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Zugegeben: In der einen oder anderen Variation hat man vieles, was bei "Hatching" zu sehen ist, als Horrorfan schon zuvor erblickt. Das seltsame Wesen, von dem man sich als Zuschauer zeitweise nicht sicher sein kann, ob dieses nur in der Einbildung der Hauptfigur existiert. Oder der böse Zwilling, ein bisschen in Richtung Jekyll und Hyde gehend, der basierend auf den Kränkungen und der Frustrationen des Ichs ohne zivilisiert-moralische Zurückhaltung agiert und gegen die feindselig auftretende Umgebung der Hauptfigur gewalttätig vorgeht.

Aber umgesetzt sind diese Motive in "Hatching" ganz hervorragend, mit sicherem ästhetischem Gespür, trotz einiger für die meisten Zuschauer wahrscheinlich mit Ekel verbundenen Bilder, und einer exzellenten schauspielerischen Besetzung, angeführt von der 13-jährigen Siiri Solalinna als Tinja, die ihre schwierige Rolle glanzvoll umsetzt. Ebenfalls weiß Sophia Heikkilä als Mutter zu überzeugen, deren Liebe zu ihrer Tochter durch krankhaften Ehrgeiz überschattet wird. Zeigen, nicht erzählen - diesen filmischen Grundsatz befolgt Regisseurin Hanna Bergholm exemplarisch, wenn sie eine lange Narbe am Bein der Mutter ins Bild setzt und damit den Grund der Ambition verrät: Durch einen Unfall ist offenbar die Eislauf-Karriere der Mutter zerstört worden, weshalb nun in die Tochter glühende Erwartungen als Turnerin gesetzt werden. Was Tinja als Mädchen an der Schwelle zur Pubertät will und braucht, gerät dabei völlig in den Hintergrund.

Mit der Thematisierung der sozialen Medien als Suchtmittel der frustrierten Mutter, die nebenbei auch Ablenkung in einer Affäre sucht und dies nicht mal großartig vor ihrer Familie verheimlicht, riskiert Bergholm zwar eine gewisse Plakativität, aber fordert unterschwellig auch den Zuschauer heraus. Der sieht schließlich zunächst genau wie die Social-Media-Zuschauer vor allem eine beneidenswert glückliche und gutaussehende Bilderbuchfamilie, von der erst mit fortschreitender Erzählzeit der Lack abblättert. Jani Volanen und Oiva Ollila als verweichlicht-ängstlicher Vater und rachsüchtiger Bruder von Tinja sind weitere überzeugende Akteure. Die Wendungen in Tinjas Interaktion mit Tero (Reino Nordin), der Affäre ihrer Mutter, tragen viel zur Spannung in der zweiten Hälfte des Films bei.

Das von Tinja "ausgebrütete" Wesen ist nach Online-Informationen weitgehend ohne CGI entstanden, wobei ich hin und wieder schon den Eindruck hatte, dass etwa die Augen und deren Bewegungen schon nach Computereffekten aussehen, aber da kann ich mich auch täuschen ... Jedenfalls funktioniert es im Rahmen eines solchen Films durchaus. Gewalt wird oft nicht direkt gezeigt - hier bleibt der Film eher zurückhaltend. Der Horror rührt aus der optischen Wirkung der bizarren Kreatur her, aber auch aus dem alltäglichen Horror einer vergifteten Mutter-Tochter-Beziehung. Tolles Spielfilmdebüt von Hanna Bergholm, das "Body-Horror" mit der beliebten "Coming of Age"-Thematik wirkungsvoll zu verknüpfen weiß.

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