Review

Um es vorweg zu sagen: ich bin noch nicht mit allzu vielen Japano-Gruslern in Kontakt gekommen. THE RING (sowie sein amerikanisches Remake) und RING 0 waren bislang meine einzigen Filme in diesem Bereich. Insofern kann ich bei Vergleichen nur sehr eingeschränkt auswählen.

+SPOILERWARNUNG+
JU-ON präsentiert eine Geistergeschichte, die von einem Fluch eines in Wut Gestorbenen handelt. In diesem Falle ist der Geist eine Frau, die von ihrem Mann wegen Verdachts auf Ehebruch getötet wurde. Der gemeinsame Sohn sowie eine Katze scheinen aber auch von ihm umgebracht worden zu sein.
Gekettet ist der zornige Geist an das ehemalige Wohnhaus und er kann auch nur jene heimsuchen, die das Haus einmal betreten haben. Dabei geht er recht gründlich vor, wenn auch nicht unbedingt chronologisch - soll heißen, daß einige unwissende Besucher recht bald, andere jedoch erst nach Jahren sterben.
Erzählt wird das Ganze in Episoden, die jeweils einen oder mehrere Charaktere im Fokus haben, welche das Haus betreten und den Fluch über sich bringen. Auch diese Episoden sind nicht chronologisch geordnet, sondern springen zeitlich etwas hin und her, was zusammen mit der ebenfalls recht undurchsichtigen Motivation des Geistes/der Geister (ist es nur der blanke Haß auf die Lebenden?) den Zuschauer immer wieder verwirrt.
Mir ging es immer so, daß ich mir eine Erklärungstheorie zurechtgelegt hatte, um dann zu erkennen, daß sie falsch war. Dann schlüsselte ich mir eine neue zusammen, und auch diese hielt dann später nicht mehr stand. Und so ging es immer weiter, bis am Ende... nun ja, dazu später.

Ungeachtet der Erzählweise überzeugt der Film atmosphärisch aber nahezu auf ganzer Linie. Unheimliche Geräusche (die mit 5.1 genial rüberkommen), subtile Gruseleffekte (plötzliche Schatten, huschende Bewegungen am Rande des Sichtfeldes) sowie die recht "westlich" reagierenden Darsteller machen das Ganze zu einem selbst für Fernost-Ablehner annehmbaren Erlebnis. Dennoch fühlte ich mich das eine oder andere Mal an RING erinnert, denn die ganze Gruselart ist ähnlich: bleich geschminkte Geister, abnormale Fortbewegung (auf Händen kriechend) und unmenschliche Laute (Knacken, Katzenfauchen) sprechen für sich.
Persönlich liebe ich bei solchen Filmen eher die leisen Töne und Effekte (zum Beispiel die Szene, in der Rika vor einem Spiegel vorbeiläuft, jedoch nicht ihr eigenes Spiegelbild zu sehen ist), daher kann der Film hier richtig punkten! Ich hatte mehr als einmal Gänsehaut!

Die Darsteller selber sind mir fast alle sympathisch, wenngleich ihre Art, auf Situationen zu reagieren, nicht immer der entspricht, die ich als "Abendländer" erwarten würde. Auch bleiben ihre Persönlichkeiten wenig ausgelotet, man findet nicht so recht eine Identifiktationsfigur bzw., wenn man glaubt, eine gefunden zu haben, wird schon die nächste Episode erzählt.

Den größten Schwachpunkt hat der Film aber ab dem letzten Drittel und der zieht sich dann auch bis zum Ende durch. Durch die zeitlich seltsam wechselnden Episoden verwirrt, hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, die Charaktere richtig einzuordnen und zu erkennen. Auch wird der Film seiner anfänglichen Geistergeschichte irgendwie untreu, denn wo man bislang nur die ermordete Ehefrau bzw. das Kind und seine Katze gesehen hat, tauchen plötzlich einige der Ermordeten auch als Geister auf und machen Jagd auf eine Überlebende. Ich hoffte immer stärker auf den entscheidenen Fingerzeig, der mir endlich erklärt, wieso das Ganze geschehen ist und wer verantwortlich ist. Aber solche Auflösungen hat der Film nicht zu bieten - und damit konnten sich auch meine Auflösungstheorien nicht bestätigen. Das empfand ich als frustrierend. Wieso dann kurz vor Schluß noch das durch-die-Finger-der-vors-Gesicht-geschlagenen-Hand-gucken als Wahrnehmungsmöglichkeit für Geister präsentiert wird, weiß ich nicht. Ich hatte ständig das Gefühl, der Film wird jetzt gleich die große Wende enthüllen - doch dann ist er zuende. Und die einzig mögliche Identifikationsfigur Rika fällt dem Fluch doch noch zum Opfer.
Einen Vergleich zu THE SIXTH SENSE darf man sich bei dem präsentierten Ende übrigens auch erlauben, wenngleich JU-ON die fantastische und rückblickend schlüssige Erklärung des Shyamalan-Meisterwerkes schuldig bleibt - und damit nicht funktioniert.

FAZIT:
Ein verwirrender, aber sehr atmosphärisch erzählter Gruselschocker, der einem durchaus die eine oder andere Gänsehaut beschert. Durch sein schleierhaftes Ende verwehrt er dem Betrachter jedoch eine Verarbeitungsmöglichkeit - und stiehlt sich auch ein bißchen aus seiner immer erwartungsvoller angeheizten Geschichte heraus. Schade um das große Potenzial. (6/10)

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