Der gute alte Brudermord. Wie schon im bekannten „Hamlet“ ist auch im dritten Langfilm von Regisseur Robert Eggers dies der Auftakt zu einer Geschichte der Rache, wobei die zugrundeliegende Vorlage ebenfalls Shakespeare als Inspiration für sein Werk diente. So schließt sich der Kreis.
Hier ist es der junge Amleth, Sohn des Stammesführers Aurvandil, der im Jahre 895 mit ansehen muss, wie sein Vater von dessen Bruder Fjölnir ermordet wird. Amleth gelingt die Flucht über das Meer, er schwört Rache. Jahre später macht er sich daran, diesen Schwur in die Tat umzusetzen.
Wenn man die vorigen Werke von Eggers „The Witch“ und „Der Leuchtturm“ gesehen hat, kann man sich grob vorstellen, welche Art von Film einen hier erwartet. Und so ist „The Northman“ ein detailliert ausgestattetes Rachedrama geworden, das durchaus Schauwerte vorweisen kann. Gedreht vor allem im Norden Irlands, sind die Landschaften ein Highlight für sich, ebenso wie das Produktionsdesign der Umgebung. Wenn es mal Action gibt, ist diese roh und blutig und all dies wurde von Kameramann Jarin Blaschke, der schon Eggers vorige Filme bebilderte, sehenswert eingefangen.
Letztlich kann man sich aber mehr an dem Wie als an dem Was ergötzen. Denn bei all der sehenswerten Ausstattung und den teils überwältigenden Bildern blieb mir der große emotionale Zugang zum Film verwehrt. Die Motivationen sind nachvollziehbar, in ihrer Brutalität auch der Zeit und dem Szenario angemessen, und doch – mitgerissen hat es mich nicht. Was vielleicht auch daran liegt, dass das Grundgerüst der Story recht einfach gehalten ist für diese 137 Minuten und ab und an auch mal auf der Stelle tritt.
Dabei unterfüttert Eggers die Geschichte mit allerlei mythologischen Szenen, die der vorhandenen Atmosphäre zuträglich sind und trotzdem dem nüchternen Ton der Inszenierung Rechnung tragen. Von diesen sagenhaften Elementen hätte es gerne mehr geben dürfen, um das Szenario mit Leben zu füllen. Der Score ist mitunter archaisch, mitunter gefällig.
Der Cast überzeugt überwiegend. Alexander Skarsgard als vom Hass Getriebener ist ein Tier, sowohl in physischer Präsenz, als auch in der Verfolgung seines Plans. Claes Bang als Fjölnir fehlt es da etwas an Charisma, Anya Taylor-Joy macht ihre Sache recht ordentlich. Ethan Hawke als Amleths Vater und Willem Dafoe als Heimir haben leider nur kurze Auftritte, sind in ihren Szenen aber gut eingesetzt. Nur Nicole Kidman, wenn sie auch starke Szenen hat, mag mit ihrem manipulierten Gesicht nicht so recht in die Umgebung passen und hat mich immer wieder mal rausgerissen.
Rache gebiert Rache und führt in den Untergang. Wer den auf der gleichen Vorlage beruhenden "Hamlet" kennt, weiß, wo das alles hinführt. Eggers Wikingerepos ist bildgewaltig, fühlt sich schön authentisch an, ist detailreich und dreckig. Optisch bleibt da was hängen, richtig abgeholt hat es mich letztlich nicht. Es bleibt stets eine Distanz zu den Figuren und das trotz einem gut aufspielenden Ensemble. Ich kann der Geschichte eine gewisse Redundanz nicht absprechen und auf emotionaler Ebene konnte er mich nicht ausreichend mitnehmen.
Und trotzdem bin ich dankbar für solche Filme. Allein schon als Gegengewicht.
Wer diese Art mag, dem sei „Valhalla Rising“ von Nicolas Winding Refn oder „The Green Knight“ von David Lowery empfohlen (die mir beide mehr zusagten).