„Geister existieren nicht.“
Ursprünglich sollte die Fortsetzung des „Tanz der Teufel“-Remakes „Evil Dead“ aus dem Jahre 2013 eine Direct-to-Streaming-Produktion werden. Glücklicherweise entschied sich die Produktionsfirma New Line um und brachte den von Lee Cronin (zweiter abendfüllender Spielfilm nach seinem Debüt „The Hole in the Ground“) inszenierten „Evil Dead Rise“ im Jahre 2023 – satte zehn Jahre nach dem gelungenen Vorgänger also – weltweit in die Kinos. Unter den Produzenten finden sich erneut Sam Raimi und Bruce Campbell, zwei der Schöpfer des berüchtigten und ikonischen Originals aus dem Jahre 1981.
„Ich werde deine Seele verschlingen!“
Gitarrentechnikerin Beth (Lily Sullivan, „Das Mädchen deiner Träume“) beendet gerade eine Tournee mit einer Rockband, als ihr auf einer dreckigen Clubtoilette durchgeführter Schwangerschaftstest positiv ausfällt. Hilfesuchend sucht sie ihre ältere Schwester, die Tätowiererin Elle (Alyssa Sutherland, „Der Teufel trägt Prada“), in Los Angeles auf, die dort mit ihren drei Kindern Bridget (Gabrielle Echols, „Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie“), Danny (Morgan Davies, „Devil's Playground“) und Kassie (Nell Fisher) eine Wohnung in einem dem baldigen Abriss geweihten Hochhaus lebt. Der Familienvater ist bereits vor geraumer Zeit abgehauen, wovon Beth jedoch erst nach ihrer Ankunft erfährt, da sie entsprechende Nachrichten Elles gar nicht erst abgehört hat. Elle hat also selbst genug Probleme und soll nun auch noch ihrer von ihr als „Groupie“ diskreditierten kleinen Schwester helfen, die noch nicht einmal ihre Nachrichten abruft und offenbar nicht einmal für sich selbst Verantwortung übernehmen kann? Doch es werden noch weitaus schwerwiegendere Probleme auf die Familie zukommen: Ein Erdbeben reißt ein Loch in den Fußboden der Tiefgarage, in dem Danny ein Gewölbe voller altertümlicher, religiös konnotierter Artefakte sowie Schallplatten und das „Necronomicon“ – ohne von dessen Bedeutung etwas zu ahnen – entdeckt. Die Platten und das unheimliche Buch nimmt er mit in sein Zimmer. Als der Hobby-DJ das Vinyl abspielt, erklingt die Stimme eines Priesters, der von seinen Experimenten mit Dämonenbeschwörung berichtet und jene schwarzmagische Formel ausspricht, die die dämonische Entität befreit. Diese befällt zunächst Elle und versucht anschließend, der ganzen Familie den Garaus zu machen – die verzweifelt versucht, sich im aufgrund des Erdbebens weitestgehend von der Außenwelt abgeschnittenen Hochhaus zu schützen und um ihr Überleben zu kämpfen…
Bevor es einen nach L.A. und in damit für die „Tanz der Teufel“-Reihe ungewohnte Gefilde verschlägt, wohnt man einem Prolog irgendwo in der Natur bei, wo ein paar Teenies oder Twens zu urlauben gedenken, aber aufgrund dämonischer Umtriebe teils skalpiert, teils getötet werden. Der Dämon, hier im Körper einer jungen Frau, zeigt sich ungewohnt literarisch, indem er aus dem Schauerliteraturklassiker „Sturmhöhe“ zitiert. Und die Kamera nutzt früh die Gelegenheit für eine Reminiszenz ans Original in Form einer rasanten Fahrt der subjektiven Kamera.
Die Ereignisse in L.A., die die eigentliche Handlung ausmachen, spielen chronologisch einen Tag vorher. Die aus interessanten Figuren bestehende Familie wird einem in angenehmem Erzähltempo nahegebracht: Mutter Elle Tätowiererin, Tante Beth Gitarrentechnikerin mit Ambitionen zu mehr, Sohn Danny begeistert mit Analogtechnik hantierender DJ und die ältere Tochter Bridget ein smarter, feministischer, politisch wacher und engagierter Lisa-Simpson-Verschnitt, während die kleine Kassie mit ihrer Puppenmodifikation durch radikalen Enthauptungsscherenschnitt mehr nach Wednesday Addams zu kommen scheint. Man ist alles andere als vermögend, schlägt sich aber solidarisch und halbwegs harmonisch durch den Alltag und hat sich gegenseitig gern.
Jedoch dauert es ist nicht lange, bis der Dämon von Elle Besitz ergreift, die sich daraufhin auch optisch derart verändert, als wolle sie einen Marilyn-Manson-Ähnlichkeitswettbewerb gewinnen. Lacher jedenfalls gibt es nach dem schwarzhumorig auslegbaren Prolog kaum noch, stattdessen bestimmten fiese Fratzen, Ekelszenen, brutale Gewalt, Bodyhorror und später auch Splatter die Szenerie, wenn der familiäre Schutzraum zusehends zerstört und die schwangere Beth immer stärker in eine verantwortliche Mutterrolle hineingedrängt wird. Überlebenskampf und Horror bestehen dabei mitnichten ausschließlich aus Action und grafisch expliziter Eskalation, sondern auch aus ruhigeren, unheimlichen Momenten, in denen sich das Böse sprichwörtlich anschleicht oder vermeintliche Sicherheit sich nach und nach als Trugschluss erweist. Die Kamera zieht dabei alle Register, das Grauen in all seinen Formen zu illustrieren. Hervorzuheben sind die Blicke durch den Türspion auf den Hausflur, die mehr verbergen, als – wie die Geräuschkulisse auf der Tonspur beweist – gerade geschieht, aber dennoch mehr zeigen, als einem lieb sein dürfte. Leider ist die Ausleuchtung mitunter etwas sehr schummrig geraten. Ansonsten gibt es an „Evil Dead Rise“ visuell wenig zu beanstanden: Die Kulissen sind mit ihrem realistischen Look toll geraten und störend klinisch oder künstlich ausgefallene CGI sind mir keine aufgefallen.
„Evil Dead Rise“ geht Insofern kompromisslos vor, als er die Dämonen vor Kindern nicht Halt machen lässt und man tatsächlich nie weiß, wem es als nächstes an den Kragen gehen wird. Letzteres erhöht die Spannung und da die Figuren ausreichend sympathisch gezeichnet werden, ist man mit ihnen mitzufiebern geneigt. Ungewohnt, aber auch eine willkommene Abwechslung ist der urbane Handlungsort, der nach dem Erdbeben dennoch ein klaustrophobisches Isolationsgefühl entfacht. Neben der obligatorischen Kettensäge steht ein sogar noch zerstörerischeres Werkzeug parat, das das Blut auch diesmal regnen lässt, zudem steckt der Film voller versteckter Anspielungen auf die ursprüngliche Reihe sowie andere Genregrößen.
Nell Fisher als Kassie ist ein engelsgesichtiges, unnerviges, offenbar schauspielerisch tatsächlich talentiertes kleines Mädchen, Morgan (ehemals Morgana) Davies gibt als ihr Bruder den Musikfreak, der Regale voller Schallplatten und entsprechendes Audioequipment hat, das wahlweise Lust auf oder auch Angst vor analoger Technik macht. Auf dem ersten Kellerfundstück, das er damit abspielt, ist dann auch Bruce Campbell zu hören, der als Zeitreisender offenbar versuchte, den Priester dazu zu bringen, das Necronomicon zu zerstören. Ferner erfährt man von diesen Platten, dass offenbar drei Exemplare des Buchs existieren. In diesem Kontext klafft aber auch die wohl größte Logiklücke des Films: In den 1920ern gab es noch gar keine Vinyl-Schallplatten, sondern lediglich welche aus Schellack, die Danny wiederum mit seinen Plattenspielern gar nicht hätte abspielen können…*
Alyssa Sutherland spielt ihre antagonistische Rolle wahrlich furchterregend, sieht aber auch von vornherein irgendwie ein wenig unheimlich aus. Die Entdeckung des Films jedoch ist Gabrielle Echols, die, obwohl oder vielleicht auch gerade weil burschikos zurechtgemacht, einen äußerlich wie charakterlich interessanten, nicht alltäglichen Rollentypus einbringt und sich als Nachwuchsschauspielerin für weitere Produktionen empfiehlt. Nach seinem infernalischen Showdown mit fiesen Mutationen und noch einmal gallonenweise Kunstblut verknüpft ein Epilog den Prolog mit dem Vorausgegangenen und rundet einen heillos überzogenen, bösen, Mainstream-Kino-Grenzen auslotenden, dabei jedoch nicht bis zum Alleräußersten gehenden und zuweilen etwas arg konstruierten Horrorfilm ab, der sich gut in die Filmreihe einfügt und sich zugleich wohltuend von seinen Vorgängern abhebt, um nicht nur ein Aufguss von Altbekanntem zu sein.
Ob das das Unheil an die Oberfläche holende Erdbeben eine Allegorie auf die Unmöglichkeit sicherer Atommüllendlager darstellen und die Wandlung Elles zu einem grauenerregenden Bösen die Dämonisierung feministischer, tätowierter, fortschrittlicher und selbstbewusster Frauen aus der Arbeiterklasse durch eine konservative, patriarchale Gesellschaft versinnbildlichen soll, sei einmal dahin-, aber gern zur Diskussion gestellt. In jedem Falle aber handelt es sich um einen Film über die Kraft von Mutterinstinkten mit starken weiblichen Rollen.
* Edit, 11.05.2023: Hierbei bin ich einem Irrtum aufgesessen: Offenbar gibt es Vinyl-Plattenspieler, die auch Schellack-Platten abspielen, nur eben zu langsam. Deshalb dreht Danny sie im Film mit seiner Hand schneller. Keine Logiklücke also!