Review
von Frostbeule
David Cronenberg hat ja schon einige Kracher als Regiesseur aufzuweisen. Leider gehört dieses neuste Machwerk meiner Ansicht nach nicht dazu. Es lohnt sich kaum viele Worte über diesen Experimentalfilm zu verlieren. Es fehlt jeglicher Spannungsbogen. Eine Story ist erst ab der 47. Minute in Umrissen erkennbar, während die Handlung eigentlich erst ab 1 Std. und 20 Minuten zum Laufen beginnt. Der Film ist ziemlich anstrengend anzuschauen. Er wirft fortlaufend mehr neue Fragen auf, als welche zu beantworten. Die Dialoge sind teils lyrisch, poetisch, aber letztlich absurd. Es werden reihenweise kontroverse Zukunftsdystropien thematisiert, zwar angerissen, aber nicht weiter vertieft. Hinzu kommen unpassenden Kulissen, nämlich durchgehend veraltete und verfallene Gebäude mit antiquiertem Interior. Die Verwaltung arbeitet ohne EDV? Alles sehr merkwürdig. Absicht war es wohl eine düstere, bedrückende Atmosphäre zu schaffen. Die Schauspieler liefern überzeugende Leistungen ab. Nur was sollen diese retten, wenn der Rest irgendwie nicht rund läuft?
Die Geschichte erzählt von einer Zeit, in der es weder Krankheiten noch körperliche Schmerzen mehr gibt. Die Menschheit hat die vollständige Kontrolle und Macht über alles organische Zellmaterial errungen. Die Technologie nutzen einige, um Menschen mit neuen Fähigkeiten und Organen zu schaffen. Das Herrschaftsregime hat eine Registrierpflicht eingeführt, für jeden der seinen Körper organisch verändert. Es hat Angst die Gesellschaft könnte sowohl durch die natürliche Evolution als auch durch die neuen künstlichen Möglichkeiten zur Körpermodifikation zusammenbrechen. Was früher Sänger, Filmstars, Influencer und Vlogger waren, sind hier sog. "Performancekünstler". Sie sind die Superstars dieser neuen Welt. Sie führen öffentliche Operationen und Autopsien vor, woran sich das Publikum lüstern labt und ergötzt. Dabei wird fleißig gemetztelt, ausgeweidet und massakriert. Die Geschichte handelt von einem "Körperkünstler", der mittels modernster Technik Organe unbekannter Funktion in sich wachsen lassen kann, nur um diese anschließend öffentlichkeitswirksam in einer Show heraus opieren zu lassen. Sex scheint überholt, den absoluten Kick höchster Erregung und Geilheit suchen neuerdings die Leute in der Körperverletzung und -verstümmelung. Anstatt der gewöhnlichen Schmerzvermeidung suchen plötzlich alle den Schmerz. Die Perversion kennt keine Grenzen. Innere Organe werden sogar kunstvoll tätowiert. Eigentlich handelt es sich um Geschwüre, welche den Menschen ohne die Technik umbringen würden. Hier wird allerdings damit gespielt, sodaß ein Todeshauch mit in das Erleben einfließt. Weite Teile der Gesellschaft hat die Möglichkeit der freien Gestaltung und kontinuierlichen Veränderung des eigenen Körpers nach Belieben in seinen Bann gezogen. Man ritzt, verstümmelt und schlitzt spielerisch an sich und anderen herum - das wirkt wie eine Droge - alles Gewebe kann wieder geheilt und in seinen ursprünglichen Zustand versetzt werden. Es scheint keine Scham mehr zu geben, jeder lebt offen seine perverse Lüsternheiten aus. Höchste sexuelle Erregung wird erlangt, indem man den Körper immer näher in einen Zustand der tödlichen Verletzung bringt. Genetische Manipulation ist Alltag, und wird ausgelebt nach Laune und Mode wie das Wechseln von Kleidern oder Schuhen. Alle sind wie von einem Wahn gepackt und ganz geil darauf sich metzeln zu lassen.
Fazit: Ein dystopischer Bio-Tech Alptraum, der die Evolution des Menschen zu einem künstlichen Wesen erzählt, der Möglichkeit des Menschen sich selbst genetisch neu zu gestalten, in heruntergekommenen, verwahrlosten Kulissen, mit guten Schauspielern - jedoch leider ohne mitreißenden Erzählstil, in einer wirr ablaufenden Story und ohne Tiefgang. Ein großartiges Thema schlecht und langweilig erzählt. (4/10).