Tinjas Familie strahlt nach außen hin vor Makellosigkeit. Die online strahlende Fassade, eingefangen durch die Mutter, hat nach innen aber tiefe Risse. Unter dem Druck zur Perfektion leidet die Zwölfjährige still, bis sie eines Tages ein Ei mit nach Hause bringt. Sie kümmert sich heimlich darum, nicht ahnend, was aus ihm schlüpfen wird.
Coming of Age mit der Manifestation unterdrückter Gefühle, soweit ein interessanter Ansatz. Und es finden sich noch einige weitere in „Hatching“. Der Nachwuchs und die Bedeutung der Mutterrolle, der Druck des Heranwachsens und der, der von außen auf einen einwirkt, gesellschaftliche Zusammenhänge und ein zerbrechendes Familienbild. Insgesamt ein bisschen viel, doch im Großen und Ganzen finden diese verschiedenen und doch miteinander verbundenen Themen organisch zueinander.
Und dann kommt noch eine effektreiche Ebene hinzu, irgendwo zwischen Monsterfilm und Body Horror. Animatronik mit Unterstützung aus dem Rechner lassen das geschlüpfte Etwas lebendig wirken und sein Erscheinen ist letztlich nur der Anfang.
Genauso Horror ist allerdings auch die ganze Umgebung, in der das spielt. Diese inszenierte, antiseptische und furchtbar gekünstelt vor sich hin grinsende Scheinheiligkeit treibt zumindest mir schon einen kalten Schauer den Rücken hinauf.
Personifiziert von der Mutter als treibende Kraft, die richtig schön abscheulich daherkommt. Klasse auch Siiri Solalinna als Tinja und emotionaler Anker der Geschichte. Der Rest ist auch okay, aber überwiegend Staffage. Die Luftpumpe von Vater bleibt ebenso eindimensional wie Tinjas gleichaltriger Bekanntenkreis, sie wirken nur als schnell eingeschobene Eckpfeiler.
Ein paar sich ankündigende und unnötige Jumpscares muss man in Kauf nehmen und auch wenn die oben genannten Themen sich verbinden, allzu ausführlich werden sie nicht auserzählt. Der Dramateil, der durchaus nach Aufmerksamkeit verlangt, wäre vielleicht noch ausführlicher zu beleuchten gewesen. Auch kommt das Umdenken einer Figur gegen Ende unglaubhaft flott, da stottert der Film dann etwas.
„Hatching“ ist ein durchaus vielschichtiger Genrebeitrag mit interessanter Metaphorik. Druck und Drill münden in einen Ausbruch, dazu noch die Parade einer dysfunktionalen Instagram-Familie. Bisschen viel auf einmal, im Kern aber atmosphärisch und von den beiden Damen stark gespielt.