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Wenig erbaulich ist der Alltag in einer Drogenentzugsklinik, vor allem wenn man gar nicht wirklich an den Therapiesitzungen teilnehmen will. So jedenfalls geht es der Mittzwanzigerin Darby (Havana Rose Liu) im kalifornischen Sacramento, die widerwillig den Geschichten der anderen Teilnehmer lauscht. Ein Anruf ihrer Schwester reißt sie aus ihrer Lethargie: ihre Mutter liegt mit einem Hirnaneurysma im Krankenhaus und es sieht nicht gut aus. Darby, die ihr Handy abgeben mußte, schafft es allerdings doch, heimlich zurückzurufen, wobei sie erfahren muß, daß ihre Anwesenheit im Spital gar nicht erwünscht ist. Doch das ficht die junge Asiatin nicht an: schnell ist der Entschluß gefasst, auszubüxen. Ein Auto am Parkplatz ist auch flott geknackt und schon geht es los.
Die mehrstündige Fahrt jedoch endet in einem aufziehenden Blizzard, dessentwegen die Polizei die Strasse gesperrt hat. Wohl oder übel muß Darby die Nacht in einem an der Straße gelegenen Besucherzentrum verbringen, bis sich der Schneesturm gelegt hat. Dort sind bereits das ältere Paar Ed (Dennis Haysbert) und Jay (Mila Harris) gestrandet, außerdem der junge Ash und ein seltsamer Typ namens Lars. Alle Anwesenden würden gerne so schnell wie möglich weiterfahren, und so ist die Stimmung etwas gedrückt, nur Ed, ein afroamerikanischer Ex-Marine, versucht mit Smalltalk, etwas Positives zu vermitteln. Darby geht wieder raus auf den Parkplatz, doch ihr Handy hat keinerlei Empfang. Als sie an den geparkten Fahrzeugen vorbeigeht, entdeckt sie in einem älteren, abgesperrten Van durch die Heckscheibe ein gefesseltes und geknebeltes Kind, das sich vergeblich zu befreien versucht...

Mit dem auf einem Roman basierenden No Exit beweist Regisseur Damien Power, daß es weder ein großes Budget noch klingende Namen braucht, um einen fesselnden Thriller zu inszenieren - denn ab dem Zeitpunkt der Entdeckung läßt das Geschehen um die fünf unfreiwilligen Nachtgäste den Zuschauer nicht mehr los. Geschickt lotet das Drehbuch - meist aus der Perspektive von Darby - die wenigen Möglichkeiten aus, die man in solch einer Situation hat und baut damit in kürzester Zeit einen Spannungsbogen auf, der dank einiger Plot Twists bis zum Ende anhält.

Dabei kommt der Filmhandlung zugute, daß sich alle Beteiligten verhältnismäßig logisch verhalten, was das Geschehen besonders authentisch erscheinen läßt. Darby, der entflohene Junkie, ist sofort alarmiert, macht ein Foto des Nummernschilds und schickt eine Notruf-SMS ab. Aber halt, es gibt ja kein Netz dort. Dann also wieder rein und vorsichtig zu ergründen versuchen, wem der Anwesenden der Van denn nun gehört. Verhält sich jemand verdächtig? Der Van ist in Nevada zugelassen. Kann man durch vorsichtiges Fragen mehr herausfinden? Und welche Gefahr droht einem vielleicht selbst? Kann man dem - nach wie vor - geknebelten Kind nicht irgendwie helfen?

Der Großteil des Films spielt nachts in dem kleinen Rasthaus, und da sich außen herum nichts als kilometerweit verschneiter Bergwald befindet, baut sich langsam aber sicher auch eine klaustrophobische Atmosphäre in dem hellerleuchteten ebenerdigen Raum auf. Dazu kommt nach einigen Geschehnissen neben der obligatorischen Gewalt dann auch der Faktor Zeit, der eine immer größere Rolle spielt.
Bemerkenswert übrigens die Ambivalenz sämtlicher Charaktäre, die aus ihren Rollen ein Optimum herausholen - hier besonders Hauptdarstellerin Havana Rose Liu, die sich von einem unsympathischen Junkie (u.a. erpresst sie ihre Kollegin, um mit deren Handy heimlich telefonieren zu können) zu einer couragierten Retterin mausert, dabei aber auch zutiefst menschliche Züge (inklusive Fehler!) an den Tag legt. Chapeau!

Am Ende überschlagen sich dann die Ereignisse (was meines Erachtens ein wenig zuviel des Guten ist, ohne allzusehr spoilern zu wollen), dennoch bleibt No Exit ein durchgehend nachvollziehbarer Thriller, der bei flottem Erzähltempo keinerlei Längen aufweist. Spielberg und Konsorten hätten (bis auf das Finale) die 95 Minuten kaum spannender gestalten können: 8 Punkte.

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