Review

*** Rating 6.5

Ob der Film nächstes Jahr bei den Oscars abräumen wird lässt sich wohl schwer sagen: einerseits ist er dafür wirklich zu unkonventionell, andererseits hat er thematisch, inhaltlich und vom Zeitgefühl her beste Voraussetzungen. Eines sollte jedoch klar sein: "Science-Fiction" ist das nicht. Hinter dem Film steht keine einzige "wissenschaftliche" Idee, es braucht nicht einmal irgendein besonderes Interesse an einer Viele-Welten-Hypothese hier angenommen werden, sondern es handelt sich vielmehr um einen irren (und über weite Strecken leider auch wirren) Tagtraum im Rahmen eines ansonsten herkömmlich gewesenen (sowie vielleicht sogar bekömmlicher gewordenen) Familiendramas.

Jedes Backwerk das in diesem Film humoristisch vorgestellt wird, alle Frankfurter als Finger, sämtliche Sexspielzeuge - sogar die ganzen Waschmaschinen und schon gar nicht die defekte, vom lustigen Mann mit Augen beseelte - brauchen nicht unbedingt als Bedrohungen für Realitäten oder Existenzen wahrgenommen werden.

Und bis ich den Trailer gesehen hatte dachte ich ja es würde sich damit um eher oberflächliche Unterhaltung in der Nachfolge von "Gunpowder Milkshake" handeln, mit einer noch dazu völlig beliebigen Ästhetik, aber das ist zugegebenermaßen nicht der Fall: in dem Film werden durch die Bank ganz außerordentliche schauspielerische Leistungen dargeboten, die dreiteilige Anlage bestehend aus "everything", "everywhere" und "all at once" ist wohl durchdacht und alles wirkt enorm ausgeklügelt. Leider ist das halt das größte Problem bei etwas das im Grunde nicht mehr als ein Traum sein kann: Träume sind zu keinem Zeitpunkt und an keiner Stelle so perfekt inszeniert wie das was "alles" hierin gezeigt werden möchte. Träume sind von sich aus inkohärent, aber halt nicht bewusst widersprüchlich gestaltet worden weshalb "alles" an Struktur sehr schnell in einer dumpfen Kakophonie der Eindrücke und Einfälle untergeht, vor allem da die ganzen Einfälle an sich es sind welche den Film als Erlebnis für mich zerstört zu haben scheinen: sie sind für einen Traum viel zu durchdacht und wirken in erster Linie kalkuliert. So hoffte ich bald, dass die zwei Stunden "Reizüberflutung" mit Dauergeprassel schnell vorübergehen würden. Ja ich wollte mir "das" zwar antun, weil es darin für einen so großen Film in der Tat außergewöhnlich originell zugeht, aber war nach anfänglicher Begeisterung doch ziemlich enttäuscht.

Bitte nicht falsch verstehen: der Anfang ist einfach großartig - wie da die Familie vorgestellt und das Finanzamt eingeführt wird erinnert an das beste bei Gilliam oder Jeunet. Nur wenn dann alles andauernd drunter und drüber geht meinte ich wiederum eher Handwerk als Kunst zu erkennen, also das was dem Genre-Film seit jeher gern vorgeworfen wird - seine Formelhaftigkeit und Spekulation mit angenommenen "niederen Instinkten". Ja ehrlich gesagt bin ich mit der Gewaltdarstellung in diesem Film wahrhaftig nicht einverstanden und ausnahmsweise nicht einmal weil sie, wie heutzutage üblich, Frauenfiguren zugeschrieben wird: bei manchen der vielen Einfälle werden die Gewaltszenen zwar symbolisch abgeschwächt, aber leider nicht immer. Warum? Ein Statement gegen Gewalt kann ich darin deshalb nun absolut keines erkennen. Da fand ich sogar, ganz ohne asiatischem "Flair", die angesprochene Comic-Paraphrase "Gunpowder Milkshake" zuletzt überzeugender. Und wie erwähnt verfügt der Film schließlich über ein (erneut) gut strukturiertes Ende: dieses "all at once" dauert zwar nur fünf Minuten, ist aber überaus überraschend und keineswegs der nach den sich teilweise überschlagenden Ereignissen davor zu erwartende Krawall. Der Krach spielt sich vielmehr nur im Kopf der Protagonistin ab, die mit ihrer Familie zu einer allerletzten Rettungsaktion auf das Finanzamt zurückkehrt (der Plot um eine unternehmerische Migrantenfamilie und eine dominante Mutter, Michelle Yeoh, die ihre queere Tochter nicht loslassen kann ist so banal, den wiederzugeben ersparte ich mir gleich). Also diese Rückkehr auf das Finanzamt und zur herrlichen Sachbearbeiterin (Jamie Lee Curtis) vermag den Film am Ende noch bravourös aufzulösen: in Form eines einzigen echt widersprüchlichen Gedankens, der dafür umso klarer erscheint.

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