Review

Unsicher im Vorwissen des noch kommenden und durchaus mit Effekt und Wissen um Wirkung inszeniert, was heutigen lokalen Produktionen eher selten zuzuschreiben und gerade den Komödien wie hier nicht unbedingt eigen ist. Mehrere einheimische Produktionen haben anschließend ein erstaunliches Publikum, eine neue Masse an Zuschauer erreicht, Filme wie Table for Six (Einspiel 10 Mio. USD) oder Chili Laugh Story (4 Mio. USD); das hiesige Spielfilmdebüt des ehemaligen Dance Instructors und Sängers Anson Lo ist vergleichsweise normal noch, also unter dem Radar und speziell für die (zahlreichen) Fans des Kino-Debütanten gelaufen und hat auch (trotz einer folgend erweiterten und offensiven Homevideo-Kampagne) 'nur' diese und niemand anderen sonst und ein angegebenes Kinoeinspiel von 1 Mio. USD erreicht. Eine Veröffentlichung möglicherweise zu früh und zu ungünstig, zu speziell (mit dem Wechsel der Geschlechter) vielleicht auch, weniger familienkompatibel wie die noch kommenden Erzeugnisse, welche zudem mit 'alteingesessenen' Darstellern besetzt sind und nicht alleinig auf die aktuelle Zugkraft einer einzelnen Person vertrauen: (Chili Laugh Story ist mit Lo's Kompagnon Edan Lui, eines der insgesamt 12 Mitglieder der gemeinsamen das Cantopop-Genre revidierenden und revitalisierenden Boyband MIRROR gecastet. Lui und Lo sind beide auch im Drama Hong Kong Family vorhanden, welches ungefähr 1.5 Mio. USD erwirtschaftet hat.)

Im Auftrag seines Vorgesetzten Dr. K [ Patrick Tam ] geht Cercis Lui [ Anson Lo ], ein Mitglied der "International Association for the Physical and Mental Health Development of Underage Boys and Girls”, getarnt als Frau zum Casting der von Big Boss [ Andrew Lam ] geleiteten immens erfolgreichen, hinter den Kulissen aber als ausbeuterisch geltenden Talentshow "New Star Factory". Eingeweiht in dieses Versteckspiel werden notgedrungen bald die Bewerberinnen Helianthus [ Chloe So ], die sich als eigentliche Unterhaltungsreporterin ebenfalls an die Aufdeckung eines Skandals verschrieben hat, sowie die bereits etablierte Künstlerin Lilium [ Heidi Li ], die als erstes hinter das Geheimnis des Mannes kommt.

Betreten wird dabei durchaus neues Terrain; genauso, wie hier eingangs ein fremdes Haus mit einem fremden Mann besucht bzw. aufgrund eines Termins anvisiert (und ausspioniert) wird, siehe dem Titel, so werden hier auch Grenzen ausgetestet und 'Regeln' oder eher Konventionen etwas gedehnt, nicht gleich gebrochen, nicht mit aller Gewalt in ihre Einzelteile zerlegt. Der fremde Mann, der Besitzer des Hauses scheint die Macht zu haben und die Führung, es geht auch nicht um eine (gleichgeschlechtliche, also homosexuelle) Versuchung, sondern eine Dominanz bis hin zu einer Bedrohung; der bald eingespeiste und so die Situation auflockernde Humor geht deutlich in Richtung des (jungen) Stephen Chow, also speziell die ganz frühen Neunziger, hat aber seine eigenen Zusätze und auch einige Ideen. Pointen werden fortgeführt, auch wenn sie zu Ende scheinenden, oder aufgegriffen und in das Gegenteil umgekehrt, vieles hängt auch von einer gewissen Lust am Zerstören ab oder persönlichen Angriffen, von der Zurschaustellung einer Ignoranz gegenüber guten Sitten oder dem bloßen Stoismus. Zuweilen ist die Mimik entscheidend oder schlicht das Ausbleiben einer adäquaten Reaktion auf die Umstände.

Natürlich gibt es hierbei auch den Gross-out Humor, den Cross-Dressing Humor, das Auftreten im (offensichtlich grotesken) Fummel, also die Tolle Tanten - Gags, das Thema dreht sich neben (dem offensichtlichen Verweis auf den u.a. MIRROR und damit auch Lo formenden und bekannt machenden Realityshow Talent-Wettbewerb Good Night Show - King Maker und dessen Verhohnepipelung hier) geradezu darum, wird allerdings tatsächlich vermehrt mit Sinn für Leichtigkeit in der Darbietung und dem richtigen Timing, sowie Spiel- und Lebensfreude umgesetzt. Dabei erinnert man allerdings vermehrt an die 'zweite Reihe' aus den frühen Siebzigern, also die Trilogie um Wenn die tollen Tanten kommen über Tante Trude aus Buxtehude zu Die tollen Tanten schlagen zu, die Vertreter mit Rudi Carrell und Ilja Richter, wobei (der auch androgyn wirken könnende) Lo gleichzeitig beide Männer 'nachmacht', also ab und zu wie Carrell die Sache konsequent, stoisch und ohne Schnickschnack durchzieht, und ab und zu wie der hibbelige Richter überzogen grimassiert und chargiert, und dort ihm und der Regie außer stets gleichen affektiven und affektierten Getue und gestellten Hand- und gerollten Augenbewegungen dann auch nicht allzu viel einfällt.

Ansonsten sind die zumeist jungen und unbekannten Darsteller hier präzise und selbstbewusst eingesetzt, selbst die Nebenszenen und Miniauftritte (wie in der eigentlichen Inspiration für den sich später mit Absicht 'männlich gebenden Lo, der zuvor eine Frau im strengen und ebenso engen Hosenanzug und kurzen Haaren, also die 'umgekehrte Erscheinung' getroffen hat; die sich nicht verstellende Frau ist übrigens auch überzeugender in ihrem natürlichen Wesen und anziehender als eben die 'kostümierte Fummeltrine'.), und verhält sich auch die Produktion entsprechend, ein breitbeiniges, also sicheres Auftreten, viel in Bewegung, viel am Zeigen, schnelle Wechsel, sexuell offensiver, sowohl verbal als auch im Kontakt oder offensichtliche Blicke ins Dekolleté etc. Bald kommt auch eine kleinere Martial Arts Einlage zum Vorschein, ein sich Wehren gegen Schergen; etwas, dass der durchaus durchtrainierte und ausgebildete Tänzer Lo entsprechend auch vermitteln und in der entsprechenden Choreografie verkörpern kann.

Bunt, aber nicht zu bunt, sondern mit einem kontrastierenden dunklen Rahmen und theoretisch ernsten, hier natürlich nur als Plotalibi vorhandenen, für die Dramaturgie aber durchaus genutzten Hintergrund – die Ausbildungszentrale für den Talent-Wettbewerb ist eine Art Observierungskammer mit Vollzeitüberwachung, Wachschutz und Alarmpatrouillen, die Teilnehmerinnen müssen nicht nur für jede Kleinigkeit ihrer Ausbildung zahlen, sondern werden auch für die Zukunft schon ausgebeutet und erpresst, zudem steht man für 'Dienstleistungen' bereit usw., ist aber auch bereits in der Gehirnwäsche und dem unbedingten Wunsch nach Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gefangen –, in weiten Teilen auch unabhängig von einem Vorwissen um die Persona des Hauptdarstellers bzw. dessen Personen- und Körperkult, also für jedermann verständlich gehalten, entpuppt sich der gesamte Film als eine positive Überraschung: gut gemeint und gleichzeitig auch gut gemacht. Ein Blick auf das Fantum dahinter wird übrigens weitgehend ausgeblendet, es geht um die Protagonisten vor der Show, die sich teilweise auch gegenseitig sabotieren, und die Macher der Gelddruckmaschine dahinter, nicht die eigentlichen Kräfte in den sozialen Medien, die das Ganze erst durch ihre Teilhabe unterstützen und letztlich refinanzieren. "Don't just sit and watch, remember to vote online!"

Details
Ähnliche Filme