Review

Männer zum Kotzen ... in Cotson Manor

"Men" wurde [Achtung: Spoiler!] ein wenig als Horrorfilm, ein wenig als Thriller beworben, fällt aber eigentlich doch in eine ganz andere, eher selten vom englischsprachigen Mainstreamkino bediente Sparte, ist in allererster Linie eine parabelhafte Groteske, angefüllt mit einigen allegorischen Motiven und ein paar unheimlichen Momenten: das verständnislose Gekicher vornehmlich jugendlicher Zuschauer(innen) und die Zahl der gelangweilt aus dem Raum trottenden Kinogänger(innen) – was in diesem Ausmaß vielleicht seit Darren Aronofskys "Mother!" (2017) nicht mehr gegeben war –, lässt keinen Zweifel daran, dass "Men" gerade kein Horrorthriller ist, den man sich vom Regisseur von "Ex Machina" (2014) und "Annihilation" (2018) offenbar hatte erwarten können.
Aber da wäre man dann ohnehin einem Irrtum aufgesessen: Alex Garland ist nicht dabei, sich vom Sci-Fi-Thriller über den Sci-Fi-Horror zum Horror vorzutasten, um sich in den Spielarten phantastischen Kinos zu erproben, sondern er nähert sich auf Kosten konventioneller Spannungsdramaturgien immer konsequenter seiner liebsten Sorge, nimmt sich die Frau und den Mann und ihr Verhältnis zueinander und klopft diesmal, titelgemäß – nomen est omen – das ganze Drumherum vollständig ab. (Erstmals also darf man jetzt ernsthaft gespannt sein, was Garland in seinem nächsten Film verhandeln wird.)

In "Ex Machina" ging es noch um eine KI im täuschend echten Frauenkörper, deren Subjektstatus von einem Mann in Frage gestellt, von einem anderen Mann geklärt werden sollte. Der eine Mann besiegelte seinen Untergang, weil er Frauenkörper wie sexuell verfügbare Objekte behandelte; der andere Mann besiegelte seinen Untergang, weil er in den Frauenkörper eine Milde und Gefühligkeit hineinprojizierte, die der KI darin gar nicht zu eigen war. Zwei Männer, so könnte man kürzestmöglich zusammenfassen, scheitern in "Ex Machina" an den Bildern, die sie sich von der Frau machen (derweil es um eines gar nicht ging in dem Film: um eine Frau).
Auf den eher clever konstruiert geschriebenen und belesen und gebildet mit Verweisen aufgeladenen als ergreifend ins Szene gesetzten KI-Sci-Fi-Thriller folgte dann "Annihilation" nach Jeff VanderMeers "Annihilation - Southern Reach Trilogy 1" (2014): eine Mischung aus Tarkovskys Strugatsky-Verfilmung "Stalker" (1979) und H. P. Lovecrafts erstaunlicher pulp story "The Colour Out of Space" (1927). In einer von schillernd-flirrenden Fata-Morgana-Eindrücken begleiteten Zone vermutlich außerirdischer Herkunft, in der Flora und Fauna fleißig mutiert, in der zudem Wahrnehmung und Erinnerung durcheinandergeraten, scheitert zunächst ein Aufklärungstrupp aus Männern – von denen nur einer lebend zurückzukehren scheint – an seiner Aufgabe. Die Frau des Zurückgekehrten, Molekularbiologin und Ex-Soldatin, reist mit anderen Wissenschaftlerinnen und Soldatinnen daraufhin ebenfalls in die vom 'Schimmer' abgegrenzte Zone, die Area X – deren Namen auf extradiegetischer Ebene womöglich dem X-Chromosom geschuldet ist –, in der kreativ und schöpferisch, aber ohne klar erkennbares Ziel, alles wuchert und (sich) wandelt. Eine der Frauen trägt ohnehin den Krebs in sich, nimmt das Mutieren also relativ gelassen; die Hauptfigur wird mit List den Ausflug überstehen: ihre eigene entstandene Doppelgängerin durch Einfühlung, nicht durch Kampf, außer Gefecht setzen. Dann kehrt sie zurück zu ihrem Mann, der gar nicht mehr ihr Mann, womöglich auch nicht ihr Mann ist.
In gewisser Weise begeht Alex Garland in "Annihilation" das Kapitalverbrechen von Caleb aus "Ex Machina": er projiziert in weibliche Kunstfiguren Milde, Mildtätigkeit, Einfühlsamkeit; sowie Geborgenheit, Gleichklang und Naturverbundenheit. (Gerade eine Gegenüberstellung von Natur/Weiblichkeit und Technik/Männlichkeit fand sich auch schon in "Ex Machina"; in beiden Filmen fiel diese Zuordnung von Geschlecht und symbolischer Form lediglich tendenziell aus, nicht absolut; "Men" wird diese Zuordnung noch ein ganzes Stückchen weiter verwischen.) Ein positiver Sexismus, könnte man sehr übelwollend sagen, steckte in "Annihilation" – mit dem Garland nun selbst hart ins Gericht gegangen ist.

"Men" spricht als Titel (trotz Einsilbigkeit und nur dreier Buchstaben) Bände; auch weil es gerade nicht "Women" geworden ist, was nach "Annihilation" hätte befürchtet werden können.
Es ist ein einerseits erstaunlich simpler Thesenfilm geworden, der aber andererseits – fast wie "Ex Machina" – in zahlreiche Details aufgedröselt werden kann. Alles beginnt einigermaßen konventionell, allerdings mit einer entspannten Geruhsamkeit und bald auch mit einem Staunen vor der Natur – die nicht zuletzt über allerlei Flugsamen deutlich in Szene gesetzt wird –, sodass zunächst auch angesichts der britischen Landschaft noch die subtileren Klassiker der britischen phantastischen Literatur wie M. R. James oder Walter de la Mare tonal anklingen. Aber sowohl die in Rückblenden/Erinnerungen erzählte Vorgeschichte rund um die längst vielzitierte toxische Männlichkeit als auch die bald einsetzenden, sehr konkreten, gewaltsamen Heimsuchungen fügen sich da nicht so recht ins Bild: Harper hatte sich von ihrem Partner trennen wollen, der zwar ernsthaft verzweifelt war und zwecks Fortführung der Beziehung an sich arbeiten wollte, der sich aber trotzdem auch zur Handgreiflichkeit und zur emotionalen Erpressung via Suizidankündigung hinreißen ließ. Nach seinem Fausthieb setzte sie ihn endgültig vor die Tür – und er ist dann entweder aus dem Fenster einer höherliegenden Etage gesprungen oder aber beim Versuch, wieder auf den Balkon ihrer Wohnung zu klettern, abgerutscht. Auf der Straße findet sie seinen Leichnam: eine Hand vom Metallzaun aufgespießt und nahezu gespalten, ein Knöchel gebrochen.
Um die erst nach und nach parallel voll aufgedeckten Ereignisse zu vergessen, hat sie sich eine Auszeit in einem stattlichen Herrenhaus in dem idyllischen Dörfchen Cotson genommen. Einziger Kontakt: Ihre Freundin Riley, deren Gesicht man lange Zeit über bloß auf Smartphone-Bildschirm sieht, ehe sie dann am Ende – schwanger – auch mit dem ganzen Körper direkt vor Ort erscheint. Der Vermieter Geoffrey ist wahrlich ein Unikat, wie Harper sagt: freundlich zwar, aber auch etwas redselig, etwas neugierig und teilweise etwas bedrohlich, was aber jeweils bloß Folge eines Missverständnisses zu sein scheint; erstmals gerade dann, als Harper eröffnet, sie habe von einem Apfel seines Baumes gekostet. Aber die anderen Typen: Ein nackter Mann in den Wäldern, der offenbar auf ihr Rufen hin erscheint, als sie gerade am Ende eines Tunnels dem Widerhall ihrer Rufe lauscht, wird bald ihr Grundstück aufsuchen. Ein Geistlicher, der im beratenden Gespräch bald impliziert, dass Harper Schuldgefühle haben dürfte, weil ihr Ex-Partner noch leben könnte, hätte sie ihm eine Chance zur Besserung gewährt. Ein sonderbarer Jüngling mit stilisierter Marilyn-Monroe-Maske, der Verstecken spielen will, auf Harpers Weigerung aber schroff reagiert. Ein Polizist, der kein Verständnis für ihr Entsetzen hat, als er erwähnt, dass der zwischenzeitlich inhaftierte nackte Mann wieder auf freiem Fuß ist...

Gerade als der Film die Ausmaße des folk horrors dank entsprechender Symbolik und Naturmystik –, des home invasion-Terrorfilms und des Paranoia-Thrillers annimmt, nimmt er tonal nochmals eine Wendung: entweder, so scheint es, geht wahrhaft Übernatürliches vor – oder Harpers Perspektive ist schlicht, bedingt durch ein naheliegendes Trauma möglicherweise, unzuverlässig. Dann aber geht der Film einen dritten Weg und verlässt seine konkrete Handlungsebene, womit er auch seine Spannungsdramaturgie weitgehend über Bord wirft. Nun ist alles nur noch symbolisch, nun sind die Figuren bloß noch abstrakte Figur, ist die Erzählung bloß noch These: Harper spaltet einem Eindringling einen Unterarm samt Hand – und solcherart versehrt erscheinen ihr dann nach und nach der Jüngling, der Geistliche, Geoffrey... Letzteren fährt sie ungewollt auf der Flucht an; als sie nach ihm sehen will, attackiert er sie versehrt und mit einem gebrochenen Knöchel... und dann gebiert einer der Männer einen jeweils anderen, der wieder einen der anderen Männer gebiert. So geht es weit, bis am Ende ihr toter Ex-Freund mit seinen Wundmalen wieder da ist: Kein alter weißer Mann übrigens, sondern ein Farbiger: er kriecht als einziger nicht mit dem Kopf voran aus einem weiblichen Geschlecht eines anderen Mannes, sondern wird mit den Füßen voran aus dem Mund herausgewürgt. Da sitzt er dann wieder neben ihr auf der Couch, vorwurfsvoller Blick. Was er wolle? Doch nur ihre Liebe...

Und dann taucht nach nochmaliger Titeleinblendung Harpers (wie man nun sieht: schwangere) Freundin Riley auf: Auch sie sieht – ohne selber bloßer Bestandteil von Harpers Blick zu sein – die Verwüstungen, sieht die Blutspuren.
Im exzessiven Auswalzen seiner Grundidee kann "Men" den einen oder die andere sicherlich schnell auch nerven, zumal sich auch die Enttäuschung über die ausbleibende Fortführung der konkreten Handlungsebene breit machen kann. Diese Idee jedenfalls besteht darin, dass ein Mann den anderen erschafft, ihn hervorbringt, dass das Denken in befremdlichen Frauenbildern ein sich selbst erhaltendes System ist: da wäre der nackte Eindringling, der zum Ende hin sein Antlitz auf blutige Weise zunehmend mit Dornen und Blättern verziert: einem vorchristlichen Green Man gleich, der seinerseits als ein Symbol der Wiedergeburt und/oder Fruchtbarkeit gedeutet werden kann. Solch ein Blattgesicht findet sich ein Stein gehauen auch in der mittelalterlichen Kirche, in der auch eine Sheela-na-Gig als vorchristliches Fruchtbarkeitssymbol anzutreffen ist – und in der Harper erstmals von dem Geistlichen bemerkt wird, dessen Zuspruch irritierend und nicht allzu einfühlsam einer Schuldzuweisung gleicht. Die vorchristliche und die christliche Figur erhalten nicht bloß ein Bindeglied über die beide Elemente verschmelzende Kirche – sie werden auch wie nahezu alle anderen Männer von Rory Kinnear gespielt. Es ist keine Erfindung des Christentums, die Frau, Eva, für den Sündenfall verantwortlich zu machen und sie zugleich, als Madonna, zu verehren: auch wenn gerade erzkatholische Länder wie Italien oder Spanien noch immer extrem krude Frauenbilder hervorbringen und befolgen. Jack Holland verortet die Ursprünge in seinem nicht ganz sauberen, aber auch erst postum von der Tocher veröffentlichten "Misogyny. The World's Oldest Prejudice" (2006) den Ursprung "irgendwann im 8. Jahrhundert v. Chr."[1], derweil nahezu weltweit anzutreffende Fruchtbarkeitskulte, die sich womöglich bis zur Venus von Willendorf zurückführen lassen, von einer Verklärung der Frau zeugen (der womöglich teils mit einem Gebärneid der Männer einhergeht). Ganz so, wie Gesellschaften Frauen in Heilige oder Huren aufteilten, lassen sich Anziehung und Abneigung auch bei einzelnen Individueen vorfinden: Wer die Geliebte nicht halten kann, wünscht ihr bisweilen den Tod oder bringt sie gar um. Harpers Ex lässt sich zumindest dazu hinreißen, emotionale und handfeste Gewalt auszuüben, obgleich er Harper doch eigentlich an sich zu binden wünscht. Diese Gemengelage blitzt überall auf: Bei dem Geistlichen, der Hilfe anbietet und Vorwürfe macht, der sich gegen Ende obsessiv vom Schlitz der Frau angezogen zeigt; bei dem Jüngling, der zwar die Maske eine Frau trägt und ein zur Maske passendes Versteckspiel vorschlägt, dann aber wüste Schmähungen ausstößt; beim Polizist, der sich erst als Freund und Helfer zeigt, dann aber völlig verständnislos und alsbald bedrohlich agiert; beim Green Man, der sich mit seiner Faszination für Fruchtbarkeit und Gebären als Voyeur und Stalker betätigt; bei Geoffrey sogar noch, der etwas linkisch nicht so recht als ganzer Mann auftritt, dessen Freundlichkeit aber gelegentlich auch überraschend umschlägt.
Garland kitzelt diese bedrohlich-fanatische Hassliebe – die man von jedem Vergewaltiger kennt, der den Körper der Frau begehrt, um sie zugleich für diese seine Schwäche mit dem Gewaltakt strafen zu wollen, weil er ihr diese Wirkmacht nicht zugesteht – bei allen Figuren hervor, lässt sie alle – den toten Expartner einmal unberücksichtigt gelassen – von einem Darsteller spielen, derweil sie das Alter und die Jugend, das Gesetz und den Gesetzesbruch, das Christliche und das Unchristliche gleichermaßen abbilden; und eben auch den weißen Mann wie den farbigen Mann... auch wenn Garland hier die Kette der Hervorbringung, des Gebärens bricht. Eines von mehreren Details, die noch ein bisschen Interpretationsspielraum übrig lassen: Da ist die Monroe-Maske, die der Jüngling gegen Ende einem toten Vogel auf den Kopf legt, während er ihm auf einer Arbeitsplatte hin und her schiebt, wobei die schwarzen Flügel sich noch bewegen und die Parodie eines Engels ergeben. Da ist die schwangere Freundin, deren Auftauchen gegen Ende eigentlich einigermaßen überflüssig ist.

Jedenfalls ist er jetzt raus, der ultimative Garland-Film: Ein Film von der Bedrohlichkeit der Männer, die sich ihr Bild der Frau gemacht haben, in den Augen der Frau. Das ist trotz body horrors, folk horrors und home invasion aber kein konventioneller Horrorfilm; und gegen Ende, wenn klar ist, wie der Hase läuft, auch einigermaßen zäh. Eine schwere Geburt – mit mäßig gehaltvollem Ergebnis. 6,5/10


1.) Jack Holland. Misogynie. Die Geschichte des Frauenhasses. Zweitausendeins 2007; S. 29.

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