Alles sieht gut aus im Leben von James Whitehouse (Rupert Friend), seines Zeichens britischer Minister of Parliament und Vertrauter des Premierministers: die erfolgreiche Gattin Sophie (Sienna Miller) an seiner Seite, dazu zwei nette Kinder, sprich eine richtige Musterfamilie - und dann sowas: eine mehrmonatige Affäre mit einer jüngeren Mitarbeiterin kommt ans Licht. Nicht nur, daß der erfolgreiche Oxford-Absolvent diesen Seitensprung seiner Frau gegenüber eingestehen muß und die Familie des Politikers damit besonders im Rampenlicht der britischen (Regenbogen-)Presse steht, sondern auch ein Vergewaltigungs-Vorwurf seiner Affäre Olivia Lytton (Naomi Scott) steht auf der Tagesordnung - angeblich war ein weiteres Treffen nach Beendigung der Liebschaft, das mit einer schnellen Nummer im Fahrstuhl endete, nicht mehr einvernehmlich, sondern von James Whitehouse erzwungen. So jedenfalls präsentiert die junge und engagierte Staatsanwältin Kate Woodcroft (Michelle Dockery) dem Gericht die mit zahlreichen Gutachten versehenen Unterlagen.
Was nach einem handfesten Skandal inklusive jähem Karriereende riecht, gestaltet sich zunächst jedoch vielversprechend für den Politiker: Gattin Sophie verzeiht ihrem Gatten nach außen hin den Seitensprung, begleitet ihn und sitzt an den Verhandlungstagen auf der Gerichtstribüne. Zudem glaubt sie seinen Beteuerungen, daß an den Vergewaltigungs-Vorwürfen nichts dran ist. Auch der unter Druck geratene Premierminister hält, trotz gegenteiliger Ratschläge seines Presseberaters, an seinem langjährigen Weggefährten und persönlichen Freund fest.
Doch die Staatsanwältin gräbt immer tiefer in Whitehouse´ Vergangenheit und langsam ergibt sich daraus ein wenig schmeichelhaftes Bild von dessen Karriere und Werdegang: auf der einen Seite eine allseits bewunderte und beliebte Sportskanone war James in seiner Studentenverbindung Libertine gleichzeitig auch ein rücksichtsloser Schürzenjäger, der seine damalige Freundin nach Strich und Faden belog und betrog und sich dabei kraft seines Namens und Rufes einfach nahm, was er haben wollte...
Erfolgreiche Politiker zu demontieren ist immer ein dankbares Thema, und so bauen die Drehbuchautoren David E. Kelley und Melissa James Gibson basierend auf einer Romanvorlage auch behutsam das Bild eines aalglatten Karrieristen auf, der immer nur soviel zugibt, als ihm tatsächlich nachzuweisen ist. Anatomie eines Skandals arbeitet mit einer typischen #MeToo-Thematik, die in 6 Episoden zu je etwa 45 Minuten mittels einiger Rückblenden das anvisierte weibliche Zielpublikum ins Bild setzt und seine Spannung vor allem daraus bezieht, daß der einst nicht nur mit Champagner um sich spritzende Klassenprimus auch im aktuellen Fall das Glück gepachtet haben und ungeschoren davonkommen könnte, gleichwohl dessen gezeigte Verhaltensweisen eher auf ein Zutreffen des Vergewaltigungs-Vorwurfs hinweisen...
Leider wird nach 3 Folgen - also etwa in der Mitte der Serie - eine völlig unglaubwürdige (Neben-)Geschichte eingefügt, die das weitere Geschehen nachhaltig prägen wird - ab da fällt es schwer, dem Plot noch ernsthaft zu folgen: zu konstruiert wirkt diese Begebenheit (Stichwort: optische Veränderung), auf die aus Spoilergründen aber nicht näher eingegangen werden soll. Schließlich erfolgt ganz zum Schluß dann noch ein Plot Twist, der für das Zielpublikum vermutlich eine (erfreuliche) Überraschung darstellt, sich für den geneigten Krimifreund (der explizit nicht zum Zielpublikum zählt) jedoch schon wesentlich früher angekündigt hat.
Fazit: Ein über weite Strecken nachvollziehbares (Gerichts-)Drama um einen wenig sympathischen Musterpolitiker, dessen wahre Hintergründe - routiniert abgefilmt - lange zurückgehalten und durchaus spannungsfördernd nur scheibchenweise serviert werden, das sich aber mittels erwähnter, an den Haaren herbeigezogener Nebenstory selbst ad absurdum führt und am Ende mit seiner (viel zu schnell und kurz abgehandelten) finalen Wendung nur heiße Luft für das #MeToo-Filmgenre produziert. Angesichts dieses plakativ-platten finalen Knalleffekts geraten die zuvor gezeigten, durch die Bank überzeugenden darstellerischen Leistungen von Michelle Dockery, der ambivalent agierenden Naomi Scott oder auch von "Mr. Teflon" Rupert Friend zu sehr ins Hintertreffen. 6 Punkte für die leider nicht ganz sauber zu Ende geführte Anatomie eines Skandals.