Review
von Alex Kiensch
Es ist wohl das berühmteste und mit Sicherheit durchgeknallteste Musical der neueren Bühnengeschichte: Mit seinem Mix aus Travestie, schmissigen Pop-Songs und trashig-verrückten Ideen hat "The Rocky Horror Show" längst Kultstatus erreicht. Die 70er-Jahre-Filmversion steht dem Original dabei in kaum etwas nach.
Tim Curry spielt hier den sympathisch irren Dr. Frank-n-Furter, der sich daran macht, eine Kreatur nach seinem Geschmack zu schaffen, und einem jungen Pärchen, das sich zufällig in sein Schloss verirrt, einige Überraschungen bietet. Wirklich wichtig ist diese Story, in der auch ein verkrüppelter Diener, eine hyperaktive Haushälterin und jede Menge halbnackte Tänzer vorkommen, aber nicht. Von der ersten Sekunde an atmet der Film die Trash-Ideen des Originals und bietet neben fetziger Musik jede Menge verrückte Albernheiten: ein von den Toten auferstandener Rocker (Meat Loaf in einem Gastauftritt), irrwitzige Dialoge und nicht ganz nachvollziehbare Szenen eines älteren Herren, der die Geschichte kommentiert.
Auch als Filmversion bleibt das Musical dabei ein mitreißendes Stück Unterhaltung: Im Minutentakt werden kultige Pop- und Rocksongs geschmettert, dazu tanzen die Darsteller sich vor skurrilen Kulissen die Seele aus dem Leib und beeindrucken mit aufwendigem Make-up. Und sie zeigen keine Scheu vor ungewöhnlichen Darstellungen: Wenn Tim Curry zum ersten Mal auftritt, trägt er Strapse und Korsett und singt, er sei ein "süßer Transvestit aus dem transsexuellen Transsylvanien". Überhaupt bietet "The Rocky Horror Picture Show" viel nackte Haut, die nicht unbedingt nach dem Geschmack des biederen Mainstream-Kinos gezeigt wird - da tanzen gestandene Kerle (und selbst ein älterer Rollstuhlfahrer) in Strapsen und die muskulöse Kreatur weigert sich zum Leidwesen ihres Schöpfers, ihm sexuelle Dienste zu erweisen, und vergnügt sich stattdessen mit der halbnackten Susan Sarandon. Das alles ist freizügig, angenehm natürlich und wunderbar neben der (konservativen) Spur.
Einziger Wermutstropfen bleibt dann, dass dem Film gegen Ende deutlich die Puste ausgeht, wenn er versucht, die krude und hauchdünne Story voranzutreiben, anstatt wie bisher einen Song nach dem anderen zu spielen. Und natürlich kann eine Filmversion niemals die Stimmung eines echten Musicals wiedergeben. "The Rocky Horror Picture Show" kommt aber sehr nahe heran - er ist definitiv einer der wildesten und sympathischsten Musikfilme seiner Ära. Seinen hohen Kult-Faktor hat er sich redlich verdient.