Review
von Leimbacher-Mario
Cronenberg hat wieder Fleischeslust!
Nachdem Cronenberg Senior sich in den letzten Jahren, fast Jahrzehnten, eher weg vom klassischen (Body-)Horror hin zu eher psychoanalytischen, vielleicht sogar noch tiefer schneidenderen (aber leider auch trockeneren) Themen bewegt hat, hätte ich fast schon an eine vollständige Staffelstabübergabe an seinen Junior geglaubt, gerade wenn es um expliziteren Genrestoff geht. Was Brandon hier schon abgeliefert hat ließ heftig aufhorchen. Doch letztes Jahr kam Daddy zurück mit seinem „Crimes of the Future“, der kaum mehr David Cronenberg sein könnte. Irgendwo zwischen „eXistenZ“, „Cosmopolis“ und „Dead Ringers“ wird in diesem Bodyhorror-Sci-Fi-Großwerk von einem wortwörtlichen Körperkünstler erzählt, der sich während seiner Auftritte nachwachsende Organe heraustransplantieren lässt und eine menschliche Welt bat jedweder Schmerzen allein durch's Zusehen an ihre neuen Grenzen bringt…
„Crimes of the Future“ verbindet ein gutes Stück Cronenbergs gegensätzliche und sich doch ergänzende Regie-/Lebensabschnitte, den psychologischen wie körperlichen Horror bzw. Fragen dazu, zu uns als Wesen und über eine fortschreitende, grenzenüberwinde, extreme, ungemütliche und immer unnatürlichere Welt. An der Oberfläche ganz klar zu seinen Frühwerken tendierend, was mir natürlich gelegen kommt, doch auch mit massiven unterschwelligen Konflikten, Themen und Anstößen. Der Skandalfilm, bei dem das Publikum in Ohnmacht fällt und reihenweise den Saal verlässt, ist es mit Sicherheit nicht geworden. Da war der Hype aus Cannes oder wunderswo wieder mal irreführend und unnötig. Ein richtig sehenswerter und interessanter, sonderbarer und schlauer Film ist's aber allemal geworden. Die Optik und körperlichen „Upgrades“, Mutationen und Deformationen sind eine freaky Augenweide. Seydoux und Stewart bieten viel mehr als nur ihr hübsches Äußeres. Viggo Mortensen blüht wenn er mit Cronenberg zusammenarbeitet eh immer nochmal extra auf. Hier kann man die Augen genauso wenig von ihm lassen wie von den vielen Apparaturen (wie dem „Stuhl der Schmerzen“) und die Grenzen verschwinden dabei ohnehin immer mehr. Ein wenig endet der Film für mich ohne echten Höhepunkt und ich hätte mir einen stärkeren, synthetischeren und drückenderen Score gewünscht. Doch im Grunde ist es ein genauso versiertes, universelles sowie intimes Exposé in die Innereien einer sich verformenden Welt, Gesellschaft und Gattung.
Fazit: schön den Meister der kreativen Körperkunst sich wieder darin suhlen zu sehen. Er kann's also doch noch. Bodyhorrorkönig bei der Arbeit. Vielleicht nicht sein Magnus Opus, vielleicht vieles schonmal von ihm da gewesen und bestimmt nicht eine neue Spezies. Nichtmal eine neue Unterart. Aber dennoch ein bizarrer Genuss, der noch lange psychologisch, evolutionär und menschlich durch die Mangel genommen werden wird!