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München Anfang der 80er. Eigentlich Großstadt, doch von der Musikszene her tiefste Provinz. Meint Harry Pritzel. Er muss es wissen, er ist selbst ernannter Manager einer Band namens „Apollo Schwabing". Die 70er Jahre laufen gerade aus, man ist angeödet von Schlagermusik und Hippie-Scheiße. Der Punk gerät langsam in eine Krise oder wird salonfähig, je nach Blickwinkel des Betrachters. Die elektronische Entwicklung bringt neue Musikrichtungen hervor, die Bands schießen wie Pilze aus dem Boden. Gruppen wie D.A.F. elektrisieren die Massen und ebnen den Weg für die Neue Deutsche Welle, die am Anfang durchaus als innovativ Stilrichtung galt, doch ein paar Jahre später schon in die „Ich will Spaß"-Bedeutungslosigkeit versackte. Sprechen heute welche von NDW, dann meinen sie meistens Nena, Markus oder Hubert Kah, die uns alljährlich auf Betriebsfeten oder beim nächsten Klassentreffen um die armen Ohren gehauen werden. Doch davon ist dieser Film meilenweit entfernt. Gut so.
 
Harry ist - obwohl kein Musiker - die im Mittelpunkt stehende Hauptperson in einem Film, der, auf die reine Handlung reduziert, recht simpel gestrickt ist. Er versucht, im „Circus Krone" ein Konzert zu organisieren, mit D.A.F. als Headliner. Doch weder hat er die finanziellen Mittel dafür, noch weiß die Band lange nichts von ihrem Auftritt. Da sind Verwicklungen vorprogrammiert, doch Harry kommt auf die abenteuerlichsten Ideen, um seinen Traum zu verwirklichen.

Tom Schilling spielt die Rolle des Harry Pritzel verdammt gut. Dass er D.A.F.-Fan ist, will man gerne glauben, denn er geht in seiner Arbeit auf. Und den Spagat, den er dabei zwangsläufig ausüben muss, ist dabei in der filmischen Umsetzung besonders gelungen. Harry, der selbst gegen bürgerlichen Kleingeist und Spießigkeit rebelliert, muss erkennen, dass er dennoch Teil dieses Systems ist und ein Ausklinken aus diesen normal verlaufenden Bahnen schwerlich gelingen mag. Dazu passt seine Rolle als Lehrling in einer Münchener Sparkasse ganz hervorragend in das Bild. Fast peinlich berührt davon, erzählt er uns, dass das eigentlich sein Nebenjob sei, denn eigentlich sei er ja Manager. Und auch ohne Eltern geht's nicht, was ihm eigentlich nicht behagen kann. Die von der Musik sichtlich geschockten Erzeuger sollen ihm Geld für die Finanzierung des Konzertes borgen. Die Ablehnung derer, und auch die der Sparkasse, bringt seine Emotionen derart in Wallung, dass er der Kreditsachbearbeiterin eine Wutrede vom Feinsten hält. Man merkt als Beobachter, Harry ist es ernst mit seiner Sache.

Doch seine Besessenheit hat auch weitere negative Auswirkungen. So wird ein sich anbahnender Flirt mit Lena, der Verkäuferin im Tierladen, fast zur Nebensache degradiert, weil er dauernd irgendwelche Termine mit ihr vergisst. Den Zwiespalt, den ihn dabei befällt, ist nur zu gut zu merken, auch seine Unsicherheit gegenüber Lena und sein noch nicht genau zu ortenden Gefühle für sie. Das sich der Film keine Zeit nimmt, die Beziehung besser auszuloten, muss kein Makel an sich sein, denn dadurch wird das permanente Gehetztsein von Harry um so nachvollziehbarer für den Betrachter.

Was den Film natürlich besonders trägt, ist der ergreifende Soundtrack aus scheinbar längst vergangenen Tagen. Ein musikalischer Rahmen, der eine Gänsehaut beim Zuhörer erzeugt und Erinnerungen an die eigene Jugendzeit heraufbeschwört. Dabei sind es zum einen die würdigen Klassiker wie von The Cure („Fire In Cairo" und „A Forest"), Human League mit dem hypnotischen „Being Boiled" oder XTC mit „Making Plans For Nigel", aber auch die verblüffenden „Fake"-Bands, die eigens für den Film erfunden wurden. Die zum größten Teil von Lee Buddah stammenden Kompositionen fügen sich dabei perfekt in die Szenerie der echten Songs ein, ob nun punkig-wavig wie Apollo Schwabing („Popmaschinen" und „Löwe") oder die durchgeknallten „Elektronischen Zwerge" mit ihrer Junkie-Sozial-Satire „Schneewittchen", die Authentizität leidet nicht im geringsten unter der Spätgeburt dieser Songs.

Natürlich dürfen auch die legendären Hits von D.A.F. nicht fehlen. Die werden übrigens von Denis Moschitto und Josef Heynert perfekt nachgestellt. Hier sitzt jede Geste, sowohl das typisch rhythmische Zucken auf der Bühne als auch der abgedrehte Schnösel nach durchkokster Nacht. In einem von Harry initiierten Fake-Interview offenbart sich nur zu gut, wie dicht Genie und Wahnsinn bei Sänger Gabi Delgado zusammen liegen.

Natürlich musste auf haarsträubende Weise noch einiges dramatisch hingebogen werden, um dem Film ein würdiges Ende zu verpassen. Dass Harry dabei seine eigene Sparkasse ausraubt, um D.A.F. bezahlen zu können, mag lächerlich erscheinen, ist im Grunde genommen aber nur das beeindruckende Finale einer letzten Konsequenz, die er für das Konzert für sich gezogen hat. Doch er findet nur lächerliche 2.000 DM, das reicht für die Gage der Stars kaum. Es ist wie beim Pokerspiel. Irgendwann ist man so committed, das es auf den Rest, den man in die Mitte stellt, sowieso nicht mehr drauf ankommt. Soll heißen: Mit Vince, dem Kopf der „Apollo Schwabing" verkracht, mit Lena nicht im Reinen, eine wütende Meute, die ihr Geld zurückverlangt und einen Haufen Kosten, auf denen er sitzen bleibt. Die Lichter gehen aus, er wankt im Dunkeln zum Ausgang. Doch es gibt sie noch, die Märchen: Einzelne fiepende Töne von der Bühne, Rufe aus der Masse, die Spots strahlen schlagartig hell und D.A.F. springen hervor (mit welchen Beweggründen auch immer) und begeistern das Publikum. Harry sein Wunsch ist in Erfüllung gegangen und die draußen wartende Polizei präsentiert ihm hingegen die Rechnung. Gewonnen und verloren.

Jürgen Teipel, Schriftsteller und Autor des Buches „Verschwende deine Jugend" mit dem Untertitel „Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave" kritisierte den Film als „unpolitisch" und „lediglich nett". Mag ja auch sein, doch Benjamin Quabek hatte gewiss nicht vor, Teipels Vorlage in ein filmisches Gewand zu hieven. Und so hätte der Film - abgesehen von der Musik, der Mode und andere Äußerlichkeiten - vielleicht auch zu einer anderen Zeit spielen können, wenn nicht gerade mal über den Nato-Doppelbeschluss geredet wurde. Aber darum geht es im Prinzip hier auch nicht. Es geht um Themen, die auch heute noch aktuell sind und nur durch die musikalische Zeitreise in der Vergangenheit spielen: Der Ungehorsam der Jugend und ihr rebellisches Verhalten, der Drang nach Selbstverwirklichung, die erste große Liebe und, wenn auch nur in Ansätzen, Drogen- und Alkoholprobleme. Zeitgeist und Moderne werden somit geschickt miteinander kombiniert und solche Szenen, in denen Delgado die Zukunft der CD anpreist, wirken dabei sehr erheiternd.

„Verschwende deine Jugend" ist seit langem wieder mal ein Film aus unseren Breiten, der mich emotional hinweg gerissen hat. Man möge mir meinen Enthusiasmus und der höchst subjektiven Sichtweise hinsichtlich der Musik nachsehen, und wer nicht darauf steht, sollte von meiner Note mal locker zwei Punkte abziehen. Für alle anderen gilt: Unbedingt anschauen, in die Hände klatschen und den Mussolini tanzen!

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