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Im Jahr 1988 herrscht im kommunistischen Polen Tristesse: die Läden sind leer, doch die Menschen wollen Konsumgüter. Einzig die US-Kette Pewex hat ein ausreichendes Warensortiment, rechnet jedoch nur in US-Dollar ab, was für die allermeisten Bürger unerschwinglich bleibt. Zdislaw Najmrodzki (Dawid Ohrodnik) zählt dennoch zu den Stammgästen: allerdings erst nach Ladenschluß, denn mit mit ein paar Getreuen räumt er die Pewex-Läden gerne aus, wohlwissend, daß diese keine Alarmanlage besitzen.
Najmrodzki, genannt Najmro, ist allerdings nicht nur ein Einbrecher und Dieb, sondern auch ein Ausbrecher und in dieser Disziplin wahrlich ein König: immer wieder gelingt es dem sehr eloquent und mit höflichen Manieren auftretendem Mittdreißiger, aus dem Knast auszubrechen. Nachdem sich dies herumgesprochen hat, gilt er in Polen ein klein wenig als ein Volksheld, da er die Exekutive ein ums andere Mal schlecht aussehen läßt. Dabei geht er durchaus kreativ zu Werke: mal klebt er Kinoplakate über Schaufenster, bei denen er dann von innen das Glas entfernt, um sie als Fluchtweg zu benutzen, mal läßt er seine als Monteure getarnte Truppe vom Nachbargebäude aus einen Tunnel unter die Haftanstalt graben, durch den er dann türmt. Kommissar Barski (Robert Wieckiewicz) und sein tumber Gehilfe Ujma kommen sich schon richtig verarscht vor, wenn der höfliche Najmro mal wieder entkommen ist und ihnen einen Abschiedsbrief hinterläßt, in denen er ihnen mitteilt, daß der Gefängnisfraß schlicht ungenießbar war.
Bei seinen Kinobesuchen lernt Najmro eines Tages die Filmvorführerin Tereska (Masza Wagrocka) kennen und verliebt sich in sie, da diese ihn trotz seines Charmes übermäßig lange zappeln läßt. Damit wandelt sich auch seine Vorstellung von einem späteren Leben und der Ausbrecherkönig sattelt auf Autodiebstahl und -Schiebereien um. Mit dieser nicht ganz so spektakulären Einkommensquelle tauchen dann jedoch Probleme mit seinem jungen Helfer Antos (Jakub Gierszal) auf, der einem Kunden den mit dem Chef ausgehandelten Rabatt gewaltsam wieder abnimmt, was Najmro, der bestimmte Prinzipien nie verletzt, nicht dulden kann und ihn rausschmeißt. Der junge Bursche verpfeift ihn daraufhin bei der Miliz und so sitzt Najmro ein weiteres Mal hinter schwedischen Gardinen. Diesmal jedoch stellt ihm Tereska eine Bedingung: er soll nicht wieder türmen, sondern seine Strafe absitzen - dafür würde sie die 10 Jahre dauernde Haftzeit auf ihn warten...

Eine Krimi-Komödie mit einer durchaus eigenwilligen Kameraführung serviert der polnische Regisseur Mateusz Rakowicz mit seinem Bio-Pic Najmro, das die Lebenstationen des populären polnischen Ausbrecherkönigs ab der Vorwendezeit beleuchtet. Dabei arbeitet das Drehbuch weniger mit ausgetüftelten Plänen oder konkreten Actionszenen als vielmehr mit einem in buntschillernden Farben (vor allem Rottönen) inszenierten Reigen über einen Mann, der nicht viel Worte macht, sondern seinen Mitmenschen meist mit einem feundlichen Lächeln gegenübertritt.

Viel Wert legt die Regie auf Ostblock-Nostalgie und läßt die Darsteller nicht nur in zeitgenössischen Klamotten und Frisuren auftreten, sondern auch entsprechende Fahrzeuge auffahren, wobei Exemplare des Polonez der Firma FSO (einem der ganz wenigen polnischen Autobauer) öfters durchs Bild fahren. Auf dieses, auch von der Miliz häufig genutze Fahrzeug, "spezialisiert" sich Najmro natürlich besonders gerne, nachdem er entdeckt hat, daß sich dessen hinteres Seitenklappfenster leicht mit einem Tennisball öffnen läßt...
Diese und weitere durchaus verspielte Details (wie Najmros Vorliebe für die Sendung 997 Milicja, eine Art polnisches Aktenzeichen XY ungelöst, in der er oft erwähnt wird oder auch Najmros Mutter, die sich einen jungen Hippie als Lover gönnt) bestimmen den Streifen, dessen eigenwillige Bildführung auch gerne mal in einer Zeitlupe verharrt und die bunten Szenerien mit damals aktuellen Musiktiteln (sprich: westlichem Funk- und Discosound mit polnischen Texten) unterlegt.
Gleichwohl das Bio-Pic bei der Wiederbegegnung mit Antos, der im Polen der Nachwendezeit zu einem koksenden Mafiosi geworden ist, auch mal ungemütlich wird, ist es am Ende Najmro, auf den sie die Schnapsgläser zum wiederholten Male erheben.

Fazit: als bunter Reigen ohne dramatische Höhepunkte oder gar Tiefgang feiert der Streifen um den galanten Ausbrecherkönig mit seiner spezifischen Bildführung auch ein bißchen sich selbst, verbreitet dabei aber meist gute Laune und ist als Film der Kategorie "mal was anderes" durchaus einen Blick wert: 6 Punkte.

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