Review

               "When I get older losing my hair
               Many years from now
               Will you still be sending me a Valentine
               Birthday greetings bottle of wine"

                                    (The Beatles)


               "Got a thick gilf with that cash
               Nut on her back splish splash
               Fuck that bitch from the back
               She so old make her back crack"

                                    (Boysenberry Clan)



Zwischen Rob Zombies "House of 1000 Corpses" (2003) und Quentin Tarantinos (und Robert Rodriguez') Projekt "Grindhouse" (2007) war auch – weniger prominent, weniger lautstark – Ti Wests Langfilmdebüt "The Roost" (2005) einer der frühen Vertreter einer bis heute andauernden Retro-Welle, die sich dem Horrorkino von den späten 60er Jahren erst bis hin zu den frühen 80er Jahren, nunmehr gar bis hin zu den frühen 90er Jahren widmet(e). Mit "The House of the Devil" (2009) wies sich West dann nochmals ausdrücklich als retro-affiner Filmemacher aus.
Sein jüngster Film "X" präsentierte sich im Trailer nun unmissverständlich als (Eigenständigkeit erkennen lassender) Pastiche auf "The Texas Chainsaw Massacre" (1974). Im Film selbst gesellt sich noch [Achtung: Spoiler!] mit einem gefährlichen Alligator auf dem Grundstück des Unterkunftsvermieters Tobe Hoopers zweiter Terrorfilm "Eaten Alive" (1977) hinzu. Und mit den im See dieses Grundstücks versenkten Autos auch Alfred Hitchcocks "Psycho" (1960). Was erst einmal einen sehr geschlossenen Eindruck bewirkt: "Psycho" und Robert Blochs zugrundeliegender gleichnamiger Roman teilten sich mit "The Texas Chainsaw Massacre" – oder "Deranged" (1974) – dieselbe Inspirationsquelle: den Fall Ed Gein. Und in "Eaten Alive" war es ähnlich wie in "Psycho" ein Motelbesitzer, der für mehr als einen Gast zur Bedrohung gerät und Opfer im direkt angrenzenden Tümpel – hier aber eben an einen dort hausenden hungrigen Alligator – verfüttert... bis wie in "Psycho" ein nahestehender Hinterbliebener rumzuschnüffeln beginnt.
Diesen geschlossenen Eindruck durchkreuzt im wahrsten Sinne des Wortes die porno chic-Attitüde: Freude bereitende Sexualität wird ja nach landläufiger Meinung erst einmal als konträr zur weniger erfreulichen Gewalt empfunden. Aber als Schmerz durchkreuzt sie keinesfalls einfach nur die Lust; sondern sie weist – Ekstatiker und Bataillegeschulte wissen das – auch eine Gemeinsamkeit mit ihr auf: das eksatische Außer-sich-Geraten im Orgasmus oder in der Agonie.
"X" ist als Titel also erst einmal mehr als bloß ein ulkiger Verweis auf ein Rating, wie ihn kürzlich auch "PG - Psycho Goreman" (2020) lieferte: Es ist nicht bloß ein Buchstabe, ein Schriftzeichen, sondern eine Ideographie, die die Durchkreuzung und eben auch die Gemeinsamkeit, den Berührungspunkt in der Durchkreuzung ausdrückt. "X" ist zugleich das Durchstreichen, das Zeichen des Verbots: Eines der kursierenden Plakate bzw. Cover kokettiert damit, indem es Mia Goth bewaffnet hinter auffällig (blut-/signal-)rotem Holz-Kreuz/-X präsentiert. Ein anderes Plakat bzw. Cover zitiert die Aufsicht auf das weiße texanische Farmhaus, derweil im Vordergrund (hier: ausschließlich; bei Hooper: vor allem) der untere Teil eines Frauenkörpers als Blickfänger dient; Bedrohungen des Horrorfilms und die Erotik des Pornografischen gehen hier Hand in Hand, wobei die nackten Frauenbeine, die in unnatürlicher Haltung auch ungewöhnlich viel von den Fußsohlen sehen lassen, das X bilden.

Aber es wird nicht darum gehen, dass hier wie im Slasher promiskuitive junge Leute ihr Leben lassen müssen (auch wenn sie es tun werden). Auch ist "X" vielerlei; aber nur sehr bedingt ein Slasher.
Die Handlung sieht etwa folgendermaßen aus: Eine kleine Filmcrew bricht 1979 zu Pornodreharbeiten nach Texas auf, als der aufkommende Videomarkt das schnelle Geld verspricht, weil Pornofilme bald auch von jeder und jedem daheim geschaut werden können. Gedreht werden soll ein Porno mit dem Titel "The Farmer's Daughters": einen Film gleichen Titels von Zebedy Colt gibt es sogar; er stammt aus dem Jahr 1976 und wird eine etwas andere Handlung haben. Es ist aber vor allem ein typischer Titel, wie er in Pornos und auch in Sexfilmen vielfach auf die Generation der Töchter abzielt: wie in "That's My Daughter" (1982), "Julchen und Jettchen, die verliebten Apothekerstöchter" (1980), "Kohlpiesels Töchter" (1979) oder auch in Titeln wie "Aus dem Tagebuch einer Siebzehnjährigen" (1979), "Geheime Lüste blutjunger Mädchen" (1978), "Exploring Young Girls" (1977), "Les Nympho Teens" (1976) und so weiter...
Zur Crew gehört Wayne, der Produzent, und Maxine (Mia Goth), seine Freundin, die als Pornostarlet berühmt werden will. Desweiteren der Avantgarde- und nouvelle vague-affine Regisseur RJ (der selber, man ahnt es, zu großer Filmkunst kaum fähig sein dürfte) und seine um die Pornoszenen erst kaum so recht wissende und sichtlich schockierte Freundin Lorraine. Und dann noch der farbige Pornodarsteller Jackson Hole und die Pornodarstellerin Bobby-Lynne, die wie Maxine vor der Abreise einen Schuppen ("Bayou Burlesque") verlässt, auf dessen Wandmalerei bereits ein Krokodil neckisch am Badehöschen einer hübschen Frau zerrt. Auf der Reise: ein paar "The Texas Chainsaw Massacre"-Verweise und die nackten Füße von Mia Goth auf dem Armaturenbrett wie einst andere Frauenfüße in Tarantinos "Grindhouse"-Episode "Death Proof" oder jüngst in Tarantinos "Once Upon a Time ... in Hollywood" (2019), der übrigens auch so seine "The Texas Chainsaw Massacre"-Referenzen mit sich herumträgt. Ein Retro-Filmemacher verweist auf den anderen und Zitate, die immer schon etwas Nostalgisches an sich haben, sind freilich immer Teil der Retro-Masche.
Am Zielort pachtet man ein kleineres Häuschen des greisen Farmers Howard, der von Anfang an bedrohlich und mürrisch auftritt. Er hat einzig mit Wayne gerechnet – aber auch das vorübergehend völlig vergessen –, weist den sechs jungen Leuten ihre Unterkunft zu und bittet um Rücksichtnahme wegen seiner Frau. Und drumherum warnt und mahnt ein fundamentalistischer christlicher TV-Prediger vor der Sünde.
Aber keine radikalisierten Christen werden sich die Porno-Filmcrew vornehmen. Howards Frau Pearl (Mia Goth, zur Greisin maskiert), die bei einem Zusammentreffen sehr von Maxine fasziniert ist, wird es sein; denn sie will noch begehrt werden, wird von ihrem Howard auch geliebt, wegen seiner Herzschwäche aber nicht mehr penetriert. (Über eine junge Pearl dreht Ti West mit Mia Goth gerade die filmische Ergänzung "Pearl" ab; es bleibt abzuwarten, wie gewinnbringend dieser Begleitfilm ausfallen wird.)
Als Lorraine sich öffnet, nachdem Maxine und Bobby-Lynne sinngemäß erklärt haben, dass man nur einmal jung sei und Geschlecht und Hautfarbe keine Rollen spielten – nachdem sie also einen utopischen Ort der Harmonie entworfen haben, in dem Lust vermeintlich alle sozialen Grenzen überwindet –, weil ihr auch gefallen hat, was sie gesehen hat, kommt es zum Streit zwischen ihr und RJ, weil sie nun zu seinem Entsetzen auch als Darstellerin einen Pornofilm drehen will. Man trennt sich im Streit, RJ wird später unter der Dusche weinen, aber nicht wie in "Psycho" unter der fremden Dusche sterben, sondern kurz darauf: als er davonfahren will und von der greisen Pearl angesprochen wird. Sie will seinen Körper, sein Begehren, er gibt ihr unangenehm überrascht einen Korb und muss dafür sein Leben lassen.
Fortan stirbt einer nach dem anderen durch die Hand von Pearl, durch Howards Hand oder durch den Alligator. Ein verschollener Fremder taucht zudem als offenbar sexuell missbrauchter Leichnam im Keller des alten Paares auf, das sich im Gemetzel nun doch zu einem Koitus hinreißen lässt, derweil Maxine sich unter dem genutzten Bett versteckt hält.
Am Ende wird dann doch ein Herzinfarkt Howard hinwegraffen, als RJs Leiche bei der Entsorgung ein gurgelndes Röcheln erklingen lässt. Pearl zieht sich im Endkampf beim Abfeuern eines Gewehr und dem Rückstoß ein gebrochenes Becken zu: die Tücken des Alters schlagen unbarmherzig zu; zugunsten von Maxine, die der Verletzten bei ihrer Abfahrt absichtlich über den Kopf rollt. Am Ende bleibt das blutige Schlachtfeld zurück, das man vor der langen, langen Rückblende zu Beginn schon präsentiert bekommen hat. Der Sheriff, dem RJs Kamera gezeigt wird, vermutet, mit den Aufnahmen einen Horrorfilm zu Gesicht zu bekommen... Und Maxine entpuppt sich noch als die entlaufene Tochter des TV-Predigers. (Auch so ein Porno-Klischee: die sündige Pfarrerstochter.)

Also worum geht es? Nicht, wie man zunächst erwarten soll, um selbstgerechte Frömmigkeit, die das vermeintlich Sündige metzelt. (Auch wenn die lüsterne und gekränkte Mörderin und ihr Komplize durchaus moralische Makel an ihren Opfern zu finden geneigt sind.) Die Lust selbst zeigt hier ihre grausame Seite: Lust nimmt sich bisweilen, was sie will; mehre hundert Male am Tag in Form von Vergewaltigungen in den USA, noch häufiger in Form von anderweitigen sexuellen Übergriffen; auch im Fall des nonkonsensuellen Sadismus; und selbst im kleinen Bereich immer schon bei jedem Koitus, bei jedem erotischen Akt, bei dem nie jede Nuance, jeder Griff, jede Äußerung, jeder bloße Blick zuvor bereits abgesprochen worden ist, bei dem Partner(innen) subtil oder explizit protestieren, sobald etwas mehr oder weniger unangenehm missfällt: im Fall konsensueller sadomasochistischer Praktiken etwa mit einem Passwort, das zum Einsatz kommt, wenn eine Grenze erreicht ist. Auch das gehört zur Schnittstelle von Lust und Gewalt, von Orgasmus und Agonie: beides sind nicht bloß analoge Phänomene, die das Außer-sich-Sein gemeinsam haben; gelebte Lust hat immer schon etwas Gewaltsames. (Und umgekehrt steckt in jeder Gewalttat immer auch ein Quäntchen perverse Lust.)
Aber es geht vor allem um noch einen ganz anderen Punkt, der die von den Porno-Darstellerinnen entworfene Utopie betrifft: Hautfarbe und Geschlecht sind der Lust in dieser Utopie egal, es soll ganz allein die Lust walten. Aber so funktioniert Pornografie freilich nicht, so funktionierte sie auch im porno chic nicht. Bezeichnenderweise tauchen Klischees der Pornografie sehr deutlich auf in "X": Der Big Black Cock, der einmal nachts als Silhouette zwischen Holes Beinen baumelt. Und dem Klischee gemäß ist Hole trotz seines (Künstler-)Namens der penetrierende Part (wie überhaupt viele Figuren, insbesondere Bobby-Lynne und Wayne, von Schwänzen fasziniert sind). Maxine und Bobby-Lynne verkörpern hingegen des Farmers Töchter: Schwestern, die denselben Mann begehren (und ihm sich auch jeweils erfolgreich darbieten), die miteinander konkurrieren. In diesem sehr offenherzigen Geschwister- und Konkurrenzverhältnis schwingt eine latent lesbische Note mit. Homoerotische Szenen, Männer betreffend, fehlen ansonsten in dem zu drehenden Pornofilm. (Während der Produzent am Set schon einmal die Hand des Regisseurs und Kameramanns RJ in seinen Schritt führt.) Aber zurück zu den Schwestern: Während Maxine von einer Mia Goth gespielt wird, die glaubwürdig wie eine Mittzwanzigerin wirkt, welche im Kontext des Sexfilms und des Pornos auch noch eine Teenagerin im Wortsinn verkörpern könnte, ist Brittany Snow als Bobby Lynne eher die Mittdreißigern, die mit Frisur, Attitüde, Abgeklärtheit und dem in Fleisch und Blut übergegangenen Griff zur Zigarette und zum Dosengetränk eher schon wenig mädchenhaft an den Typ erinnert, der im Internetzeitalter als Milf gefasst wird.
Pornografie arbeitet routiniert mit Stereotypen, die gelegentlich rassistisch konnotiert sind und noch weit häufiger auf sexistischen Konzepten fußen. Das nahm im porno chic, der vermeintlichen Liberalisierung im Rahmen der sexuellen Revolution, seinen Anfang und führte zur Kommerzialisierung körperlicher Intimität: Es wird produziert und gezeigt, was nachgefragt wird; und was produziert und gezeigt wird, beeinflusst langfristig auch die Nachfrage (ohne freilich je das Verlangen vollkommen zu stillen; Stephen Sayadian hat mit dem pornografischen "Café Flesh" (1982) die ultimative Satire auf diese grundsätzlichen Problematiken der Pornografie abgeliefert). Im Fall vom fiktiven "The Farmer's Daughters" in "X" sind es die geilen, verführenden Frauen, die penetriert werden wollen, und der aktive Mann mit seinem Big Black Cock (der mit der Porno-Konsument(inn)en vertrauten Formel BBC griffig verkürzt wird). Erst in "X" selbst, in den Dreharbeiten rund um "The Farmer's Daughters", wird das aufgebrochen, wenn Bobby-Lynne mit ihrem vorgetäuschten Orgasmus Hole in seiner Männlichkeit kränkt, wenn Lorraine mit JR streitet, der plötzlich dann Probleme mit Pornografie hat, als seine Freundin auch als Darstellerin daran partizipieren will.

Es ist also so eine Sache mit der Utopie, welche die Pornodarstellerinnen entwerfen: Ihr Porno selbst ist beileibe kein progressiver Aufbruch in die liberalisierte Gesellschaft (und auch kein Aufbruch in eine goldene Ära hochwertigerer Pornografie), sondern eine Vermarktung sehr traditioneller Geschlechterrollen, die zumindest Bobby-Lynne in ihrem Privatleben ein bisschen einzureißen versteht; eine Vermarktung, in der Geschlecht und Hautfarbe durchaus eine große Rolle spielen. Aber auch zwischen den Mitgliedern der Filmcrew spielt das Geschlecht eine Rolle, auch wenn niemand ernstlich homophob daherkommt: man hat es hier im Grunde mit drei klassischen heterosexuellen Zweierbeziehungen zu tun. Und mehr noch: Alter wird ausgeschlossen. Schon vor der ersten Kontaktaufnahme wird man Howard als hässlichen Alten bespötteln; RJ wird Pearls Begehren zurückweisen. Maxine wird früh Pearls zugegebenermaßen übergriffiges Betasten fassungslos als Übertretung einstufen. Die Pornodarstellerinnen kommen gar nicht auf die Idee, eine Utopie zu beschwören, in der Alter – oder Krankheit, Gebrechlichkeit, Hässlichkeit – keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Ficken, solange man noch jung genug ist. Die Grenzen ihrer Akzeptanz wären da bereits erreicht. (Und angesichts der Gewalt, der man sich ausgesetzt sieht, ist dann gen Ende auch der Zusammenhalt dahin: Lorraine schiebt die Schuld an allem lieber Maxine und dem Pornodreh zu, anstatt sich mit ihrer Begleiterin gegen das mörderische alte Pärchen zu behaupten.)
Auch hier zeigt sich Ti West von einer progressiveren Seite als der fiktive Porno in seinem "X": Es geht hier nicht etwa um die Nöte alter Männer, die keine jungen Frauen (die im Pornofilm so oft beworben werden) mehr verführen können, sondern es geht um die Zurückweisung der alten Frau, die auch außerhalb der Pornographie mit schwindenen Rollenangeboten bzw. schwindender Rollenvielfalt zu kämpfen hat.
Ein Lied davon singen konnte Norma Desmond (Gloria Swanson) in Billy Wilders "Sunset Blvd." (1950); oder die daran angelehnte Titelfigur in Robert Aldrichs "What Ever Happened to Baby Jane?" (1962), einem der frühen Marksteine des despektierlich hag horror getauften Subgenres des Horror-Thrillers, in dem nach Hollywood-Maßstäben unansehnlich gewordene ältere Frauen eine Bedrohung darstellen: William Castles "Strait-Jacket" (1964), Aldrichs "Hush... Hush, Sweet Charlotte" (1964), Silvio Narizzanos "Fanatic" (1965) oder die schon im Titel auf Aldrichs Klassiker rekurrierenden Filme "Whatever Happened to Aunt Alice?" (1969) von Lee H. Katzin oder "What's the Matter with Helen?" (1971) und "Whoever Slew Auntie Roo?" (1972) von Curtis Harrington wären die wichtigsten Beispiele. In – schon in einem Bathory-Film wie "Countess Dracula (1971) – abgewandelter Form zieht sich das Modell bis in die Gegenwart und zu einem Film wie Paco Plazas "La abuela" (2021)... Dort raubt sich eine greise Großmutter als Hexe den Körper ihrer Enkelin, um mit ihrer bereits verjüngten Geliebten wieder jung und schön vereint zu sein. Schon in Michael Reeves' "The Sorcerers" (1967) haben Boris Karloff und Catherine Lacey als gealtertes Pärchen mit einer Erfindung des alten Professors (Karloff) danach getrachtet, die Körper junger Leute zu übernehmen; auch hier war es dann die alte Frau, die zu weit geht und jede Moral völlig vergisst; immer die Frau, die nicht genug bekommt, wie schon in "Von dem Fischer und syner Fru" (1812), wo das Paar ihretwegen wieder im alten Pissputt sitzen muss. Aus der Perspektive männlicher Kunstschaffender war es – schon bei barocken Vanitas-Motiven – oftmals weibliche Eitelkeit, die das Problem darstellte; es dauerte, bis sich das Bewusstsein durchgesetzt hat, dass etwa gealterte Schauspielerinnen aufgrund eines männlichen Blicks (oder eher eines männlich geprägten Blicks) schlechter Rollen bekommen und dass der Ärger darüber weniger eine mangelnde Bereitschaft darstellt, sich damit abzufinden, als vielmehr eine berechtigte Empörung über eine erlittene Diskriminierung.
"Psycho" bildet somit einen sehr passenden Bezugspunkt, denn er ist nicht bloß ein entscheidender Inspirationsquell für Tobe Hooper (dessen Terrorkino die Dekade der 70er Jahre ebenso charakterisierte wie es der porno chic tat), sondern quasi auch die subversive Abwandlung des hag horror, ehe sich dieses Phänomen überhaupt etabliert hat: In "Psycho" scheint die wirre alte Frau, die ihrem Sohn keine Frauen gönnt, zu morden; aber es ist letztlich der Sohn in den Gewändern der Mutter und mit dem Habitus der Mutter, der da mordet. Das hallt in einem "Deranged" ebenso nach wie in einem "The Texas Chainsaw Massacre", wo Leatherface eine Menschenhautmaske mit Lippenstift trägt und auch eine mumifizierte (Groß-)Mutter im Haus behalten wird. Der hag horror ab 1962 gleicht dann einem weniger pointieren "Psycho" ohne vergleichbaren Twist; verbindet eigentlich bloß Hitchcocks Schocks und Suspense mit Elementen aus "Sunset Blvd." (1950)...

In dieser hier bloß angerissenen Linie verortet sich "X". Natürlich rechtfertigt West dabei keinen Missbrauch durch ein (greises) Pärchen, das auch wenig sympathisch und gerade auch im Fall von Pearl etwas bigott präsentiert wird. Vielmehr wendet er ein relativ junges neues Bewusstsein für Altersdiskriminierung, für den Status von Jugend, für den Zusammenhang von Jugend und Schönheit, für den Status von Schönheit, für Lust im Alter auf latent misogyne Genre-Spielarten an. (Keinesfalls hat man es bei "X" mit einem selbst misogynen Film zu tun, auch wenn Maxine zwischenzeitlich als eitel, geltungssüchtig und zielstrebig ausgewiesen wird. Sie folgt bloß den geltenden ökonomischen Regeln, die menschlichen Körpern ihren Warencharakter verleiht. Und keinesfalls betreibt "X" seinerseits Altersdiskriminierung, wenn er den Akt zwischen greisen Mördern mit grotesker Komik austattet.)
1979 spielt der Film; groß wird es eingeblendet. Heute hat sich wenig geändert: Als Gilf hat sich die Altersklasse der Großmütter in der Pornografie etabliert; aber eben nur als Nische für spezielle Fetische, die sich über Pornografie (oder auch Prostitution) einigermaßen gut kommerziell verwerten lässt, die aber keine – zumindest keine öffentlich eingestandenen – Beziehungen zwischen Jungen und Alten hervorbringt. Teils geht es auch in der Pornografie nicht einmal um Fetische, sondern eher um bizarre Mutproben, um den Beweis männlicher Standhaftigkeit und Potenz oder um einen nur indirekten Fetisch im Rahmen eines Ekelfetischs/-trainings.
Dort jedenfalls, wo überhaupt eine Ebene der Sympathie und der Augenhöhe zwischen Jungen und Alten besteht, schwebt über dem intimen Körperkontakt stets das Tabu wie ein Damoklesschwert. Romanzen à la "Harold and Maude" (1971) – bei dem man allzu deutliche Anzeichen für den sexuellen Akt vermeiden musste – findet man auch heute kaum; die auch körperliche Liebe zwischen einem 58-Jährigen und einer 78-Jährigen findet man etwa bloß in einem wenig massentauglichen Autorenfilm wie Carlos Reygadas' "Japón" (2002), derweil im Mainstreamerfolg wie "American Wedding" (2003) ein reiner Gag daraus gemacht wird. (Ein ähnliches Schicksal teilte auch die Beziehung zwischen Emmanuel und Brigitte Macron, die noch heute keine 70 Jahre zählt, aber eben fast ein Vierteljahrhundert älter ist als ihr Partner.) Noch der Sex im Alter (unter etwa gleichaltrigen Alten) rührte in einem "Wolke 9" (2008) ein gerne schmamhaft verschwiegenes Thema an und erregte entsprechend viel Aufsehen mit eigentlich ganz selbstverständlichen Themen und Motiven.

"X" hat nun seinerseits auch nicht vor, eine Utopie zu zeigen, in der auch Alter neben Geschlecht oder Hautfarbe keine Rolle mehr spielt; aber als uneindeutige, ironische Horror-Groteske thematisiert er doch die Grenzen einer Utopie der Lust, die man als Publikum dann zu überdenken hat; auch funkelt in der Szene, in der sich die greise Frau mit noch immer treibenden Gelüsten neben dem jungen Porno-Starlet im Bett liegt, mit blutigen Händen ihren Körper streichelt, eine seltsame Zärtlichkeit und ein Gefühl von Traurigkeit durch... ein Gefühl, das Liebhaber(inne)n des Retro-Films und seiner inhärenten Nostalgie nicht fremd sein dürfte.

7/10

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