Was auch immer Mary als Letztes gesehen haben mag, - der Inhalt entpuppt sich als nicht ansatzweise so spektakulär wie es der Titel eventuell suggerieren könnte. Das Historiendrama von Autor und Regiedebütant Edoardo Vitaletti weckt zwar Interesse am titelgebenden Schicksal der Hauptfigur, doch der Mangel an Horror und Spannung lässt seinen Erstling reichlich träge erscheinen.
Southold, New York, im Winter 1843: Mary (Stefanie Scott) ist mit einer Augenbinde ausgestattet und wird einem Verhör ausgesetzt: Sie hatte eine Beziehung zum Hausmädchen Eleanor (Isabelle Fuhrman) und wird beschuldigt, ihre Großmutter (Judith Roberts) getötet zu haben. Doch ist die junge Frau tatsächlich von bösen Geistern besessen, wie die Justiz anfangs annimmt?...
Vitaletti setzt auf eine spärliche Ausleuchtung der kargen Behausung per Kerzenschein und nutzt die natürlichen Farben der düsteren Jahreszeit, was seiner Erzählung einen atmosphärischen Anstrich verleiht und Dank der soliden Ausstattung zur Glaubwürdigkeit der entsprechenden Zeit beiträgt. Der Zugang zu den Figuren wird indes durch die Tatsachen erschwert, dass einerseits kaum gesprochen, oder vielmehr geflüstert wird und andererseits bei kaum jemandem Emotionen auszumachen sind. Wie die vermeintlich verbotene Liebe zwischen Mary und Eleanor zustande kam und was die beiden überhaupt verbindet, bleibt unklar, denn eine besondere Chemie, oder gar ein Knistern oder eine Hingabe ist zu keiner Zeit auszumachen.
Die Rahmenhandlung der Vernehmung nimmt nur einen kleinen Teil in Anspruch, während der eigentliche Fokus um Themen wie Glauben, Bestrafung und religiöse Unterdrückung kreist. In einer puritanischen Gesellschaft war so etwas wie gleichgeschlechtliche Zuneigung natürlich ein komplettes Tabu, die daraus entstehenden Konsequenzen wirken dennoch vergleichsweise zurückhaltend, zumal es den Liebenden immer noch gelingt, sich mithilfe eines stillschweigenden Komplizen nachts im Hühnerstall abzusetzen. Doch auch diese Aktionen der Heimlichkeit fördern keine Spannung zutage.
Erst als die Matriarchin in Form der runzeligen Oma für einige Szenen in den Mittelpunkt rückt, gestaltet sich das Treiben ein wenig düsterer und es gibt einen Moment, der eindeutig dem Horrorgenre zuzuordnen ist, obgleich dieser kaum blutig ausfällt. Danach geht es jedoch wieder zurück zum lethargisch anmutenden Trott der Großfamilie, deren Mitglieder überdies mehr scheintot als lebendig rüberkommen. Als schließlich ein ominöser Fremder in Form von Rory Culkin aufkreuzt, deutet sich zwar eine kleine Wendung an, doch seine Figur dient lediglich dem leicht konstruierten Verlauf des Finales.
Insofern ist es schade um die durchweg solide aufspielenden Mimen, dem passablen Handwerk und der stimmigen Ausstattung, denn erzählerisch tritt die Chose viel zu lange auf der Stelle und weiß mit mysteriös anmutenden Ansätzen wie einem düsteren Buch oder einer scheinbar übersinnlichen Gabe kaum etwas anzufangen. Auch die angesprochenen Konfliktthemen lassen durch die Bank kalt und letztlich bleibt man allenfalls am Ball, um zu erfahren, was Mary denn nun final erblicken mag. Die Antwort darauf gleicht der Belanglosigkeit des kompletten Streifens.
3,5 von 10