt Harry Sutton) hat das Drehbuch bezüglich des Killer-Pärchens dann allerdings total daneben gegriffen: zwei gelackte Studenten "Ken" und "Barbie", sie im kurzen Ballettröckchen mit - very british - knallroten kurzen Haaren, die sich im Gleichschritt tanzend(!) ihren Opfern nähern und höflich parlieren, während sie Finger brechen, Stromstöße verteilen und Leichen entsorgen: das grenzt an Verarschung und läßt an der ernsthaften Intention der Serie zweifeln.
Tatsächlich dauert es ziemlich lange, bis die eigentlichen Krimi-Elemente zum Tragen kommen, was dann vor allem in der letzten Folge der Fall ist: während fast 7 Episoden lang von zwei Toten und einem Vermissten bzw. deren zu ermittelnden Querverbindungen die Rede war, taucht am Ende dieser vorletzten 7. Folge dann unvermittelt ein ganzer Berg von Leichen auf, deren Ableben natürlich auch noch geklärt werden muß, wozu nur noch eine einzige Folge bleibt - wtf?
Am Ende kommt es dann doch noch zur Hochzeit, was aber bei dieser Hauptdarstellerin schon von Anfang an klar war - immerhin darf man sich durch Wer einmal lügt halbwegs gut unterhalten fühlen, zumal mit einer überflüssigen Schlußpointe dann auch tatsächlich alle Morde aufgeklärt werden. 5,51 Punkte.