Review

Die 70er Jahre sind vorbei und mit ihnen die letzten Auswüchse der sorglosen Zeiten von Hippies und freier Liebe. Die Musikgrößen der vergangenen Zeiten sind längst zu vom Kommerz verdorbenen Geldproduktionsmaschinen geworden und die Jugend des neuen Jahrzehnts wartet gespannt was da kommen mag. Was dann letztlich kam, wurde zu einer der wohl interessantesten Phasen in der deutschen Musikgeschichte. innerhalb von nur 3 - 4 Jahren entstand aus den Anfängen der Wave-Szene und Punk die Neue Deutsche Welle. Kurze Zeit nur waren es Bands wie Ideal, S.Y.P.H, Fehlfarben, Hans-A-Plast und die Neonbabies, die mit ihrer anarchischen Mischung aus unterschiedlichsten Stilen eine Welle lostraten, die wie nichts und niemand zu vor war. Es gab keine Grenzen in der Musik und Texte mussten nicht mehr automatisch einen Sinn ergeben (und taten das letztlich doch mehr als man vermuten mag).

In dieser Zeit, genauer gesagt zu ihrem Beginn im Jahr 1981, lange bevor diese wunderbare Zeit von Nena, Marcus und zig anderen dem Kommerz übergeben wurde und somit viel zu schnell verstarb, ist der Film "Verschwende deine Jugend" angesiedelt. Den Titel hat man sich dabei frech von Jürgen Teipels Buch über diese Zeit übernommen, wandelt aber ansonsten auf eigenen Wegen.

Regisseur Benjamin Quadeck geht es in seinem zwischen Erinnerungen und Träumen wandelnden Film, auch weniger um eine exakte Dokumentation der Zeit, vielmehr geht es um Träume, für die es sich lohnt zu kämpfen, für die man auch etwas opfern muss, um letztlich etwas zu erreichen. Das er dabei etwas über das Ziel hinausschießt muss man zwar erwähnen, sollte man weder ihm noch dem Film aber zu sehr übel nehmen.
Quadeck erzählt die Geschichte des Bankkaufmann Azubis Harry Pretzel, der im musikalischen Niemandsland München lebt und dort die lokale Band "Apollo Schwabing" managet. Sein Traum ist es die damals in aller Munde liegenden D.A.F. nach München zu holen, und seine Band als Vorgruppe spielen zu lassen, doch das ist einfach gesagt als getan. Letztlich läuft es darauf hinaus, das er zwar keinerlei Zusage von D.A.F. hat, aber bereits mitten in den Vorbereitungen steckt, Plakate bereits hängen und auch der Münchner Zirkus Krone bereits gemietet ist. Als ob die Organisation des Festivals nicht schon genug wäre gibt es auch noch Zwist innerhalb der Band und auch in Harrys Liebesleben läuft nicht alles glatt.

Quadeck erzählt seine Geschichte mit einem herrlich melancholischen Unterton, und lässt seinen Hauptcharakter Harry, von Peter Schilling wunderbar sympathisch und lebendig dargestellt, durch die Konzertveranstalter Hölle gehen ehe sich im Finale D.A.F. ( leider nicht die echten, aber mit einem durchaus guten Denis Moschitto als Sänger und Mastermind Gabi Delgado)
auf die Bühne stellen. Doch bis es soweit ist, leiden und lachen wir mit Harry, durchleben eine wahre Gefühlsachterbahn, die immer skurrilere Formen annimmt, so etwa wenn Harry letztlich die Bank in der er arbeitet ausraubt um D.A.F. bezahlen zu können. Es sind leider Szenen wie diese, die die ansonsten relativ fest auf dem Boden stehende Story etwas entwerten, da hier einfach zu viel gewollt wird, man fast den Eindruck hat das Quadeck sich zu sehr von seinem wohl anvisierten Ziel, ein Portrai einer unglaublichen Zeit zu zeigen, entfernt, zugunsten einer wundervollen aber letztlich manchmal zu glatten zu abgehobenen Geschichte.
Auch vernachlässigt er die Nebenfiguren, so wird etwa die Beziehung zwischen dem exzentrischen und arroganten "Apollo Schwabing" Sänger Vince (Robert Stadlober) und seiner Freundin, der Bassistin Melitta (Jessica Schwarz) fast komplett vernachlässigt, dem Zuschauer werden nur vollendete Tatsachen präsentiert. Auch die aufkeimende und von Problemen behaftete Beziehung zwischen Harry und Lena (Nadja Bobyleva) bietet bedeutend mehr Potential als gezeigt wird. Eine eher kleine Rolle spielen auch der von Christian Ulmen etwas zu arrogant gespielte Musikreporter Wieland Schwarz und Plattenladenbesitzer Bob (Dieter Landuris).
Trotzdem wirkt die Story immer sympathisch und auch der Vorwurf der Belanglosigkeit, der dem Film gemacht wurde, stimmt so sicherlich nicht. Man sollte sich aber doch für die damalige Zeit interessieren und sich sicher auch ein wenig mit der Musik auskennen.

Das unbestrittene Highlight des Film ist aber sicher der Soundtrack, der eine grandiose Mischung aus alten Songs und neuen, für die fiktiven Bands der Münchner Szene geschriebenen Songs, bildet. Für diese neuen Songs, die zwischen grandios (Popmaschinen) und gnadenlos abgedreht ("Die Elektronischen Zwerge" mit Schneewittchen die Junkiebraut) schwankten zeichnet der Berliner Soundtüftler Lee Buddah verantwortlich, dem es gelungen ist das Feeling der damaligen Zeit einzufangen und gekonnt wiederzugeben ohne die Musik zu parodieren oder sich zu sehr in Zitaten zu verfangen. Dazu kommen großartige Songs aus den Anfängen der Wave, Punk und NDW Zeit, die sich dabei nicht nur auf Deutschland beschränken sondern auch Meisterwerke wie "Fire in Cairo" von The Cure, "Being Boiled" von The Human League und dem gigantischen "Making plans for Nigel" von XTC beinhaltet. Aus Deutschland sind unter Anderem Palais Schaumburg mit "wir bauen eine neue Stadt" oder (logischerweise) D.A.F. mit "Verschwende deine Jugend" vertreten, so das es von dieser Seite schon mal die volle Punktzahl gibt.

Letztlich ist "Verschwende deine Jugend" einer der Filme, der von den einen vergöttert wird, von den anderen als belangloser, langweiliger Zeitgeist Kitsch abgetan wird. Doch wer auch nur ein bisschen etwas von der Stimmung und der Zeit damals zu Beginn der 80er Jahre mitbekommen hat, der wird sich in diesem Film wiederfinden, irgendwo, irgendwie. Und spätestens wenn die ganzen Songs der damaligen Zeit während dem Film anlaufen, wird man sich erinnern an eine Zeit, in welcher in der Musikszene Deutschlands etwas großes entstand, für kurze Zeit verharrte und letztlich von sich selber zerschlagen wurde, dahingerafft vom Kommerz. So ist der Film also wie so oft Geschmackssache, aber für mich ist er nicht nur einer der schönsten Musikfilme (neben "Almost Famous") der letzten Jahre, sondern auch der Beweis dafür, das man auch in Deutschland gute Musik und gute Filme machen kann. 8 von 10 Punkten und abschließend das Motto von "Apollo Schwabing":
Die Augen aufs Große, den Großen aufs Auge

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