Review

Hypnotisches Kino zwischen Poesie und Horror

Horrorfilme gibt es viele – doch nur wenige fesseln ihre Zuschauer vom ersten Bild an in einem Zustand fiebriger Wachsamkeit. Alex Garlands Men gelingt genau das, und zwar ohne den gängigen Trick des Jumpscares. Er versteht es, schon in den ersten Sekunden eine Sogwirkung zu erzeugen, die bis zur letzten Einstellung anhält. Schon die erste Einstellung, diese makellose Bildkomposition, wirkt wie ein Versprechen: Hier geht es nicht um platte Schocks, sondern um Verführung. Garland verwebt betörende Ästhetik mit gnadenloser Beklemmung und zeigt, wie kraftvoll modernes Horrorkino sein kann, wenn es die Sinne attackiert und den Intellekt zugleich herausfordert.

Der Brite, der mit Ex Machina und Annihilation schon eindrucksvoll bewiesen hat, dass er zu den visionärsten Stimmen des zeitgenössischen Kinos gehört, wagt sich mit Men in eine Grauzone zwischen psychologischem Drama, Bodyhorror und allegorischem Kunstfilm. Das Ergebnis ist verstörend und berauschend zugleich – ein Werk, das so betörend schön aussieht, dass man kaum den Blick abwenden kann, und so tief ins Unheimliche greift, dass man ihn dennoch kaum erträgt.

Bilder, die bannen

Die Kameraarbeit von Rob Hardy verdient das Wort „meisterhaft“. Jede Einstellung ist präzise gesetzt, jede Bildkomposition erzählt eine Geschichte. Hardy arbeitet mit Symmetrien, Linien, mit dem Verhältnis von Natur und Architektur. Ein Tunnel wird zum mystischen Symbol, ein verwunschener Garten zur Bedrohung, ein stilles Dorf zur Falle. Es ist die Art von Bildsprache, die sich nicht aufdrängt, sondern unmerklich hypnotisiert. Es ist Kino, das mehr an Malerei erinnert als an herkömmliches Erzählen. Farben wirken wie Schichten von Bedeutung, Bewegungen wie kleine Eingriffe in ein Tableau. Jeder Schnitt, jeder Kamerawinkel trägt zur Atmosphäre bei. Hardy und Garland schaffen Bilder, die sich im Gedächtnis einnisten wie Albträume – oder wie Erinnerungen an etwas, das man selbst erlebt haben könnte.

Doch Bilder allein erklären nicht, warum Men so tief unter die Haut geht. Es ist das Zusammenspiel aus Licht, Geräuschen und Musik, das den Film in eine andere Dimension hebt. Die Beleuchtung wirkt nie künstlich, und doch ist sie stets manipuliert. Sonnenlicht flutet Räume, als wolle es alles entlarven – und erzeugt gerade dadurch eine unheimliche Transparenz. Schatten fallen, als hätten sie eine eigene Absicht. Der Ton wiederum arbeitet subtiler als in den meisten Genrefilmen. Ein Rascheln im Gebüsch, ein entfernter Schrei, ein Echo, das nicht enden will – die Geräuschkulisse ist so detailreich, dass man als Zuschauer glaubt mehr zu hören, als tatsächlich da ist. Der Score – mal minimalistisch, mal überwältigend – wirkt nie ornamental. Er ist ein Werkzeug, das die Wahrnehmung lenkt, das Unsichtbare fühlbar macht. In dieser Symbiose von Bild und Ton entsteht ein Kinoerlebnis, das audiovisuell absolut brillant ist.

Bodyhorror als Metapher

Garland verzichtet weitgehend auf klassische Schockeffekte. Stattdessen etabliert er gleich zu Beginn eine Grundspannung, die nicht abreißt. Men ist ein Film, der die Zuschauer nicht springen lässt, sondern sie in einem Zustand latenter Beklemmung gefangen hält. Die Bedrohung liegt nicht im plötzlichen Schrei, sondern in den Sekunden des Schweigens. In Blicken, die zu lange dauern. In Gesten, die zu freundlich sind, um harmlos zu wirken. Diese Art von Spannung ist subtiler, aber nachhaltiger – sie frisst sich ins Nervensystem und bleibt auch nach dem Abspann spürbar. Garland ist kein Regisseur, der um drastische Bilder verlegen ist. In der zweiten Hälfte entfaltet Men seine wohl drastischsten Momente – und greift auf Elemente des Bodyhorror zurück. Körper zerreißen, mutieren, gebären sich selbst in grotesker Endlosschleife. Doch anders als in klassischen Schockfilmen dienen diese Bilder nicht dem billigen Ekel. Sie sind Allegorie, Verdichtung, visuelle Metapher für eine Gewalt, die sich über Generationen fortsetzt. Der Körper wird zum Schauplatz des Unaussprechlichen. Garland zeigt das Grauen nicht als Fremdkörper, sondern als etwas, das aus dem Inneren kommt, aus dem Alltäglichen, aus dem Menschlichen selbst. Genau darin liegt der Schrecken: Nicht das Fremde ist gefährlich, sondern das Bekannte, das sich ins Monströse verkehrt.

Im Zentrum dieses Alptraums steht Jessie Buckley – und sie ist schlicht phänomenal. Schon in Wild Rose und I’m Thinking of Ending Things hat sie bewiesen, dass sie zu den spannendsten Schauspielerinnen ihrer Generation gehört. Doch in Men übertrifft sie sich selbst. Buckley verkörpert Harper, eine Frau, die nach einem traumatischen Erlebnis Ruhe auf dem Land sucht – und stattdessen in einen Strudel aus Bedrohung und Wahn gezogen wird. Was Buckley daraus macht, ist ein Schauspiel zwischen Zurückhaltung und Explosion. Jede Geste, jeder Blick wirkt durchdacht und zugleich spontan. Sie spielt keine Opferfigur, sondern eine komplexe Persönlichkeit, die Angst, Trotz und innere Stärke vereint. Ihre Performance trägt den Film. Garland vertraut ihr vollkommen, lässt die Kamera oft lange auf ihrem Gesicht verweilen. Und tatsächlich: Man könnte Buckley stundenlang zusehen, selbst ohne Worte. Sie macht das Unsichtbare sichtbar – die innere Zerrissenheit, das Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Es ist eine der stärksten Leistungen, die das moderne Horrorkino bisher gesehen hat.

Dass Men funktioniert, liegt an Garlands kompromissloser Handschrift. Der Regisseur verweigert einfache Erklärungen, verzichtet auf didaktische Klarheit. Stattdessen vertraut er dem Medium Film selbst: auf die Macht der Bilder, auf die Suggestion des Tons, auf die Energie des Schauspiels. Natürlich ließe sich Men auf einer theoretischen Ebene analysieren – als Parabel über Geschlechterrollen, als Studie über Schuld und Trauma, als modernes Märchen. Doch seine eigentliche Größe liegt darin, dass er sich jeder eindeutigen Deutung entzieht. Garland vertraut auf die Kraft des Kinos selbst. Auf Bilder, die hypnotisieren. Auf Töne, die verunsichern. Auf Schauspiel, das elektrisiert. Er inszeniert ein Erlebnis, das man nicht nur intellektuell begreift, sondern körperlich spürt. Und das ist selten geworden in einer Zeit, in der Filme oft erklären, rechtfertigen, beweisen müssen. Men ist mutig genug, einfach zu sein – und gerade dadurch radikal.

Fazit

Men ist kein Film für jedermann. Er fordert, er überfordert, er verweigert sich dem schnellen Konsum. Er ist ein Sog, ein Rausch, eine Erfahrung. Aber gerade das macht ihn so großartig. Von der ersten Einstellung an entfaltet er eine hypnotische Wirkung, die nicht mehr nachlässt. Die brillante Kameraarbeit, die meisterhafte Bildkomposition, die präzise Beleuchtung, die unheimliche Geräuschkulisse und der eindringliche Score erschaffen ein audiovisuelles Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Die Spannung ist konstant, die Atmosphäre durchgehend beunruhigend, voller Gänsehautmomente, die sich tief einprägen. Die Bodyhorror-Passagen sind drastisch, aber niemals Selbstzweck – sie sind Spiegelungen einer psychologischen Wahrheit. Und im Zentrum glänzt Jessie Buckley mit einer Darbietung, die zu den beeindruckendsten Schauspielleistungen der letzten Jahre zählt.

Alex Garland beweist mit Men einmal mehr, dass er zu den wichtigsten Regisseuren des modernen Kinos gehört. Sein Film ist schön und grausam, poetisch und verstörend, intellektuell stimulierend und emotional packend. Kurz: Men ist Kino in Reinform – ein hypnotisches Ritual, das uns zwingt, in den Abgrund zu blicken – und dabei die Schönheit zu erkennen.



Details
Ähnliche Filme