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Der gemeinsam erlebte raue Alltag rivalisierender Fußball-Hooligans und Jugend-Gangs im polnischen Gdansk/Danzig schweißte drei junge Leute einst zusammen - gut 10 Jahre später jedoch haben sie unterschiedliche Laufbahnen eingeschlagen: während der Kampfsportler Kaszub (Wojciech Zielinski) immer noch bei den Hooligans ist und die gewalttätige Gruppe der titelgebenden Furioza anführt, hat sein Bruder Dawid (Mateusz Banasiuk), dereinst wegen Feigheit mehr oder weniger verstossen, ein Medizinstudium absolviert und ist nun als Arzt tätig. Die dritte im Bunde ist Dawids ehemalige Jugendliebe Ewa Drzewiecka (Weronika Ksiazkiewicz), die zur Polizei ging.
Die auffällig tätowierte 'Dzika' ist es dann auch, die den Kontakt wieder herzustellen versucht, indem sie den Arzt einbestellt und ihn dazu auffordert, sich als Informant unter die Truppe seines großen Bruders zu mischen. Einige Delikte gilt es aufzuklären, die die Polizei dem Furioza-Skinhead Golden (Mateusz Damiecki) zuschreibt, diesem aber nichts nachweisen kann, weswegen man sich an Dawids großen Bruder Kaszub als Gangleader halten wird, dem somit eine langjährige Gefängnisstrafe droht. Dawid ist alles andere als begeistert, doch die Sorge um den älteren Bruder, vor allem aber ein gewisser Schuldkomplex (er hatte seinerzeit bei einer tödlichen Messerstecherei vor lauter Schreck nur "zugeschaut" statt einzugreifen) lassen ihn dann doch dem Ansinnen seiner ehemaligen Freundin Folge leisten und er läßt sich im Clubheim der Furiozas blicken. Dort, wie auch im Haus seines Bruders schlagen ihm allerdings erst einmal Mißtrauen und Vorurteile entgegen, während er zaghaft bei einer verabredeten Massenschlägerei mitmischt. Doch nicht nur die Prügeleien stoßen ihn ab, sondern auch der Umstand, daß sich einige Furiozas, angeführt von Wortführer Golden, als Handlanger für örtliche Drogenschmuggeler betätigen, was Furioza-Leader Kaszub übrigens rundweg ablehnt. Somit sind es gleich mehrere Wespennester, in die der junge Arzt, der kein Verräter sein will, hineinstechen könnte, nur um seinen Bruder, der von der heiklen Mission nichts ahnt, zu retten...

Mit seinem Sozialdrama Furioza stellt der polnische Regisseur Cyprian T. Olencki eine im Westen vermutlich wenig bekannte Subkultur vor: polnische Hooligans, in einem Fanclub organisiert, gemeinsam Fußball spielend wie auch Kampfsport übend, die sich mit Gleichgesinnten im Wald treffen und sich dabei ordentlich die Rübe einhauen, bis keiner mehr steht. Obligatorische Blessuren werden dabei scheinbar locker weggesteckt wenn man hinterher bei Bier, Schnaps und Tiefkühlpizza im Clubheim hockt und Pläne für das nächste Match ausheckt. Für die gegenerischen Hooligans - hier die Truppe um deren Anführer Mrówka (Szymon Bobrowski), einen mit eintätowierten Ameisen am kahlen Schädel beeindruckend häßlich auftretenden Clubbesitzer - hat man immerhin so etwas wie Respekt übrig, der schlimmste Feind ist jedoch wie so oft die Exekutive, die man jedoch mit einem ganz eigenen Humor ("Was haben sie gestern nacht gemacht?" - "Ich habe Jesusfiguren geschnitzt, das ist mein Hobby" - "Wo sind die?" - "Ich habe sie verbrannt" etc.) zu verarschen versucht, wo immer es geht. Dergleichen Humor hilft (vor allem dem Zuschauer) über die allgegenwärtige und durchaus nicht versteckte Brutalität (mit amputierten Armen oder dem gezielten Einsatz einer Mistgabel) des ohne Pathos wie auch ohne jeglichen Tiefgang auskommenden Films hinweg.
 
Jene eingefahrenen Strukturen, der toughen Polizistin Dzika nur allzugut bekannt, versucht diese mittels ihres ex-Freundes Dawid aufzubrechen, indem sie den wankelmütigen Arzt zu Spitzeltätigkeiten nötigt. Der entscheidende Hebel dafür sind jedoch nicht die ständigen Schlägereien, sondern der Drogenschmuggel, bei dem Discobesitzer Mrówka schon längere Zeit mitmischt. Daß der selbstbewußt auftretende Skinhead Golden, die schillerndste Persönlichkeit der Furiozas, wegen des Kokains nunmehr eine - wenigstens zeitweilige - Kooperation mit ebenjenem verfeindeten Hooligan-Anführer Mrówka eingeht, führt unweigerlich zu einem Konflikt, der schon bald ausbricht.

Trotz der wenig einladenden Begleitumstände weiß Furioza über die volle Distanz gut zu unterhalten, was vor allem an den authentisch agierenden Darstellern liegt: während die nach außen eisenharte Dzika in ihrer Rolle als Einzelkämpferin sich auch private Momente mit Ex-Freund Dawid gönnen darf, strahlt besonders der charismatisch auftretende Golden eine gewisse Faszination aus: mit dem Furioza-Schriftzug auf der (meist unbekleideten) Brust stellt er schon optisch eine einzige Provokation dar, doch läßt der Glatzkopf seinen großen Sprüchen stets entsprechende Taten folgen und stellt mit zunehmender Filmdauer somit immer mehr den - unausgesprochenen - Führungsanspruch in der Gruppe. Diese beiden schillernden Persönlichkeiten (gegen die die anderen Darsteller trotz ordentlicher Leistungen deutlich abfallen) tragen den Film alleine - und das ist ein großes Lob, denn storytechnisch bietet dieser Thriller um machtlose Polizisten gegen gewitzte Hooligans nicht wirklich etwas Neues.

Einer weiteren Verbreitung entgegen steht der Umstand, daß es Furioza auf Netflix vorerst nur im polnischen Original mit (deutschen) Untertiteln gibt und man vor allem in der ersten halben Stunde sehr gut aufpassen muß, die verschiedenen Zusammenhänge zu verstehen - dann jedoch macht es durchaus Spaß, dem ungewohnten Treiben (auch ohne jegliche persönliche Präferenzen) zuzusehen, und selbst die Überlänge von 139 Minuten tut dem Vergnügen keinen Abbruch: 8 Punkte.

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