Ich bin dem Herrn Miike aus Japan wirklich wohlgesonnen. Nachdem ich mittlerweile eine durchaus repräsentative Palette an Filmen des Enfant Terrible durch habe, kann ich ihm zumindest bescheinigen, dass seine Werke jedes Mal aufs Neue ein Erlebnis sind.
Egal, ob ungestüme Actionkracher wie "Dead or Alive" oder hintersinnige Schocker wie "Audition", ein Miike-Film bleibt erstmal im Gedächtnis haften. Ob man das Gesehene nun als genial oder abartig speichert, bleibt dem Geschmack des Zuschauers überlassen.
Wie bereits erwähnt, halte ich Takashi Miike für einen guten Regisseur, der sein Talent allerdings immer wieder in billigen Auftragsproduktionen ersäuft, die ihm das nächste Eigenprojekt finanzieren. Es gilt also die Rosinen rauszupicken aus dem gewaltigen Gesamtwerk des Japaners.
Next try: "Gozu"! Der Versuch Miikes einen Genremix auf die Leinwand zu bringen, der sein komplettes Können widerspiegeln soll. Herausgekommen ist ein episodenhafter Road-Trip, der zunächst wie ein, etwas andersartiger, Yakuza-Flic daherkommt. Im Weiteren tobt sich Miike unter anderem noch im Horror- Erotik und Westerngenre aus, nur um gegen Ende hin komplett auf die groteske Schiene zu kommen...
Das A und O bei "Gozu" sind die Figuren, denen unser Protagonist auf der Suche nach seinem toten Bruder begegnet. Und das uns da Miike nicht enttäuscht ist klar. Sein Einfallsreichtum scheint schier unerschöpflich und auf gängige Konventionen legt der Mann sowieso keinen Wert. Daher darf sich der geneigte Zuschauer auf diverse Gestalten freuen, die alle mehr oder minder einen an der Klatsche haben. Darunter ein pigmentgestörter Freak, eine muttermilchverspritzende Motelbesitzerin, ein Yakuzaboss, der seine Erektionsprobleme mittels Kochlöffel im Arsch löst. Figuren, wie sie abgedrehter nicht sein könnten.
Ein weiteres Miike-Merkmal ist die überbordende Gewalt, die sich durch einen Großteil seiner Filme zieht. Bei "Gozu" allerdings halten sich diese Ausbrüche deutlich in Grenzen. Bis auf die witzige Beseitigung eines Yakuza-Angriffs-Hundes und einen Kochlöffel-Tod (wen erwischts wohl?), gibts keine Gewalt zu sehen. Auch ist die Erzählweise äußerst zahm und actionarm, was bei einer Lauflänge von 130 Minuten unweigerlich zu Längen führt. Leider ist nämlich die Story nur ein loses Gerüst um die dargebotene Freakshow einigermaßen zu rechtfertigen. Selbst wenn man Miike zugestehen will, dass dieser Film einen tieferen Sinn hat - man sucht ihn vergebens. Nachdem man den, zugegebenermaßen außergewöhnlichen, Höhepunkt hinter sich hat, wird ein Happy End präsentiert, bei dem man eigentlich nur noch den Kopf schütteln kann. Wenn man genau hinhört, kann man wahrscheinlich das dreckige Lachen des Regisseurs hören. Im Gegensatz zum Finale in "Dead or Alive" kommt dieses Ende einfach dumm und sinnlos daher.
Wie gesagt, ich finde die Miikes Art, Filme zu machen großartig. Er beherrscht es, den Zuschauer stets auf dem falschen Fuß zu erwischen und fasziniert mit immer schrägeren Tabubrüchen. Bei "Gozu" geht dieses Treiben einfach schief. Das Gesamtbild stimmt in vielen Beziehungen nicht. Über die lange Laufzeit fällt der fehlende Spannungsbogen sowie die nicht vorhandene Story einfach enorm störend auf. Da auch auf Action und Gewalt weitesgehend verzichtet wurde, wird man nur durch die eingestreuten Abscheulichkeiten halbwegs bei der Stange gehalten. Das ist einfach zu wenig, Herr Miike!
Fans können durchaus einen Blick riskieren, Miike-Anfänger sollten zunächst noch einen Bogen um "Gozu" machen. Ich such weiter nach den Rosinen.
5/10