Review
von Leimbacher-Mario
Wasserdrachenzähmen leicht gemacht
In einem Jahr, in dem Disney und Pixar in ihrem Haus-und-Hof-Gebiet eher geschwächtelt haben, sprang Netflix mit Guillermo Del Toros „Pinocchio“ ein, um sich am ehesten noch zum Favoriten auf den animierten Oscar zu machen. Selbst wenn der gestiefelte Kater schon seit Wochen ebenfalls für mächtig positive Überraschungen und Furore sorgt. Aber auch der hauseigene „The Sea Beast“ von Netflix könnte den Goldjungen wegsnacken - denn das launige Hochseetreiben zwischen „Pirates of the Carribean“ und „How To Train Your Dragon“ mausert sich im Laufe seiner vollen zwei Stunden zu einem der erwachseneren und actionreichsten Animationsabenteuern seit Ewigkeiten. Und dass der Macher von „Vaiana“ hier am Werk war, spürt man ebenfalls wundervoll. Grün, blau, kraftvoll. Nur gesungen wird hier wenig bis gar nicht. Wir folgen einem kleinen Mädchen, das auf dem Schiff eines legendären Seemonsterjägers landet. Und zusammen brechen sie zu ihrem bisher größten Unterfangen auf, mit dem sie noch einmal beweisen wollen, dass Monsterjäger noch lange nicht zum alten Eisen gehören…
Auf den Spuren von „Tangled“, „Frozen“, „Pinocchio“ und „Master & Commander“ kommt dieses wärmende Seeräuberstakkato wirklich flott und top ausbalanciert daher. Es gibt heldenhafte Königreiche und zwielichtige Kapitäne, Monster mit guter Seele und Kinder mit großen Träumen, grauenvolle Waffen, süße Sidekicks und blühende Inseln, knallige Farben und genug Herz. „The Sea Beast“ ist einer der besten Disneyfilme, der nie von Disney war, den ich je gesehen habe. Die Optik ist S-Klasse, die Synchro (sowohl im O-Ton als auch auf deutsch) könnte nicht besser sein, viele der Figuren haben erstaunlich Charakter und Entwicklung. Die Geschichte kennt nur den Weg nach vorne, ohne dabei hektisch oder hyperaktiv zu werden. Es gibt Kaijus, es gibt wundervoll türkises Wasser, es brennt auf hoher See. Die Message ist warm, real und weise. Da bestehen auch durchaus Verbindungen zu „Avatar: The Way of Water“ als auch zum ursprünglichen „Godzilla“. Und insgesamt wird ein ähnliches Tempo und eine fast genauso wertige Hausmannskost an zu Land gebracht, wie beim bereits erwähnten Überraschungshit „Puss In Boots: The Last Wish“. Das Rennen um den Animationsoscar war jedenfalls selten offener, was toll ist. Ebenso toll ist, dass man „The Sea Beast“ dem wesentlich prestigeträchtigeren „Lightyear“ verdient vorgezogen hat. Denn es stört zudem kaum, dass man die einzelnen Räder dann doch alle schon kennt - wenn sie dermaßen nahtlos und prächtig ineinander greifen.
Fazit: „Das Seeungeheuer“ ist ein hübsches, ausgiebiges und zum Teil wunderbar thematisch düsteres, optisch strahlendes Animationsabenteuer für die ganze Familie - da hat Netflix 'nen Winner auf der Hand!