Review

BIG OCTOPUS

(DÀ ZHANGYÚ)

Frank Xiang, China 2020

Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!


Tierhorror aus China – das kann man unmöglich ignorieren, auch wenn es zum vorliegenden Film kaum etwas Gutes zu hören beziehungsweise zu lesen gibt. Allerdings gibt es ohnehin kaum etwas über Big Octopus zu hören oder zu lesen: Mit Blick auf den Bekanntheitsgrad dieses Streifens spricht schon die verschwindend geringe Zahl seiner IMDb-Bewertungen Bände – scheinbar hat man selbst in seiner Heimat kaum Notiz von ihm genommen. Umso schöner, dass es hierzulande einen TV-Sender gibt, der keine Scheu vor obskuren und von vornherein unter Trash-Verdacht stehenden Arbeiten wie Big Octopus kennt ...

Wir befinden uns in ... ähm, ja, wo befinden wir uns eigentlich? In China jedenfalls nicht – zumindest deutet nichts darauf hin. Eine Texteinblendung zu Beginn des Films spricht von einer „kleinen Insel im Indischen Ozean“, und vom Gefühl her, auch wenn die Mitwirkenden Ostasiaten sind, wähnt man sich eher in der Karibik. Aber egal – wichtig ist, dass es ein Meer gibt.

Versuchen wir zunächst, das Personal ein wenig zu ordnen: Held des Geschehens ist der sympathische Shao Feng, der eine kleine Strandbar betreibt und die Meerestiere, die er dort als Speisen anbietet, auch selbst fängt. Eines Tages geht ihm ein seltsamer, mit Fangarmen gut eineinhalb Meter großer Tintenfisch ins Netz, den er sogleich seiner Ex-Freundin Zimo vorstellt, welche, dreimal darf man raten, als Meeresbiologin in einer örtlichen Forschungseinrichtung arbeitet (zumindest scheint es seine Ex-Freundin zu sein – die Beziehung ist so undurchsichtig wie später noch vieles in diesem Film).

Und ja, auch unsere Meeresbiologin vom Dienst meint, dass dieser Tintenfisch ziemlich seltsam ist. Das wussten wir freilich schon ohne ihre Expertise – allein das Aussehen des Tieres mit seinen kitschigen großen blauen Alien-Augen ist mehr als ungewöhnlich. Allerdings deutet sich an, dass Zimo noch etwas mehr weiß – es fallen beiläufig Worte wie „Experiment“ und „Mutation“, aber auch das bleibt zunächst nebulös. Unabhängig davon überlässt ihr Shao Feng das Tier erst einmal und sie forscht ... ein wenig herum.

Bald aber kreuzt eine weitere wichtige Figur auf: Es ist der Unternehmer Lin, der milliardenschwere Forschungen zu Genmanipulationen betreibt und Zimo nicht nur gut kennt, sondern auch schätzt – einst hatte er ihr sogar ein lukratives Jobangebot gemacht, von dem sie jedoch aus ethischen Gründen nichts wissen wollte. Lin zeigt nun ein ganz außergewöhnliches Interesse an dem blauäugigen Knuddel-Oktopus, aber Shao Feng als dessen offizieller Besitzer will ihn nicht einmal für einen ganzen Koffer voller Geld herausrücken. Dabei hat er Geld bald dringend nötig: Jetzt greift nämlich unser Titelheld effektvoll ins Geschehen ein, und das ist tatsächlich ein sehr, sehr großer Oktopus (beziehungsweise eine Oktopussin – natürlich ist’s die Mutter des Kleinen, die auf Familienzusammenführung drängt). Zunächst versetzt der Monstertintenfisch die Badegäste am Strand in Angst und Schrecken, und dann macht er mit seinen mindestens zwanzig Meter langen Fangarmen Kleinholz aus Shao Fengs Gaststätte – obwohl dieser todesmutig versucht, sein Hab und Gut mit einem Küchenmesser (!) zu verteidigen. Am Ende kann er aber froh sein, nicht wie einige andere sein Leben verloren zu haben.

Damit die ganze Geschichte auch in der Folge fein unübersichtlich bleibt, schaltet sich nun noch eine weitere und bald bestimmende Fraktion ein: Es ist ein gut ausgebildeter, für wen auch immer (es wird nie geklärt) arbeitender Söldnertrupp unter Leitung des skrupellosen „Generals“ Gael (der für seinen Dienstgrad etwa zwei Dekaden zu jung aussieht). Gael und seine Leute kommen natürlich nicht zum Kaffeetrinken vorbei, sondern wollen ebenfalls den kleinen Oktopus und noch dringender einen geheimen Zahlencode haben, von dem sie bereits eine Hälfte besitzen und die andere Hälfte in den Händen Lins wissen – und so finden sich Shao Feng und Zimo bald ungewollt mitten in der blutigen Auseinandersetzung zwischen den Interessengruppen Lins und Gaels wieder ...

Wie genau sie in dieses Schlamassel geraten sind, ist im Nachhinein unwichtig – deshalb soll hier nur der Rest der konfusen Veranstaltung auseinandergefädelt werden (nochmals Spoilerwarnung): Lin folgt bei seinen Aktivitäten den Spuren seines Großvaters, der einst im Dienst der Nazis stand und in einem von deren Geheimlaboren ein Serum entwickelt hatte, das die Lebenserwartung von Mensch und Tier dramatisch in die Höhe schnellen ließ. Woher man das wusste, steht in den Sternen, denn für Langzeituntersuchungen blieb nun wirklich keine Zeit – mit dem Kriegsende wurden die Forschungen zum Erschaffen unsterblicher Nazisoldaten (um nichts anderes ging es dabei) gewissermaßen gegenstandslos und ihre Unterlagen und Ergebnisse (fast ...) vollständig vernichtet. „Fast“ heißt in diesem Fall, dass zwischen vielen anderen noch eine Ampulle dieses Serums in den alten Laborräumen herumliegt – man muss sie nur finden, und dazu benötigt man den erwähnten Zahlencode, sprich die auf ihr eingravierte Nummer. Und die liegt nun, wo Lin und Gael aufeinandergetroffen sind (oder genauer, nachdem die Söldner Lin auf blutige Weise in ihre Gewalt gebracht haben), in voller Länge vor. Lin wollte mit dem Serum seine Forschungen zur Gentechnik auf ein neues Level heben (und letztlich damit reich und berühmt werden), während Gael es wohl für jemanden beschaffen soll, der sich wieder um Supersoldaten kümmern möchte. Oder so ähnlich ... weiß der Kuckuck, was genau er damit will – auf jeden Fall, und das zu wissen, muss hier einfach reichen, nichts Gutes.

Man begibt sich also zum praktischerweise gleich auf einer benachbarten Insel liegenden alten Geheimlabor der Nazis, das man im Inneren eines Höhlensystems noch gut in Schuss vorfindet, und sucht die Ampulle mit der richtigen Nummer. Shao Feng und Zimo sind wie gesagt auch dabei – Letztere wird noch benötigt, um per Laptop gleich vor Ort zu überprüfen, ob es auch wirklich das richtige Serum ist (was für ein Unfug – die Software ist eingerichtet, also hätte das auch jeder andere machen können), während Shao Feng zumindest von Gael, der jetzt am Drücker ist, für gar nichts mehr gebraucht wird. Er hätte also nach Lage der Dinge von den Söldnern längst ausgeschaltet werden können – wie alle anderen, die ihnen im Weg standen. Aber das Skript braucht natürlich noch einen Helden, der den Antagonisten kräftig in die Suppe spuckt, und so sorgt Shao Feng dafür, dass es hier zu guter Letzt noch richtig kracht – und wir uns über einen wirklich haarsträubenden Explosions-Exzess mit Happy End wahlweise aufregen oder lustig machen können ...

Damit ist ein entscheidender Punkt bereits angesprochen: Big Octopus kann ohne Weiteres als purer Trash gelesen werden. Aber was heißt „kann gelesen werden“? Genau genommen ist dieser Film ganz gewöhnlicher zeitgenössischer CGI-Creature-Trash. Der Ärger beginnt bereits im inszenatorischen Bereich: Das Geschehen entwickelt sich derart holprig und sprunghaft, dass man ihm beim besten Willen nicht ohne gelegentliche Verwirrung folgen kann – viele Szenen sind noch nicht einmal richtig auserzählt, wenn sie der nächsten Platz machen (was zum Teil auch einer grobmotorischen und unsensiblen Arbeit im Schneidraum zu verdanken ist), und einige Rückblenden sind nur mit etwas Glück überhaupt als solche zu erkennen. Mag sein, dass hinter all dem das Bemühen um ein möglichst hohes Tempo steckt, aber in der Umsetzung wirkt es doch, ähm ... sagen wir einmal unerfahren, um Begriffe wie stümperhaft oder inkompetent wohlwollend zu vermeiden (den verfügbaren Quellen zufolge ist Big Octopus Frank Xiangs erste zumindest abendfüllende Regiearbeit).

Man weiß also nie so recht, was hier eigentlich los ist – freilich ohne dass aus dieser Ungewissheit ein Gewinn in Form von Spannung gezogen wird. Spannung setzt Interesse an der Handlung und an den Figuren voraus, und das kann sich hier, wenn überhaupt, nur in bescheidenem Umfang entwickeln. Ja, Shao Feng ist ein angenehmer Protagonist, und auch mit der weitgehend berufsfern agierenden Meeresbiologin Zimo kann man gut leben, aber beide sind auf derart ungeschickte Weise in ein zunehmend schwachsinniges und unglaubwürdiges Treiben eingebunden, dass sie nie Farbe annehmen können – gegen die immer deutlicher werdende Abwesenheit von Logik, Sinn und Verstand stehen sie auf verlorenem Posten. Und in der Schlussphase ist Big Octopus nicht nur schwachsinnig und unglaubwürdig, sondern wird auch gänzlich austauschbar – neben der universellen Verortung des Geschehens (es könnte, zumal ein Eingreifen von Polizei oder anderen staatlichen Organen selbstredend ausbleibt, überall auf der Welt stattfinden) mündet selbiges in ein hirnloses Dauergeballer und trabt letztlich mit der ausgeleierten Geschichte von einstigen Naziforschungen an. Das ist schon ziemlich armselig. (Während der finalen Ballerei wird übrigens ungefähr dreißig Mal irgendein Söldner von einem Riesenfangarm geschnappt und hinweggehoben, woraufhin man ihm wild hinterherschießt ... Himmel, das kann doch nun wirklich nicht im Interesse der gerade Geschnappten sein!)

Selbst im Tonfall holpert der Streifen schließlich auf verstörende Weise: In der Anfangsphase werden zwei intellektuell eher minderbemittelte Mitarbeiter Shao Fengs als Pausenclowns eingeführt und sorgen für einige schmerzhaft alberne Momente – bis sie plötzlich bei einer Begegnung mit dem Riesenoktopus gemeinsam aufgespießt werden und aus der Kasperei im Handumdrehen ein Drama geworden ist. Derart blutige Szenen gibt es übrigens zum Ende hin des Öfteren, weshalb die zunächst überzogen erscheinende 16er-Freigabe des Streifens wenigstens ansatzweise ihre Berechtigung haben mag.

Angesichts all dessen kann man sich nun schon einmal den Spaß machen und Big Octopus mit einer ganz gemeinen Asylum-Gurke vergleichen – und wird zu dem Ergebnis kommen, dass Frank Xiangs Arbeit in fast allen wichtigen Punkten einen Hauch besser abschneidet, dieser Hauch aber beileibe nicht groß genug ist, um darauf stolz sein zu können.

Einer dieser Punkte ist die Tricktechnik – in diesem Bereich profitiert Big Octopus davon, dass in den Creature-Szenen fast ausschließlich einzelne Fangarme des Titelmonsters zu sehen sind, die sich vergleichsweise leicht animieren lassen. Umso schlimmer ist es freilich, wenn schon sie nicht wirklich überzeugen wollen – was hier leider regelmäßig geschieht. Noch trüber sieht es bei allen weiteren CGI-Effekten einschließlich einiger grauenhafter Greenscreen-Aufnahmen aus, wobei der Masse an minderwertigen Explosionen am Ende immerhin auch ein paar akzeptable gegenüberstehen. Nicht zuletzt dadurch liegt Big Octopus ein Stück oberhalb des durchschnittlichen Asylum-Niveaus – aber wie gesagt: Zu feiern gibt es da nichts.

Grundsätzlich macht die Optik allerdings einen sehr guten Eindruck. Der Streifen kommt mit sauberen Breitwandbildern und überwiegend sonnigen Schauplätzen daher und krankt lediglich hin und wieder an einem überscharfen Digital-Look. Auch darstellerisch wird noch ein wenig gepunktet, und zwar in erster Linie durch Mu Liu als Shao Feng und Candice Zhao als „Meeresbiologin“ Zimo, die beide eine tadellose Vorstellung abliefern. Mu Liu, der mir (vermutlich unbegründet) ziemlich bekannt vorkam, ist wie schon angedeutet vor allem sympathisch und kann nichts dafür, dass er sich beispielsweise mit dem Küchenmesser im Kampf gegen den Riesenoktopus lächerlich machen muss, während Candice Zhaos Auftritt eher über Äußerlichkeiten definiert wird. Das funktioniert jedoch gut – besonders in der Schlussphase, in der sie mit kurzer Hose herumturnt: Wenn hier alles nicht mehr helfen will, darf sich das genregemäß vermutlich fast ausschließlich männliche Publikum wenigstens noch an Candice Zhaos Beinen erfreuen. Lin wird derweil von Haocheng Zhang verkörpert, der sich schon ziemlich nah am Overacting bewegt, und Daniel Gan ist als wild grimassierender und mit den Augen rollender „General“ Gael sogar mittendrin. Der Score macht hingegen einen sehr professionellen Eindruck – er fällt zunächst nur selten, aber nie unangenehm auf, begleitet die erwähnten Albernheiten mit unvermeidbar fröhlichen Motiven und erstaunt in der zweiten Hälfte der Laufzeit mit einigen schönen melodiösen Passagen.

Okay – dann will ich mich von meiner Neigung, ostasiatische Produktionen weniger kritisch zu betrachten als andere, einmal kurz trennen und resümieren, dass Big Octopus in der Tat kaum mehr ist als anspruchsfreier, generischer, ideenarmer, schlampig erzählter und generell in jeder Beziehung unrund laufender Creature-Trash, der sich von seinen westlichen Brüdern und Schwestern im Geiste weit weniger unterscheidet, als man vermuten sollte. Alles verloren ist jedoch zumindest für den Freund gepflegter Billigware noch nicht: Immerhin weist Frank Xiangs Arbeit keinerlei Längen auf und geizt nicht mit Monsterszenen – das muss unbedingt gewürdigt werden, obgleich man es in der Regel nur mit ein paar Tentakeln zu tun hat. Aber die sind schließlich auch nicht zu verachten. Wer sich also vor Ramsch aus der Asylum-Liga nicht fürchtet, kann’s ruhig einmal mit Big Octopus versuchen.

(10/23)

Objektiv mit etwas Entgegenkommen 4 von 10 Punkten.





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