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„Gewalt ist eine Lösung!“

Die fünfte „Tatort“-Inszenierung des Regisseurs Christoph Stark („Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“) basiert auf einem Drehbuch Jochen Bitzers. Es handelt sich um „Tyrannenmord“, den 16. Einsatz für Bundespolizist Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), zugleich der zehnte zusammen mit Bundespolizistin Julia Grosz (Franziska Weisz). Uraufgeführt wurde diese Episode der öffentlich-rechtlichen Krimireihe im September 2021 auf dem 28. Internationalen Filmfest Oldenburg, die TV-Erstausstrahlung folgte am 20. März 2022.

„Du hast nichts getan und trotzdem hast du lebenslänglich!“

Der 17-jährige vermeintliche Diplomatensohn Juan Mendez (Riccardo Campione, „Gladbeck“), Schüler eines südniedersächsischen Elite-Internats, entpuppt sich nach seinem plötzlichen Verschwinden als Lendenspross des Diktators des südamerikanischen Staats Orenaka. Dass dies ausgerechnet passiert, als Juans Eltern (Alexandra von Schwerin, „Helen Dorn“ und Bernhard Leute, „Herbstkind“) auf Staatsbesuch kommen, um über ein Handelsabkommen im Gegenzug für mehr Pressefreiheit zu verhandeln, verleiht der nicht nur für Juans Lehrerehepaar Bergson (Katarina Gaub, „Harter Brocken“ und Christian Erdmann, „Nächste Ausfahrt Glück“) unangenehmen Angelegenheit zusätzliche Brisanz. Bundesbulle Falke soll in diesem Fall ermitteln und wird zu höchster Diskretion verdonnert, an seine Seite stellt man ihm jedoch anstelle seiner eigentlichen Kollegin Julia Grosz den unerfahrenen Jungspund Felix Wacker (Arash Marandi, „Die defekte Katze“). Wer hat Juans bulligen Leibwächter Carlos (José Barros, „Goliath“) ein Getränk mit K.O.-Tropfen verabreicht? Versteckt sich Juan schlicht vor seinen Eltern, wie sein Schulfreund August (Anselm Bresgott, „Windstill“) vermutet, oder haben Regimegegner ihn auf dem Gewissen, wie Juans Freundin Hanna (Valerie Stoll, „Trübe Wolken“) befürchtet? Tatsächlich taucht ein Erpresserschreiben auf, das für eine Entführung spricht…

„…wie in so’ner Bananenrepublik!“

Im Internatsunterricht wird gerade verhandelt, inwieweit Gewalt für politische Lösungen taugt, während die Sicherheitschefin des Diktators eine Demo gegen die Diktatur untersagen will. Falke beweist dabei Haltung; bei manch Zuschauer(in) dürften Erinnerungen an die ungeheuerlichen Vorgänge während der Demonstrationen gegen den Schah von Persien wachwerden. Ein ebenso interessanter wie politischer Auftakt, dazu gesellt sich eine zarte Romanze zwischen Hanna und Juan, der stets seinen Leibwächter an den Hacken hängen hat. Die erste große Frage lautet kurz darauf, wer Carlos aus welchen Gründen derart sediert hat, dass ihm Juan entfleuchen konnte. Die zweite Frage: Wo steckt Juan und weshalb ist er verschwunden? Das klassische Whodunit?-Prinzip wird also nicht nur um die Motivsuche erweitert, sondern auch um das Rätsel, was überhaupt passiert ist.

„Herzinfarkt wär‘ jetzt nicht schlecht – dann wär‘ mein Tag gerettet!“

Das ist reizvoll und spannend, zumal gleich mehrere Figuren sich eigenartig verhalten und sich verdächtig machen – oder zumindest offenbar mehr wissen als die Polizei und das „Tatort“-Publikum. Als sich Juan als Diktatorensohn herausstellt, wird klar, dass reale Fälle wie der des aktuellen nordkoreanischen Machthabers, der eine Schweizer Lehranstalt besuchte, offenbar zu dieser Idee inspirierten. Wird nun also ein spannender Polit-Thriller daraus, in dem die Politik, durch Handelsbeziehungen zu einer Diktatur mehr Freiheiten für deren Volk zu erreichen, nicht nur diskutiert, sondern durch einen gewaltsamen Übergriff radikaler Regimegegner auch torpediert wird – und mittendrin ein mitteleuropäisch sozialisierter Junge, der einfach nur ein normales Leben führen und mit seiner Freundin glücklich werden möchte, aber nun um sein Leben bangen muss?

Leider nein. Stattdessen sehen wir, wie Falke mal mit und mal gegen Carlos ermittelt, der bei seinen eigenen Nachforschungen mit wesentlich rabiateren Methoden vorgeht. Wie ein Todesfall die Spannung eher herausnimmt, statt sie zu erhöhen. Wie ein offenbar fingiertes Geständnis breit ausgewalzt wird, Falke aber trotzdem den richtigen Riecher hat. Und wie eine überkonstruierte, höchst unwahrscheinliche Auflösung den Fall fast aller politischer Brisanz beraubt und den Großteil des Potenzials dieses „Tatorts“ verschenkt. Das ist enttäuschend. Immerhin involviert Falke seine Kollegin Grosz dann doch in die Ermittlungen, sodass Franziska Weisz zumindest zu etwas Bildschirmpräsenz kommt. Internate wie das hier dargestellte kommen nicht gut weg, sie bilden die Basis für ein wenig Sozialkritik – die angesichts der verpassten Chancen dieses Falls eher Alibicharakter hat.

Möhring gibt seinen Falke routiniert raubeinig und mürrisch, inklusive Punk-Soundtrack und dem obligatorischen Glas Milch. Schön und gut. Aber ein wirklicher runder, plausibler und trotzdem gern auch provokativer, harter, vor allem relevanter Fall für diese Figur dürfte es dann schon gern mal wieder sein.

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