Ein Kinofilm, bei dem das Publikum sich aus der bloß passiven Zuschauerrolle befreit, ist vielleicht nicht der Normalfall, war aber bereits lange vor der RHPS ein gängiges Phänomen. Meistens folgten solche Aktionen auf Filme, deren politischer oder sozialer Gehalt übel aufgestoßen ist (D. W. Griffiths "Birth of a nation" (1914) etwa führte über Jahrzehnte hinweg immer wieder mal zu Saalschlachten unter den Kinozuschauern, Pasolinis "Accattone" (1960) erzielte auf die Leinwand geworfene Farbeimer), seltener entäußerte sich in Publikumsreaktionen ein Gefühl der Freude (hier wäre vor allem "The Harder They Come" (1972) zu nennen, bei dessen Premiere bereits 5000 Schaulustige die Vorstellung stürmten)... Die RHPS hebt sich aus diesen (wie "Ballermann 6" (1997) zeigte, bis heute anhaltenden) Filmen zum einen dadurch hervor, dass die Reaktionen ziemlich schnell durchritualisiert worden sind (s. u.), und dadurch, dass der Film in einigen Kinos regelmäßig seit nunmehr über 30 Jahren erfolgreich läuft. Ein derartiges Phänomen hat es in der Filmgeschichte weder zuvor noch danach in diesem Ausmaß gegeben.
Der Weg dorthin nahm allerdings auch ganze drei Jahre in Anspruch: Richard O'Brien (eigentlich Richard Timothy Smith), der geistige Vater der RHPS, der für die Songs, die Story und die Darstellung Riff Raffs verantwortlich ist, arbeitete bereits Anfang 1972 an einem Musical, nachdem er seine Rolle in dem (übrigens von Jim Sharman in Szene gesetzten) Musical Jesus Christ Superstar verloren hatte. Die geplante Sci-fi-Horror-Hommage sollte They Came from Denton High heißen, ehe sich der Titel über The Rock Horroar Show in The Rocky Horror Show änderte. Das ursprüngliche Denton sollte dann in den 80ern in der RHPS Fortsetzung "Shock Treatment" (1981) etwas betonter eingesetzt werden. O'Brien arbeitete ein halbes Jahr, bis er das Musical komplett niedergeschrieben hatte. Dann holte er sich ehemalige Kollegen wie Jim Sharman und Tim Curry (mit dem er in Hair aufgetreten ist) und im Theatre Upstairs in Chelsea hatte das Musical dann seine Premiere. Die Rocky Horror Show hatte Erfolg, breitete sich relativ schnell auf andere Theater aus und noch als Musical ging der Stoff eine Verschmelzung mit dem Publikum ein: Tim Curry schlenderte lasziv durch die Zuschauerreihen und Konfetti flog schubweise immer wieder mal durch den Saal.
Die Geschichte ist leicht in Worte zu fassen: Ein junges, biederes Heteropaar gerät nach der klischeehaften Wagenpanne in die Fänge transsexueller Außerirdischer vom Planeten Transsylvania. Deren Anführer Frank N. Furter werkelt an seiner künstlichen Kreatur und verführt den jungen Mann, dessen Frau sich mit dem künstlichen Menschen vergnügt. Der Wandel zum bi- und transsexuellen Zwitterwesen wird nochmal von der Figur Dr. Scotts unterbrochen, am Ende jedoch findet man - gemäß dem Ohrwurm "Don't dream it, just be it!" - die glückselige Erfüllung in der sexuellen Befreiung, während Furter aufgrund seiner egoistischen Triebbefriedigung von seinen Untergebenen ausgelöscht wird, die daraufhin wieder nach Transsylvania zurückkehren. Das Ganze enthält, was Handlungsverläufe und Zitate in den Songs betrifft, dutzendweise Anspielungen auf klassiker des Sci Fi und Horrorfilms - und freilich etliche Ohrwürmer, die sich teilweise bereits verselbstständigt haben.
Als dann Lou Adler (der Produzent der Doku "Monterey Pop" (1978) sowie des zugrundeliegenden Festivals) das Musical zu Gesicht bekam, fasste er den Entschluss, dieses auch in den USA bekannt zu machen. Er einigte sich mit Michael White (dem eigentlichen Rocky Horror Produzenten) und brachte das Stück in L. A. raus (mit Meat Loaf in einer Doppelrolle als Eddie und Dr. Scott). Man ließ die Show 10 Monate erfolgreich laufen und dann drehte man nach dem inzwischen von O'Brien und Sharman geschriebenen Drehbuch in den Bray Studios[1] den von Adler gewünschten (und mitproduzierten) Film "The Rocky Horror Picture Show".
Man drehte insgesamt 8 Wochen - Tim Curry blieb Frank N. Furter, O'Brien blieb selbstverständlich sein eigenes Alter Ego Riff Raff, Meat Loaf blieb als Eddie, gab aber den Dr. Scott-Part an Jonathan Adams ab (der in der Urraufführung noch den Kriminologen gab), Barry Bostwick gab den Brad, Susan Sarandon schlüpfte in die Rolle der Janet und Charles Gray (bekannt durch einige Horror- und James Bond Filme) mimte den als Erzähler fungierenden Kriminologen. Für die Rolle des Rocky Horror holte man sich (was naheliegend war) ein Model: Peter Hinwood gab ohne größere Schauspielerfahrung sein Debut als muskelbepackter, fleischgewordener Traum Frank N. Furters, musste jedoch für die Gesangseinlagen von Trevor White, dem Jesus aus Sharmans Jesus Christ Superstar synchronisiert werden (später ist er vom Ex-Model und Gelegenheits"Schauspieler" zum Antiquitätenhändler mutiert). Patricia Quinn und Little Nell (die man direkt für die Rocky Horror Show entdeckt hatte) behielten ihre Parts aus der Uraufführung.
Als die Dreharbeiten abgeschlossen waren (aber noch bevor der Film in die Kinos kam), brachte Adler das Musical zum Broadway: Doch die New Yorker Aufführung lief von Anfang an beschissen: Das Publikum blieb aus und das Musical wurde einstimmig zerrissen. Der 45 Aufführungen dauernde Dauerflop rührte nach Meinung der wenigen Kritiker, die bereits die Musicalversion in London gesehen hatten, daher, dass man das Stück überproduziert und ihm den schäbigen Reiz genommen habe.
Ängstlich sah man dann im Juli 1975 den Testvorführungen des fertigen Films entgegen: Das Publikum mochte ihn zum größten Teil nicht. Es war jedoch offensichtlich, dass die wenigen Zuschauer, die ihn nicht ablehnten, den Film vergötterten - und so gab man die Hoffnung noch nicht völlig auf: Adler suchte, als der Film in die Kinos kam und so ziemlich überall außer in einem kleinen New Yorker Kino floppte, eben dieses mit einem Werbefachmann auf und stellte fest, dass in jede Vorführung nahezu dasselbe Stammpublikum kam - wieder und wieder und wieder; zudem wurden die Songs allesamt mitgesungen. Man forschte nach und fand heraus, dass sowas auch in anderen kleineren Städten geschah.
Daraufhin fiel der Beschluss, den Film nur auf der Mitternachtsschiene laufen zu lassen (die dank Jodorowskys "El Topo" (1970) boomte), um noch den größtmöglichen Erfolg rauszuholen. Der Film lief dann erstmal nur im Waverly und spielte dort nach einem Jahr Laufzeit und 400 $ Werbekosten tatsächlich 3 Millionen Dollar ein. Die RHPS brach im Waverly den Laufzeitrekord, breitete sich auf andere Kinos aus und spielte jährlich 5 Millionen Dollar ein.
An dem Ritualcharakter, der die RHPS-Vorführungen oftmals begleitet, ist vor allem Sal Piro verantwortlich, der als Grußkarten"autor" begonnen hatte, sich als Schauspieler (ungenannt etwa in Woody Allen "Stardust Memories" (1981)) und Stand Up Comedian versuchte und dann als Anführer des RHPS-Kults eine seltsame Karriere erlebte. Piro entdeckte 1977 die RHPS für sich und wurde nicht nur schnell einer der einflussreichten Zwischenrufer der Vorführungen im Waverly, sondern erlebte auch den Zeitpunkt mit, an dem einige der Stammgäste begonnen hatten sich in Verkleidung als Doppelgänger ihrer filmischen RHPS-Vorbilder vor der Leinwand zu präsentieren. Piro selbst verkörperte in Folge mehrmals die Janet, seine Freundin Doris Hartley war als Frank N. Furter zu bewundern. Der Kult blieb nicht nur auf das Waverly beschränkt, sondern breitete sich aus, als Piro und Hartley einen Fanclub in die Welt setzten und auf Tournee gingen... (Genau zu dem Zeitpunkt als die ersten Homophoben die Vorstellungen unsicher machten und dadurch einen Teil der schwulen Szene vergraulten - was zu Folge hatte dass Frank N. Furter fast ausschließlich von Frauen verkörpert wurde, da sich die meisten Heteromänner nicht mehr in Reizwäsche und Blaue-Engel-Pose schmeißen wollten.) Adler bemerkte diesen sonderbaren Status, der sich um Piro gebildet hatte und setzte ihn - da er zwangsweise auch die Zuschauerreaktionen in und auswendig kannte - als Marketing-Berater für "Shock Treatment" (1981) ein. Piro brachte etliche Jahre später noch den "Official Rocky Horror Picture Show Audience Par-Tic-I-Pation Guide" sowie das "Creatures of the Night: The Rocky Horror Experience" heraus und ist mittlerweile als Präsident des RHPS-Fanclubs der Dreh- und Angelpunkt aller RHPS-Fans.
Die RHPS hat (mehr als mit den zahlreichen Filmzitaten von "King Kong" über "The Invisible Man" bishin zu "Flash Gordon"-Serials und "When Worlds Collide") mit der einprägsamen Rockmusik und der Aufhebung von geschlechtlicher Identität ein Publikum erreicht, das - beeinflusst von John Waters Werken oder Jack Smiths Nonstop-Orgie "Flaming Creatures" - nicht nur offen für das in der RHPS präsentierte Lebensgefühl war, sondern geradezu danach verlangte. Und ebenso wie Tim Curry, Patricia Quinn und O'Brien im Film in ihren jeweiligen Doppelrollen von bürgerlichen "Normalos" (zu Beginn) zu Obsessionen auslebenden Transsylvanians "werden" (es findet jedoch keine Entwicklung statt, die Doppelrollen existieren unabhängig voneinander), womit Sharman der Befreiung des Triebes auch außerhalb der Entwicklung Brads und Janets stärkeren Ausdruck verleiht, so blieb der RHPS-Erfolg selbst nicht auf eine Szene beschränkt, sondern griff auch auf vermeintlich rein heterosexuelle Zuschauergruppen über.
Der sexuelle Aspekt ging dem eher als Satire gestrickten Nachfolger "Shock Treatment" völlig ab - und so blieben vorsichtige Versuche einiger RHPS-Fans, das Sequel zum Kultfilm zu machen, zum Scheitern verurteilt. "Shock Treatment" verschwand sehr schnell von der Bildfläche und erlebte jüngst in der 30th Anniversary Box der RHPS ein erneutes Auftauchen... Auf DVD dürfte sich der RHPS-Kult jedoch kaum angemessen einfangen lassen: Audiospuren mit Original-Zwischenrufen und Aufzeichnungen der obligatorischen Happenings im Publikum haben nur (wenn überhaupt) filmhistorischen Wert, können aber keinesfalls die Kinoatmosphäre ersetzen; zudem ist auch eine Anleitung der RHPS-Rituale (wenn man die Extras als Anleitung und nicht bloß als Stimmungsmacher verstehen möchte) keinesfalls mit einem aus sich heraus geborenen, improvisiertem und mehr und mehr verfestigtem Ritual vergleichbar.
Der Film hat zwar einige Schwächen (und genau durch diese haben sich Zwischenrufe und der anschließende Kult erst entwickelt), aber eine 10/10 scheint mir dadurch gerechtfertigt zu sein, dass sich die RHPS nicht mehr auf den bloßen Film beschränken lässt. Die ursprüngliche Musicalverfilmung ist längst zu einem Happening geworden, ein Kinoerlebnis das nicht nur das Leinwandgeschehen selbst umfasst – und das ist (zwar auch, aber eben) nicht nur ein Verdienst des Publikums.
Äußerst detailliert findet man die RHPS-Entwicklung in Hobermans und Rosenbaums "Midnight Movies" wieder, die Schilderung der Fanszene in Sal Piros Veröffentlichungen.
1) Dem Horrorfan sind die Bray Studios natürlich durch die Hammer Produktionen bekannt. Hammer drehte dort zwischen 1951 und 1969 und Filmarchitekt Bernard Robinson fertigte in Bray einige der bedeutendsten Horrorfilmsets an.