„Ich bin Vergeltung!“
Am Ende einer bewegten Produktionshistorie stand fest, dass der gebürtige New Yorker Matt Reeves („Let Me In“) das Drehbuch des nächsten Batman-Films zusammen mit Peter Craig verfassen und auch die Regie übernehmen würde. Ins Fledermausmannkostüm schlüpfte Robert Pattinson („Twilight – Biss zum Morgengrauen“). Der wie bereits „Joker“ vom DC Extended Universe abgekoppelte Big-Budget-Major-Film startete im März 2022 international in den Kinos.
„Ich ein Tier der Nacht. Die mich fürchten, denken, ich käme aus dem Schatten. Aber ich bin der Schatten.“
Der Millionärswaise Bruce Wayne befindet sich im zweiten Jahr seiner Karriere als maskierter Rächer, der in seiner unter Korruption, Gewaltkriminalität und Drogenhandel ächzenden Heimatmetropole Gotham City antritt, um die Auswüchse der Anomie zu bekämpfen und die schlimmsten Verbrecher das Fürchten zu lehren. Seine Eltern wurden einst umgebracht, doch sein Diener Alfred Pennyworth (Andy Serkis, „Sex & Drugs & Rock & Roll“) kümmert sich aufopferungsvoll um ihn. Die Aktivitäten als Batman betrachtet er mit einem kritischen Auge, denn er ist stets um seinen Schützling besorgt, der psychisch am Zustand der Stadt und am eigenen Werdegang zu zerbrechen droht. Als während des Bürgermeisterwahlkampfs Amtsinhaber Don Mitchell (Rupert Penry-Jones, „The Moth“) ermordet wird, entpuppt sich die Tat als der Auftakt eines maskierten Serienmörders, der es auf die Stadtelite abgesehen hat und angibt, ein Lügendickicht offenlegen zu wollen: des Riddlers (Paul Dano, „Little Miss Sunshine“). Dieser hinterlässt stets kleine Rätsel für Batman, mit dem er sich ein Katz-und-Maus-Spiel liefert, in ihm aber auch eine Art Vorbild und Verbündeten sieht. Einen wahren Verbündeten hat Batman in Polizeichef James Gordon (Jeffrey Wright, „Keine Zeit zu sterben“), der gegen alle Kritik mit Batman zusammenarbeitet, ohne dessen wahre Identität zu kennen. Beim Versuch, der Situation Herr zu werden und nicht nur dem Riddler, sondern auch dessen nächsten Opfern auf die Spur zu kommen, führen Batmans Wege zum Clubbesitzer und Mafioso Oswald „Der Pinguin“ Cobblepot (Colin Farrell, „Minority Report“) und dessen Geschäftspartner Carmine Falcone (John Turturro, „The Big Lebowski“). Und in der akrobatischen Diebin Selina Kyle alias Catwoman (Zoë Kravitz, „Mad Max: Fury Road“) lernt Batman eine weitere ambivalente Person kennen, für die er sich auch auf zwischenmenschlicher Ebene zu interessieren beginnt…
„Er lügt still.“ (Wie bitte?!)
Die Batman-Comics waren stets auch ein Kommentar zum jeweiligen Zeitgeist sowie zur politischen und gesellschaftlichen Realität. Die Verfilmungen waren es mal mehr, mal weniger. „The Batman“ wiederum ist dies nun ganz bewusst. Keine andere Batman-Verfilmung orientiert sich derart stark am in den 1970ern und ‘80ern in den Comics etablierten Neo-noir-Stil mit seiner düsteren Atmosphäre und den entsprechenden Inhalten der Handlung. Damit einher geht eine Art Neustart, wie ihn das DC-Universum alle paar Jahre erlebt (und der möglicherweise, so wird gemunkelt, Startschuss für die Kreation eines neuen DC-Multiversums ist, in der mehrere Erzählstränge zeitgleich in Paralleluniversen stattfinden können). Dies bedeutet, dass Batman in der Gegenwart der 2020er ein junger Mann ist. Seine Batman-Werdung wird nicht gezeigt, es handelt sich um keine Origin-Story. Sie wird weitestgehend als bekannt vorausgesetzt bzw. bruchstückhaft in Dialoge eingeflochten. So kann Batman über aktuelle Technik-Gadgets verfügen, existiert das Internet, dessen soziale Netzwerke Wechselwirkungen mit klassischen Massenmedien eingehen, und existieren somit auch mit diesen technischen Entwicklungen einhergehende Probleme und Herausforderungen.
Diese macht sich der Riddler zunutze, der einer radikalen Modernisierung anheimfiel: Grüner Strampelanzug adé, dieser Riddler ist ein Techniknerd und zugleich beunruhigend gewiefter Fallensteller wie brutaler Soziopath in gruseliger Maske, gefährlich und genial. Seine Vorgeschichte ist gut durchdacht und offenbart sich einem in vorsichtigen Dosen nach und nach. Erstmals bekommt man es in einem Batman-Kinofilm nun auch mit einem Pinguin zu tun, der seiner Comichaftigkeit komplett beraubt wurde und das exakte Gegenteil der fabelhaften Karikatur, die Danny DeVito 1992 in „Batmans Rückkehr“ spielte, darstellt: Ein hässlicher, adipöser Gangster, durch Narben zusätzlich verunstaltet – der ansonsten aber genauso aussieht, wie man ihn sich als realen Menschen vorstellen würde. Dass sich dahinter ein bis zur Unkenntlichkeit geschminkter Colin Farrell verbirgt, spricht für eine großartige Maskenarbeit. Falcone verkörpert den Gegenpart zum Pinguin: Zwar sogar noch krimineller, aber wesentlich abgebrühter, kontrollierter, aalglatt und selbstsicher. Während der Pinguin impulsiv ist und schnell vulgär wird, scheint Falcone als kühler Stratege über den Dingen zu stehen. Ein ebenso abstoßendes wie faszinierendes Gangstergespann, dessen ganze Abgründe sich erst im Laufe der Zeit auftun. Generell verrät „The Batman“ nie zu viel auf einmal, sodass trotz diverser Tempowechsel die knapp drei Stunden Laufzeit stets interessant und spannend bleiben.
Seine Verstrickungen, Abläufe und Kettenreaktionen sind erstklassig konstruiert; Batmans detektivischem Spürsinn wird relativ viel Raum gegeben, er darf sogar Fehler machen und auch mal die Nerven verlieren. Actionfans kommen bei feurigen Verfolgungsjagden im Straßenverkehr, entfesselten Schießereien sowie im großangelegten Finale auf ihre Kosten. Batman ist hier kein Muskelmann, sondern ein reaktionsschneller Akrobat, was er mit Catwoman gemein hat. Diese lernt er innerhalb dieser Geschichte erst kennen, woraufhin sich eine zwischen Nähe und Unnahbarkeit pendelnde Beziehung zwischen beiden Figuren entwickelt, die mit Sehnsucht und Melancholie einhergeht und somit ebenfalls den Comics entspricht. Zoë Kravitz ist eine würdige Seline Kyle, die ihre Figur bodenständig und kämpferisch auslegt und dabei dennoch über einen nicht ungefähren Sex-Appeal verfügt.
Das verregnete Gotham als urbaner Moloch und Sündenpfuhl ist in seinem Erscheinungsbild verdammt nah dran an realen westlichen Metropolen. Seine Korruption zieht sich bis in die Polizei hinein, „The Batman“ taugt somit nicht als Werbefilm für eine hart durchgreifende Exekutive. Und auch nicht für Vigilantentum, deren Vorbildfunktion und Selbstjustiz der Film ebenso diskutiert wie die Korrumpierung von und durch Macht, die schwerwiegenden Folgen des damit einhergehenden Vertrauensverlusts und die Hoffnung auf Verbesserungen, die angesichts dieser Umstände ein nur allzu zartes Pflänzchen ist. In diesem Zuge werden auch Batmans Eltern ein Stück weit entzaubert. Parallelen zwischen Batman und dem Riddler werden aufgezeigt und die Unterschiede in der jeweiligen Sozialisation herausgearbeitet, die möglicherweise dazu geführt haben, dass beide dann doch irgendwann in verschiedene Richtungen abgebogen sind.
Für Humor ist hier kaum Platz und so wird man dankenswerterweise auch von keinen pseudolässigen Einzeilern oder ähnlich deplatziertem Unfug genervt. Stattdessen darf man sich über die eine oder andere Gänsehautszene freuen, über allegorische Bilder, Versatzstücke des urbanen Neo-noir-Thrillers und einen wunderbaren Soundtrack inklusive Nirvanas zerbrechlicher Ballade „Something in the Way“, der lediglich den „Ave Maria“-Einsatz etwas überstrapaziert. Auf eine mögliche Enttarnung Batmans gegen Ende, deren Ausgang eigentlich bereits einen guten Schlusspunkt gesetzt, folgt eine weitere Wendung, die das überraschende, actionlastige Finale einläutet, Batman eine charakterliche Weiterentwicklung gewährt und einige Aspekte des Subtextes noch einmal eindrucksvoll veranschaulicht.
Überraschend sind auch die deutschen Inserts bei intradiegetischen Texten, die jedoch nicht konsequent Anwendung finden. Schwer tat sich die deutsche Bearbeitung auch bei der Übersetzung des ersten Riddler-Rätsels „What does a liar do when he’s dead? – He lies still.“ Aus der Wortspielantwort wurde „Er lügt still“. Nun ja. Und Pattinson? Der changiert durchaus überzeugend zwischen dem maskierten Rächer, der es deftig krachen lässt, und dessen realer Identität als Bruce Wayne, die jedoch vielmehr wie das eigentliche Alter Ego wirkt: blass, trübsinnig und krank, ohne echten Platz im Leben. Damit geht einher, dass Pattinson mimisch in den maskenlosen Szenen nicht übermäßig viel zu tun bekommt und in erster Linie seine Gruftie-Leichenbittermiene zu bemühen braucht.
Alles in allem ist „The Batman“ vielleicht der bis jetzt vollständigste Batman-Film. Jedenfalls stellt er hohe Ansprüche an sich selbst, die er auch erfüllt. Dass auch nach dem x-ten erfolglosen Schuss auf Batmans kugelsicheren Panzer kein Angreifer auf die Idee kommt, einmal auf eine andere Körperstelle zu zielen, Batman auch ohne Superkräfte die spektakulärsten Stunts ohne nennenswerte Blessuren übersteht und es stets scheinbar mühelos mit zig Gegnern auf einmal aufnimmt, während er Nehmerqualitäten wie kein Zweiter besitzt, ist indes durch die meisten Comicvorlagen vorgegeben und muss auch hier akzeptiert werden, wenn auch manchmal etwas zähneknirschend. In allen anderen Belangen ist „The Batman“, von Fantasy-Elementen komplett befreit, einem Realismus verpflichtet, der zumindest Teilen des typischen Superhelden-Blockbuster-Publikums zu viel sein könnte.
8,5 von 10 Rätsellösungen für „The Batman“. Ich freue mich auf die Fortsetzung.