Review

Die Verfilmung von Dürrenmatts Roman "Grieche sucht Griechin" war seinerzeit Ende der 60er Jahre zu Recht ein beachtlicher Kino-Erfolg; für mich unverständlich und sehr zu Unrecht ist diese bitterböse Gesellschafts-Satire seitdem fast völlig in Vergessenheit geraten. Wer den Film kennt, wünscht sich sehnlich eine mit heutigen, technischen Mitteln restaurierte Videokopie des Originalfilms.

Arnolph Archilochos - von Heinz Rühmann herrlich naiv und bieder in sein festgefügtes, moralisches Weltbild eingebunden dargestellt - ist ein subalterner Unterbuchhalter in einer großen Firma, die u. a. Geburtszangen herstellt. Er lebt als bereits angejahrter Junggeselle höchst bescheiden in einer billigen Mansardenwohnung, raucht nicht, trinkt keinen Alkohol und hatte noch nie intimen Kontakt zu einer Frau.

Da seine Ahnen schon zur Zeit Karls des Kühnen nach Mitteleuropa eingewandert sind - daher der Name "Archilochos", auf den er stolz ist - versteht sich Arnolph als Grieche, obwohl er selbst nie in Griechenland war und auch die Sprache nicht beherrscht. In Arnolph Archilochos' ethischen Vorstellungen gibt es eine klare, penibel buchhalterisch geführte Hierarchie moralischer Ideale und Vorbilder: an erster Stelle steht da für ihn der Staatspräsident, an zweiter Stelle der für seine Pfarrgemeinde zuständige Bischof der Altneupresbyterianer der vorletzten Christen, an dritter Stelle der Industrielle Petit-Paysan als allerhöchster Chef seiner Firma. Immerhin noch an achter und letzter Stelle seiner moralischen Vorbilder steht für Arnolph sein Bruder Bibi, obwohl der samt seiner halbseidenen Sippe ein haltloser Säufer und Tunichtgut ist, der Arnolph permanent schmarotzend auf seiner sowieso nur sehr karg gefüllten Geldbörse liegt.

Seit Monaten pflegt Arnolph Achilochos nach der Arbeit in einer billigen, heruntergekommenen Kaschemme in der Nähe seiner Wohnung zu essen. Die Wirtin - von Hanne Wieder ideal anrüchig-resolut verkörpert - hat Mitleid mit ihm angesichts seines tristen Daseins, möchte ihn verkuppeln und bringt ihn schließlich dazu, in einer Zeitung eine Kontaktanzeige zu veröffentlichen: "Grieche sucht Griechin".

Mit der ersten und einzigen Antwort auf diese Annonce ändert sich Arnolph Archilochos' Leben schlagartig und radikal: es meldet sich die bildschöne, dreissigjährige Chloe (von Irina Demick ein wenig farblos stereotyp verkörpert, was aber kaum stört, da es letztlich eine Nebenrolle bleibt), die den völlig verdatterteren Junggesellen anzubeten scheint und ihn sofort - innerhalb weniger Tage - heiraten will. Randolph ist von ihrer Erscheinung so verdutzt und überwältigt, dass er gar nicht in der Lage ist, genauer nachzudenken oder gar irgendwelche Zweifel zu hegen - obwohl ihm schon auffällt, dass ihn beim ersten Spaziergang mit dieser Frau in der Öffentlichkeit plötzlich reihenweise hochgestellte Persönlichkeiten, darunter gar mehrere seiner obersten, moralischen Idole, persönlich und ehrerbietig grüßen: ihn, den kleinen, subalternen Unterbuchhalter in seiner alten, verschlissenen, nur mit großer Mühe noch halbwegs gesellschaftsfähig erhaltenen Kleidung...

In der Firma erfährt Achilochos am nächsten Tag einen ungeahnten, atemberaubenden Aufstieg: innerhalb einer Stunde wird er erst zum Oberbuchhalter, dann zum Vize-Abteilungsdirektor und schließlich von Petit-Paysan persönlich zum Direktor gleich zweier, extra für ihn zusammengefaßter Hauptabteilungen der Firma befördert. Er trägt jetzt plötzlich die oberste Verantwortung für die Herstellung von Atomkanonen und Geburtszangen, da Petit-Paysan erst während des Beförderungsgesprächs von Achilochos erfährt, dass seine Fima auch Letzteres herstellt.

Die Heirat mit Chloe wird in Windeseile arrangiert und vom Bischof - Nummer 2 in Randolphs Idolstufenleiter - persönlich zelebriert, nachdem der so unerwartet Beglückte einfach mal so ein luxuriöses, schlossartiges Anwesen übereignet bekommen hat und vom Bischof zum Weltkirchenrat ernannt wurde. An der Hochzeitsfeier nimmt die gesamte Hautevolee teil, einschließlich des Staatspräsidenten - und erst da wird dem armen Randolph klar, dass er soeben eine Edel-Prostituierte geheiratet hat, mit der vorher - mit Ausnahme seines Bruders Bibi - ausnahmslos alle seiner großen, ethisch-moralischen Vorbilder bereits viele Male ins Lotterbett gestiegen waren. Für Randolph Archilochos bricht die Welt zusammen; laut klagend und verzweifelt flieht er aus der Hochzeitsgesellschaft, um sich in seiner Mansardenwohnung das Leben zu nehmen.

Wie es dann weiter geht, unter welchen Abenteuern Archilochos schrittweise sein naiv-verschrobenes, hypermoralisches Weltbild schließlich doch noch korrigiert und zu einem realistischeren Verhältnis sowohl zu der korrupten Gesellschaft als auch zu seinem liederlichen Bruder findet, das sei hier um der Spannung willen nicht verraten. Diese Handlungslinie - obwohl von gekonnter Regie (Rolf Thiele) wirklich spannend entwickelt - ist im Grunde auch nur ein Randthema: ein Paradigma, an dem Dürrenmatt seinen ätzend boshaften Spott auf die gesamte, dekadente "Elite" weltlicher wie geistlicher Provenienz zelebriert. Herrlich skurril dabei auch die nach Dürrenmatts Originaltext gesprochenen Handlungserläuterungen aus dem Off: in behäbigem, bieder-naivem Schwizerdütsch, das schon verbal den höchsten nur denkbaren Kontrast zu der immer absurder werdenden, erzählten Geschichte bildet. Das ist Dürrenmatt vom Feinsten: von Anfang bis Ende ein Hochgenuss.

Trotzdem "nur" 8 Punkte? Nun, die Bildqualität des derzeit auf dem Markt verfügbaren Videos läßt leider arg zu wünschen übrig, und ein bißchen "Luft" zu den wenigen, absoluten Meisterwerken der Filmgeschichte sollte schon auch noch gewahrt bleiben. Trotzdem ein cineastischer Brilliant, viel zu schade für die Schublade - höchste Zeit, ihn endlich mal wieder aus der Versenkung zu holen.

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