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Runen, Rache, Ragnarök: Robert Eggers’ nordisches Epos

Manchmal kommt ein Film daher wie ein Schlag mit der stumpfen Seite einer Streitaxt: wuchtig, archaisch, kompromisslos. Robert Eggers' The Northman, ist genau so ein Erlebnis. Der Regisseur, bisher bekannt für das klaustrophobische Schwarz-Weiß-Hexengruseln The Witch und das beklemmende Kammerspiel The Lighthouse, wagt sich hier an die große, blutgetränkte Rache-Saga. Und man merkt sofort: Dieses Mal hatte er ein fetteres Stück vom Budget-Kuchen auf dem Teller. Statt flackernder Kerzen in finsteren Kammern bekommen wir nun brennende Dörfer, brodelnde Vulkane und Schlachten, die sich anfühlen, als hätte man eine nordische Mythologie-Illustration direkt ins Kino gebeamt.

Doch bei aller Opulenz und Bildgewalt bleibt eine Frage hängen wie kalter Rauch im Wikinger-Langhaus: Trägt die Story dieses überdimensionierte Schlachtengemälde wirklich – oder ist der Muskelpanzer am Ende doch ein wenig zu dünn, um die mehr als zwei Stunden Laufzeit zu stemmen?

Ein Racheepos alter Schule

Die Geschichte von The Northman ist so klassisch, dass man sie in einen Runenstein meißeln könnte: Der junger Prinz Amleth (Alexander Skarsgård), dessen Vater brutal ermordet wird, schwört ewige Rache. „Ich werde dich rächen, Vater. Ich werde dich retten, Mutter. Ich werde dich töten, Fjölnir.“ Drei Sätze, die wie in Stein gemeißelt wirken, bilden den emotionalen Motor des Films. Klar, das kennt man: Verrat, Exil, Rache – seit Hamlet und Conan der Barbar wurden ganze Bibliotheken damit gefüllt. Doch Eggers streut reichlich Runenstaub über diese altbekannte Handlung. Er verpackt die Rachegeschichte in tranceartige Rituale, Visionen und halluzinatorische Einschübe. Mal ist das hypnotisch und packend, mal droht es, den Fluss zu hemmen, denn gerade im Mittelteil stolpert das Ganze ein wenig über seine eigene epische Wucht. Sobald Amleth als Sklave auf der isländischen Farm seines Onkels landet, schaltet The Northman in den Leerlauf. Statt den direkten, kompakten Racheweg zu gehen, verliert der Film Energie, dehnt Szenen aus und verliert sich in rituellen Bildern. Klar, atmosphärisch hat das was – aber dramaturgisch fühlt es sich streckenweise an, als würde man in einem Fjord rudern, der einfach nicht enden will. Ein kompakterer Ansatz hätte die Schlagkraft der Handlung deutlicher hervorgehoben. So bleibt das Gefühl: starke Szenen, ja – aber kein durchgehend scharf geschmiedetes Schwert.

Wikingerwut zwischen Axt und Arthouse

Die Atmosphäre ist eine der größten Stärken des Films, sie trieft richtig vor nordischer Mystik. Nebelschwaden, Vulkangestein, brennende Dörfer, flackernde Fackeln vor tiefschwarzem Himmel, das Glühen der Lava im Finale. Jarin Blaschkes Kameraarbeit ist schlicht atemberaubend. Ob endlose Plansequenzen, in denen Amleth wie ein Raubtier durch ein Dorf wütet, oder die hypnotisch stillen Momente, in denen Feuer, Blut und Körper ineinanderfließen – visuell ist das ein Fest. Wenn The Northman in den Kampfmodus geht, dann richtig. Schwerter krachen, Körper explodieren in choreographierter Gewalt, und Alexander Skarsgård wird zu einer Urgewalt aus Muskeln und Raserei. Er kämpft nicht wie ein geschmeidiger Held, sondern wie ein Tier, das ums Überleben ringt. Eggers inszeniert die Gewalt mit brutaler Direktheit, ohne sie zu glorifizieren. Kein Hochglanz-Choreografie-Ballett, sondern rohe, dreckige Auseinandersetzungen. Besonders die große Schlacht im Dorf oder der finale Showdown am Vulkan, sind von archaischer Wucht. Doch gerade, weil diese Szenen so stark sind, fällt das Leerlauf-Gefühl im Mittelteil umso stärker auf. Man wartet förmlich darauf, dass Eggers die Axt wieder schwingen lässt.

Alexander Skarsgård trägt den Film mit einer Präsenz, die man kaum anders beschreiben kann als: animalisch. Sein Charakter ist eine Naturgewalt, ein Berserker, der eher durch Körper als durch Worte erzählt. Es ist beeindruckend, wie viel er allein durch Mimik, Gestik und physischen Ausdruck transportiert. Man glaubt ihm jedes Knurren, jeden Schlag, jeden tierhaften Ausbruch. An seiner Seite überzeugt Anya Taylor-Joy mit geheimnisvoller Ausstrahlung und ist ein faszinierender Gegenpol zu Skarsgårds brutaler Direktheit. Ihr Charakter ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern eine Figur mit subtiler Stärke und Magie, die Amleth immer wieder erdet. Auch der Rest des Casts – Nicole Kidman, Ethan Hawke, Willem Dafoe – liefert ab.

Fazit

The Northman ist ein Film wie ein Ritual: roh, archaisch, manchmal überwältigend, manchmal ermüdend. Er beginnt mit einem Donnerschlag, entfesselt eine visuelle und akustische Gewalt, die ihresgleichen sucht – und verliert dann im Mittelteil an Energie. Statt einer kompakten, auf den Punkt erzählten Rachestory verliert er sich zu oft in trancehaften Momenten und ausgedehnten Szenen, die zwar schön anzusehen sind, aber dem dramaturgischen Fluss im Weg stehen.

Unterm Strich ist The Northman ein wuchtiges, bildstarkes Spektakel, das zeigt, was Robert Eggers mit großem Budget anstellen kann. Kein perfekter Film, dramaturgisch holprig, aber voller Szenen, die hypnotisieren, mitreißen und beeindrucken. Wer bereit ist, sich auf dieses archaische Filmerlebnis einzulassen, der wird belohnt – nicht mit einem stringenten Thriller, sondern mit einer filmischen Runeninschrift, die von Blut, Feuer und Rache erzählt.



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