Dänemark gegen Ende des 2. Weltkriegs: Der etwa 10-jährige Henry (Bertram Bisgaard Enevoldsen) ist gerade mit dem Fahrrad unterwegs, als er unmittelbar einen Tiefflieger-Angriff der britischen Royal Air Force auf ein einzelnes Fahrzeug miterlebt - der Anblick des völlig zersiebten Autos mit 4 Leichen verstört ihn derart, daß er daraufhin nicht mehr sprechen kann. Von seiner Mutter zur Schwester nach Kopenhagen gegeben, soll er mit deren beiden jungen Mädchen Rigmor (Ester Birch) und Eva (Ella Josephine Lund Nilsson) in die Schule gehen - vielleicht findet er in deren Gemeinschaft wieder seine Sprache.
Der Krieg für die deutschen Besatzer ist zwar längst verloren, dennoch verfolgt die Gestapo in ihrem Hauptquartier in Kopenhagen unnachgiebig dänische Widerständler, unterstützt von dänischen Kollaborateuren, den Hi-Pos. Ein solcher Hilfspolizist ist auch der junge Frederik (Alex Høgh Andersen), der von seinem Vater dafür gehasst wird, selbst nicht mehr vom Sinn seiner Tätigkeit überzeugt ist, aus Trotz aber zunächst noch weitermacht. Dies ändert sich erst, als er die Nonne Teresa (Fanny Bornedal) kennenlernt, die ihm gegenüber recht forsch auftritt und ihn als "den Teufel" bezeichnet.
Teresa nämlich hegt anhand des Krieges Zweifel an ihrem Glauben und sucht Gott in bestimmten Handlungen, auf die sie sich Reaktionen "von oben" erwartet. Doch nicht einmal als sie sich selbst peitscht, geschieht Nennenswertes, und so fordert sie den zufällig anwesenden Hi-Po Frederik auf, sie einfach zu küssen - wird Gott sie für diese offensichtliche Sünde bestrafen?
Daneben bereiten sich junge britische Bomberpiloten darauf vor, in Dänemark einen gezielten Angriff gegen die NS-Diktatur zu fliegen: Mitten in Kopenhagen wollen sie das Shell-Haus, einen großen Gebäudekomplex und Sitz der Gestapo, in Schutt und Asche legen. Zu den Piloten zählen auch jene beiden, die das Fahrzeug aus der Eingangsszene zerstört hatten - ein fataler Irrtum übrigens, denn statt Gestapoleuten saßen darin drei junge Mädchen am Weg zu einer Hochzeit. Ob dieser Angriff auf ein Punktziel mitten in einer Großstadt, wo es von Zivilisten nur so wimmelt, besser gelingen wird...?
Drei kurze Momentaufnahmen dreier Kriegsschicksale, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, werden in der dänischen Netflix-Produktion Schatten in meinen Augen parallel zueinander beleuchtet, wobei den Kindern am meisten Raum gegeben wird. Während diese ihren Alltag meistern, die Mädchen ihren sprachlosen Cousin nach Kräften aufzumuntern versuchen und dabei manche Begebenheit in geradezu entwaffnend kindlich-harmloser Weise hinterfragen und erklären, nutzt Schwester Teresa in der französischen Schule ihre vorübergehende Klassenaufsicht dazu, den Kindern eine höchst unkonventionelle Sicht auf Gott nahezubringen: "Läßt Gott einen Bleistift fallen?" Nicht weit davon entfernt beschließt Frederik, seine Uniform abzulegen und sich als Zivilist durchzuschlagen, während sich über dem Dach der Kopenhagener Gestapo-Zentrale Unheil zusammenbraut: in drei Staffeln sind die britischen Bomber bereits im Anflug...
In unaufdringlichen Bildern, denen jegliche Ikonenhaftigkeit und jegliches Pathos angenehm fern ist, läßt Regisseur Ole Bornedal seine Darsteller in aller Ruhe vor dem (historisch belegten) Bombardement agieren, begleitet von dezentem Klavierspiel und Streichern. Der Film fokussiert ganz auf das Leben von Zivilisten, die in einer bisher (vergleichsweise) wenig vom Krieg betroffenen Großstadt leben und ganz unmittelbar von einem Luftangriff getroffen werden. Gleichwohl es keine(n) Hauptdarsteller(in) im eigentlichen Sinn gibt (und Helden schon gleich gar nicht) muß besonders das hervorragende Spiel der Kinderdarsteller (und die diesmal tadellose deutsche Synchronisation) gelobt werden - deren Darbietung ist nämlich schlichtweg großartig. Gerne würde man mehr von diesen kleinen Helden des Alltags erfahren und gehört haben, doch tickt die Uhr (in Form des Bomberkommandos) unerbittlich, in der zweiten Filmhälfte fast schon in Echtzeit.
Am Ende gibt es keine Helden, stattdessen bittere Momente der Erkenntnis - Krieg ist nie selektiv und fordert immer Opfer unter der unschuldigen Zivilbevölkerung. Diese in eindrucksvollen Bilder dargebrachte Aussage des Films mag einem vor dem Hintergrund des aktuellen sowjetischen Angriffskriegs auf die Ukraine umso eindringlicher erscheinen, doch auch ohne diese bedrückende Realität bleibt Schatten in meinen Augen ein sehenswert inszenierter (Anti-)Kriegsfilm. Prädikat: absolut empfehlenswert - 9 Punkte.